# taz.de -- Grüner Stahl aus Deutschland: Ungewisse Zukunft
> Die Beratungsfirma PwC hält grünen Stahl aus Deutschland für nicht
> konkurrenzfähig. Gewerkschaftskreise warnen vor einer Aufgabe der
> Produktion.
(IMG) Bild: Ungewisse Zukunft: Hüttenwerke Krupp-Mannesmann in Duisburg
Regelt es der Markt, könnte es in 10, 15 Jahren keine mitteleuropäische
Rohstahlproduktion mehr geben. „Für Mitteleuropa zeigt sich in keinem
Szenario die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Primärstahlproduktion“,
schreibt die Beratungsfirma PWC in einer am Montag veröffentlichen Studie.
Dabei spielt es keine Rolle, ob der [1][Stahl klimafreundlich] mit
Wasserstoff oder traditionell mit Kohle erzeugt wird. Insbesondere in
Indien und der Golfregion seien die Wettbewerbsvorteile bei Energie- und
Rohstoffpreisen zu hoch.
Allein in Skandinavien soll künftig eine konkurrenzfähige grüne
Stahlproduktion möglich sein. PWC legt deshalb nahe, die energieintensive
Rohstahlproduktion ins Ausland auszulagern. Lediglich in der
„wissensintensiven“ Weiterverarbeitung und der Stahlgewinnung aus Schrott
sieht die Beratungsfirma eine wettbewerbsfähige Zukunft.
Gewerkschaftskreise warnen allerdings davor, den Standort aufzugeben.
Dass die Stahlindustrie schon länger in der Krise steckt, ist unbestritten.
Weltweit herrschen Überkapazitäten, weil die Autobauer in der Krise sind,
fehlt die heimische Nachfrage. Seit dem Jahr 2008 gingen in der
europäischen Stahlindustrie rund 100.000 Jobs verloren. Weitere
Entlassungen drohen. [2][Neue EU-Schutzzölle] sollen die hiesige Produktion
vor billiger Konkurrenz aus China, Indien und der Türkei schützen.
Die Beratungsfirma PWC geht davon aus, dass die traditionelle
Produktionstechnik mit Kohle-Hochöfen im Vergleich zu anderen Verfahren
nicht mehr preislich konkurrenzfähig ist. Dies liegt nicht nur am
steigenden CO₂-Preis, mit dem die EU Anreize zur Emissionsreduzierung
schaffen will. „Schon heute existieren Primärstahlkapazitäten,
beispielsweise in den Golfstaaten, die günstiger und emissionsärmer
produzieren können als die europäische Industrie“, heißt es in der Studie.
## Neuer Stahl-Hotspot Oman
Als Beispiel nennt PWC die Sonderwirtschaftszone Duqm im Oman. Dort
errichtet der indische Stahlkonzern Jindal derzeit gleich mehrere moderne
Direktreduktionsanlagen mit einer Kapazität von fünf Millionen Tonnen pro
Jahr. Sie sollen Anfang nächsten Jahres in Betrieb gehen und zunächst mit
omanischen Erdgas, später mit Wasserstoff betrieben werden, der ebenfalls
kostengünstig im sonnenreichen südarabischen Land produziert werden kann.
Gleichzeitig stockt in Mitteleuropa die Transformation der Stahlproduktion.
„Von den angekündigten europäischen Green-Steel-Projekten ist annähernd die
Hälfte bereits verschoben, gestoppt oder im Umfang reduziert worden“,
schreibt PWC. ArcelorMittal habe seine Transformationspläne für die Werke
in Bremen und Eisenhüttenstadt vollständig aufgegeben und zugesagte
Fördermittel in Milliardenhöhe verfallen lassen, Thyssenkrupp hat die
Ausschreibung für grünen Wasserstoff für seine Duisburger
Direktreduktionsanlage ausgesetzt und bewegt sich nach eigener Aussage „an
der Grenze der Wirtschaftlichkeit“.
Die IG Metall warnt jedoch vor einem Ende der Rohstahlproduktion. „Als
bedeutende Grundstoffindustrie liefert die Stahlbranche unverzichtbare
Inputs für nachgelagerte Sektoren, insbesondere Bauwirtschaft, Maschinenbau
und Automobilindustrie“, erklärt ein Sprecher der Industriegewerkschaft.
Rund zwei Drittel der Industriearbeitsplätze in Deutschland entfielen auf
stahlintensive Branchen.
Der Ökonom Patrick Kaczmarczyk hält ein Aus der heimischen Stahlproduktion
ebenfalls für gefährlich. Er warnt davor, dass viele neue, grüne
Stahlanlagen derzeit wie im Oman in der Region rund um die Straße von
Hormus entstehen. Weil diese im Zuge des Irankrieges gesperrt ist, sind in
den vergangenen Monaten die Spritpreise massiv angestiegen. „Projekte in
Oman mögen zwar außerhalb dieser Meerenge liegen, doch die Route durch das
Rote Meer hat sich durch die Huthi-Angriffe ebenfalls als störanfällig
erwiesen“, warnt deshalb Kaczmarczyk im Gespräch mit der taz vor möglichen
künftigen Stahl-Lieferengpässen.
## 50 Milliarden Euro Wertschöpfungsverlust
Der Ökonom hat zusammen mit Tom Krebs in einer Studie für die
gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung berechnet, dass der deutschen
Wirtschaft bei einem globalen „Stahlschock“ ohne nennenswerte eigene
Produktion ein Wertschöpfungsverlust von bis zu 50 Milliarden Euro droht.
Im Gegensatz zur Beratungsfirma PWC hält er den Aufbau einer
wettbewerbsfähigen grünen [3][Rohstahlproduktion in Mitteleuropa] für
durchaus realistisch – wenn der Staat seine Hausaufgaben macht und bei der
Transformation unterstützt: „Mit industriepolitischen Eingriffen wie einem
Industriestrompreis von 50 Euro je Megawattstunde, einem Wasserstoffpreis
von 120 Euro je Megawattstunde und einer Investitionsförderung von 50
Prozent liegen die Herstellungskosten grünen Primärstahls auch in
Deutschland auf einem wettbewerbsfähigen Niveau“, so Kaczmarczyk.
3 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Simon Poelchau
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