# taz.de -- Antworten auf Wirtschaftskrise: Bin-nen-nach-fra-ge!
> Sozialkürzungen und Stellenabbau sollen die deutsche Wirtschaft retten.
> Besser wäre es, vom „New Deal“ Franklin D. Roosevelts zu lernen.
(IMG) Bild: Die Ehefrau von US-Präsident Roosevelt, Anna Eleanor, besucht eine Baustelle einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme des New Deals 1936
Friedrich Merz und seine Parteikollegin und Wirtschaftsministerin Katherina
Reiche sollten mal nach Washington fliegen. Sie sollten dabei die
Chefetagen der gesamten Industrie, insbesondere der großen deutschen
Autokonzerne, mitnehmen – für einen ausgedehnten Spaziergang durch die
US-Hauptstadt. Denn etwas abseits am Rand der berühmten National Mall
befindet sich auch ein Denkmal für Franklin D. Roosevelt.
Kein anderer Politiker des 20. Jahrhunderts steht mehr für erfolgreiche
Wirtschaftspolitik. Mit seinem New Deal überwand er nicht nur die Great
Depression, die schwerste und längste Wirtschaftskrise des 20.
Jahrhunderts. Roosevelt legte damit auch den Grundstein für lang andauernde
Prosperität. Kein Wunder also, dass Politiker*innen auch heutzutage
noch einen New Deal fordern, wenn sie einen großen Wurf wollen, um die
Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Vor allem aber tat Roosevelt ziemlich
genau das Gegenteil von dem, was die Bundesregierung derzeit macht.
Roosevelt kurbelte nicht nur mit Infrastrukturprojekten die Konjunktur an.
Er regulierte auch das Finanzwesen, förderte den öffentlichen Wohnungsbau,
stärkte die Gewerkschaften und führte einen Mindestlohn sowie die ersten
US-weiten Sozialversicherungen ein. Roosevelt schaffte damit nicht den
Kapitalismus ab. Er rettete die kapitalistische Produktionsweise vor sich
selbst, indem er dafür sorgte, dass es den Menschen im Land besser geht.
Denn ein durchaus positiver, nicht zu unterschätzender Nebeneffekt fürs
Kapital ist es, wenn die Bevölkerung ein gutes und stabiles Einkommen hat,
das sie ausgeben kann. Sie kann damit all die Waren kaufen, die sie selber
in kapitalistischen Betrieben produziert und garantiert damit
Unternehmensgewinne.
Dieses Prinzip erkannte bereits der Industrielle Henry Ford, als er zur
Einsicht kam, dass sich seine Arbeiter auch die von ihnen produzierten
Autos selbst leisten können sollten. Dabei war Ford wahrlich kein Linker.
Er schuf aus reinem Eigennutz mit dem Ford T ein für weite Teile der
Bevölkerung erschwingliches Auto. Im Nachkriegsdeutschland sollte diese
Funktion dem VW-Käfer zukommen.
## Das Versprechen des Wirtschaftswunders
Auch [1][der Käfer war bekanntlich kein linkes Projekt]; er wurde noch in
der NS-Zeit auf Betreiben Hitlers entwickelt. Trotzdem stand der Käfer in
der Nachkriegszeit für das Versprechen des Wirtschaftswunders, dass es
allen gut geht, wenn die Wirtschaft brummt.
Von dieser Maxime haben sich offenbar die Chefetagen der deutschen
Autokonzerne verabschiedet. Sie meinen, mehr Wettbewerbsfähigkeit und
höhere Profitabilität können nur durch Kostensenkungen zu Lasten der
Beschäftigten hergestellt werden. VW-Chef Oliver Blume will der Absatzkrise
durch Werksschließungen sowie massivem Stellenabbau begegnen. Mercedes-Chef
Ola Källenius will die Kosten senken, indem die Beschäftigten für das
gleiche Geld länger arbeiten sollen. Auch bei BMW soll gespart werden.
Damit kündigen die deutschen Autobauer en passant die Sozialpartnerschaft
zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf, wie sie seit dem Ende des
Zweiten Weltkrieges besteht. Denn ihre Krise und wie sie mit ihr umgehen,
stehen sinnbildlich für die gesamte Industrie des Landes.
Kanzler Merz und die Marktradikalen seiner Partei blasen ins selbe Horn.
Sie wollen, dass wir krank zur Arbeit und später in Rente gehen, [2][sie
sägen am Achtstundentag] und kürzen überall am Sozialstaat herum. Der DGB
ruft deswegen auch schon zu einem Aktionstag für einen starken Sozialstaat
und den Schutz vor Arbeitnehmerrechten im September auf. Und das, obwohl
DGB-Chefin Yasmin Fahimi mal Generalsekretärin der mitregierenden SPD war.
Dabei ist es ein Fehlschluss, in Zeiten internationaler Handelskonflikte
und wachsender chinesischer Konkurrenz auf den Märkten der Welt zu meinen,
die Krise überwinden zu können, indem man mit Kostensenkungen die eigene
internationale Wettbewerbsfähigkeit steigert. Erstens wird dafür das
Lohnniveau nicht ausreichend abgesenkt werden können. Zweitens kommt es
zumindest bei den Nobelkarossen von BMW, Mercedes, Audi und Porsche nicht
auf den Preis an.
## Menschen als Kostenfaktor
Stattdessen sollten die Autobauer lieber auf die heimischen Straßen
schauen. Denn dort sieht es gar nicht so schlecht aus. VW, BMW und Mercedes
dominieren immer noch den heimischen Markt, nicht nur bei den Verbrennern.
Zwar ist ein Tesla derzeit das meistverkaufte E-Auto. In den Top Ten der
Neuzulassungen vom Juni kommen danach nur Modelle deutscher Autohersteller.
Die Transformation muss die heimische Industrie also nicht in den Untergang
treiben, sie kann durchaus noch zu einer Erfolgsstory werden.
Dafür reichen Förderprogramme wie das Sozial-Leasing nicht aus, mit dem
Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen einen Zuschuss für ein
neues E-Auto bekommen können. Sie werden so lange bloße Kosmetik auf einer
falschen Wirtschaftspolitik sein, wie es nicht zu einem grundlegenden
Umdenken in Politik und Wirtschaft kommt.
Merz und seine Bündnispartner sollten die Bevölkerung nicht mehr als
lästigen Kostenfaktor sehen, den es zu senken gilt. Denn es sind die
Menschen, die ganz normalen Beschäftigten, die den gesellschaftlichen
Reichtum produzieren. Und sie müssen zumindest an diesem Reichtum teilhaben
können, soll die Wirtschaft nicht vor die Wand fahren.
Dies hat Roosevelt vor fast 100 Jahren erkannt, als er mit dem New Deal die
Grundlagen für anhaltende Prosperität schuf. Vor allem aber verhinderte er,
dass in den USA – im Gegensatz zu europäischen Staaten wie Deutschland,
Italien und Spanien – Faschisten die Macht übernahmen.
Das allein sollte Grund genug für die deutsche Politik sein zu prüfen, was
sie von ihm lernen kann. Insofern könnte sich für Merz und die
Autokonzern-Chefs eine Reise nach Washington gleich zweifach lohnen. Sie
könnten Wirtschaft und Demokratie gleichzeitig retten. Die Frage ist, ob
sie sich in der Frage überhaupt weiterbilden wollen.
Transparenzhinweis: In einer früheren Version des Artikels war das Foto
falsch beschriftet: Nicht Franklin Roosevelt, sondern seine Ehefrau Anna
Eleanor ist darauf zu sehen.
31 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Simon Poelchau
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