# taz.de -- Lesbisches Cruising im Tiergarten: Wo die Amazone wacht
> Frauen* treffen sich im Berliner Tiergarten den Sommer über zum Cruising
> im Grünen. Warum die Sextreffen auch ein politisches Statement sind.
(IMG) Bild: Wacht über weibliche Orte der Lust: Amazonen-Statue im Tiergarten
Sommer in der Stadt: Die Hitze steht zwischen den Häusern. Viele suchen
sich einen See zur Abkühlung. Wen es nicht ans Wasser zieht, findet
Schatten im Park oder – wir sind in Berlin – heiße Abenteuer. Der
Tiergarten, die größte und stadtgeschichtlich eine der ältesten
Grünflächen, wurde ursprünglich für die königliche Jagd angelegt, 1833 vom
preußischen König Friedrich II. aber als Volkspark freigegeben. Auf die
Jagd folgte die Artenvielfalt. Bis heute beherbergt der Park eine große
Anzahl an Tieren und Pflanzen, doch auch für menschliche Vielfalt ist hier
Platz.
Schon während der Weimarer Republik wurde das dichte Grün von Bäumen und
Büschen von denjenigen genutzt, deren Liebe und Sexualität verboten war.
Schwule, trans- und bisexuelle Menschen nutzten den Tierpark als Ort des
Kennenlernens und der Intimität. Sexuelle Begegnungen zwischen Wiesen und
Wildblumen waren hier möglich und unter schwulen Männern weit über Berlin
hinaus als Treffpunkt bekannt.
Das Cruising – aus der englischen Seefahrersprache: „mit dem Schiff
kreuzen, herumfahren“ – war über lange Zeit eine der wenigen Möglichkeiten,
sich abseits der heteronormativen Gesellschaft zu zeigen, sich zu treffen
und – spontan und anonym – sexuell Kontakt zu haben. Durch Verbote und
Ausgrenzung hat diese Art des Kennenlernens eine lange Tradition bei
Menschen die Sexualität und Liebe außerhalb der „Norm“ suchen.
Allerdings führt das Treffen im Freien auch immer wieder zu Gewalt
gegenüber queeren Menschen und zu „Nutzungskonflikten“: Das Grünflächenamt
hat etwas gegen das Cruising mit dem Hinweis auf den Schutz der Pflanzen.
Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) ließ erst kürzlich
[1][Flugblätter gegen schwules Cruising] verteilen.
## Am Venushügel treffen sich immer mittwochs Frauen*
Dass sich im Tiergarten, passenderweise am Venushügel, nahe der Straße des
17. Juni, zwischen Stauden und wildem Lavendel, auch ein Treffpunkt für
Frauen* befindet, ist wenig bekannt. Dort, rund angelegt, mit einem Kiesweg
und umstehenden Bänken, kann man gut flanieren, sich setzen und hat alle
Kommenden im Blick. Jeden Mittwochabend verwandelt sich dieser üppig
bepflanzte Platz rund um die große Bronzeplastik [2][„Amazone zu Pferde“]
in einen Raum für weibliche* Lust.
Was für Außenstehende wie ein entspannter Abend im Park aussieht, ist für
einen Teil der queeren Community mehr als nur ein Treffpunkt unter freiem
Himmel. Es ist ein Ort der Sichtbarkeit von Frauen und ihrer Sexualität –
was auch heute, 100 Jahre nach dem Aufstellen der stolzen Reiterin, nicht
selbstverständlich ist.
Die Bronzeplastik ist eine von drei Amazonen-Statuen in Berlin, alle um
1900 von männlichen Künstlern geschaffen. Der Frauenkörper trägt nur ein
angedeutetes Gewand, die linke Brust ist ganz nackt. Was gängig ist für die
Art, wie Männer Frauen abbilden, ist bei dieser Skulptur, einer Amazone
(a-mazos – ἀμαζός „brustlos), einer Kriegerin, die laut Legende ihre Brüste
abschnitt für den Kampf und nicht dekorativ herzeigt, noch verdrehter. Die
sexualisierte Darstellung von nackten oder fast nackten weiblichen Körpern
lässt sich überall finden, [3][wie die feministischen Kunstaktivistinnen
der Guerrilla Girls schon fragten: „Müssen Frauen nackt sein, um ins Museum
zu kommen?“]
Ob man für die Berliner Amazone vielleicht einen Pulli stricken sollte?
Schließlich sind unsere Winter sehr lang. In Dänemark hat eine
Aktivistinnengruppe Vergleichbares getan, um darauf hinzuweisen, dass es in
dem kleinen nordischen Königreich dreimal so viele nackte Frauenstatuen
gibt wie solche, mit einem Namen.
