# taz.de -- Bilgers Vorschlag für Güterschiffe: Eine Fahrrinne im Rhein zaubert kein Wasser her
> Manche denken, dass man in Flüssen nur tiefer buddeln muss, damit sie
> wieder mit Wasser volllaufen. Doch diese Idee übersieht das wirkliche
> Problem.
(IMG) Bild: Viele Binnenschiffe werden mit weniger Gewicht beladen, weil die Gefahr besteht, dass sie sonst auf Grund laufen
Sommerferien. Wer es sich leisten kann, fährt vielleicht ans Meer,
verbringt den Tag am Strand. Und buddelt dort zum reinen Vergnügen einen
Graben. So lange, bis dieser mit Wasser vollläuft, welches sich von unten
durch den Sand drückt.
Da liegt es scheinbar nahe, dass man auch in großen Flüssen einfach nur ein
bisschen tiefer buddeln muss, damit sie wieder mit mehr Wasser volllaufen.
Gerade nämlich sind die Pegelstände in den Wasserstraßen Rhein, [1][Elbe]
und Donau niedriger als je zuvor, teils niedriger als seit Beginn der
Messungen. Viele Binnenschiffe werden mit weniger Gewicht beladen oder
legen gar nicht mehr ab, weil die Gefahr besteht, dass sie sonst auf Grund
laufen. Helfen soll jetzt zum Beispiel am Mittelrhein, [2][hat
Verkehrsminister Steffen Bilger versprochen], eine Fahrrinnenvertiefung. So
heißt die Maßnahme, mit der ein Teil der Wasserstraße tiefer ausgebaggert
werden soll.
Nur: Diese Maßnahme kann absolut nichts an der knappen Wassermenge ändern –
und ist deshalb keine angemessene Antwort mehr auf niedrige Pegelstände.
Wenn sich der Flusspegel an die neue Tiefe anpasst, sinken in der
umliegenden Landschaft die Grundwasserstände. Wenn Regen frisches Wasser
bringt, würde es durch die tiefere Rinne nur schneller flussabwärts, in
Richtung Meer kanalisiert. Gleichzeitig ist etwa der Rheingrund ständig in
Bewegung. Deshalb ist es gut möglich, dass sich Vertiefungen ohne schwerer
wiegende Eingriffe nach kurzer Zeit sowieso als zwecklos erweisen. Die
dafür nötigen Bagger würden den Lebensraum vieler Wassertiere und Pflanzen
zerstören. Für [3][effektiven Hochwasserschutz] brauchen Flüsse mehr Platz
– in der Breite, nicht in die Tiefe.
Kurz: Es spricht wirklich viel gegen eine Fahrrinnenvertiefung. Die am
Mittelrhein geplante Aktion steht sinnbildlich dafür, wie die Natur
kurzfristigen wirtschaftlichen Zielen unterworfen wird. Wichtiger wäre es,
Verkehrswege an die Natur anzupassen und sie im Zusammenspiel mit Klima-
und Naturschutzmaßnahmen zu denken. Ideen dafür liegen seit Jahren auf dem
Tisch, sind teilweise schon beschlossen. Nur an der Umsetzung hapert es.
## Das Ganze ist komplex
Bilger fordert zum Beispiel mehr niedrigwassertaugliche Schiffe, will dafür
2027 aber nicht mal halb so viel Geld bereitstellen wie 2026. Güterverkehr
soll auf die Schiene verlagert werden, auch das marode Gleisnetz braucht
mehr Geld. Zum Klimaschutz, der Klimafolgen wie das Niedrigwasser abdämpfen
könnte, gehört ein Verkehrssektor, der viel weniger CO2-Emissionen
verursacht als bisher. Und dann sind da noch Maßnahmen wie die
Wiedervernässung von Mooren oder Auen, die Wasser speichern können.
Das ist ein komplexes Unterfangen, welches nicht von einem Minister allein
gestemmt werden kann. Aber wenn Verkehrsminister Bilger im Sand vor sich
nur den Graben sieht, hat er auch für seine verkehrspolitischen Interessen
nichts gewonnen. Denn dann haben Flüsse als Verkehrswege keine Zukunft.
7 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Nanja Boenisch
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