## Auftakt zur Saison mit einem „Ficknick“
Aber bevor jetzt jemand darauf hinweist, dass es nicht sexistisch, sondern
kämpferisch-symbolisch gemeint sei, wenn Revolutionärinnen zum Beispiel
jung und oben ohne dargestellt werden: Verzeiht die Frage nach ähnlichen
Beispielen eines tapferen Ritters oder Feldherrn, der als Zeichen der
Stärke „unten ohne“ dargestellt wird. Aber das führt hier zu weit. Nehmen
wir einfach an, die Kunstwelt sei heute gerechter als früher und wir suchen
rund um die reitende Amazone nach lebendigen Brüsten …
„Die lesbische Cruising-Kultur im Tiergarten, die mit einem Ficknick Ende
Mai ihren Auftakt feiert und sich bis in den Oktober erstreckt, ist eine
kreative, aber keine statische Veranstaltung“, sagt Polly Fannlaf, eine der
Gründerinnen dieser Idee und des [4][Freudenfluss Netzwerkes].
Fannlaf beschreibt das Treiben im Grünen als eine „offene Praxis“. Ihr
Ablauf sei maßgeblich von den Teilnehmenden und der Dynamik der jeweiligen
Begegnungen abhängig. „Das Agieren im blühenden Park, frei vom Druck
festgelegter Erwartungen, macht einfach Spaß“, sagt Fannlaf. „Man etabliert
Wege und Aktivitäten dort, wo man sie sehen möchte. Durch das wiederholte
Besuchen werden diese Orte als Räume für die Community verankert. Die
öffentliche Präsenz fungiert so als notwendiges Mittel gegen
gesellschaftliche Ausgrenzung.“
[5][Laura Méritt, eine feministische Ikone Berlins], organisiert seit
Jahrzehnten Treffen für weibliche Sexualität, sagt, dass „es darum geht,
dass lesbisches Leben und Frauensexualität im öffentlichen Raum genauso
selbstverständlich präsent sein sollen wie alle anderen Lebensentwürfe“.
Méritt verweist dabei auf eine lange Tradition: „Aktivistinnen der 1920er
Jahre kämpften schon gegen diskriminierende Gesetze und für die öffentliche
Sichtbarkeit von Frauen.“
## Öffentliche Orte in Anspruch nehmen
Diese historische Einordnung unterstreicht, dass das heutige Handeln Teil
eines fortlaufenden Prozesses ist, bei dem es darum geht, öffentliche Orte
in Anspruch zu nehmen. Vom Händchenhalten bis zu allen Arten von Liebe. Im
Sommer des Jahres 1929, als die Statue der Amazone errichtet wurde, gab es
drei wöchentlich erscheinende lesbische Zeitschriften, die natürlich auch
die Liebe zwischen Blumen im Park erwähnen. „Heute, ein Jahrhundert, später
sollte Liebe unter Frauen selbstverständlich sein, dennoch sind wir auch in
Berlin – der ‚bunten Insel‘ – kaum sichtbar“, sagt Méritt.
Als einem lesbischen Paar das Küssen in einer Eisdiele untersagt wurde,
wurden spontane Kiss-ins organisiert. Auch gegen sexualisierte Gewalt an
Frauen demonstrieren Polly Fannlaf und Laura Méritt seit Jahrzehnten, ganz
wie es sich die antiken Griechinnen in einem [6][Theaterstück von
Aristophanes] gewünscht hätten: „Lysistrata so wird's geschehen: Wir
Frauen, sind, steh'n wir nur zusammen.“
„Der gemeinsame Kampf gegen sexuelle Gewalt und das Recht auf öffentliche
Berührungen hängen eben zusammen“, betont Méritt. „Angriffe gegenüber
Frauen und queeren Menschen werden leider nicht weniger. Einer der Gründe,
warum wir mit Cruising-Orten nicht so öffentlich werden, ist [7][die Angst
vor Übergriffen]. Wir verweisen auf Signal oder andere digitale Gruppen, in
denen man sich untereinander über schöne Badebuchten oder andere Wiesen im
Park zum Kennenlernen informiert.“ Oder eben die alten Wege der
Infobeschaffung, in einschlägigen feministischen Sexshops und Buchläden.
Intimität an öffentlichen Orten kann aus den unterschiedlichsten Gründen
kritisch sein, doch betrachtet man die Statistiken zu Gewalt ist das eigene
Zuhause historisch und gesellschaftlich offensichtlich der gefährlichste
Ort. Cruising-Orte wie im Tiergarten bieten die Möglichkeit, Intimität
außerhalb fester, privater Beziehungen in einem gemeinschaftlichen Rahmen
zu erleben.
## Es ist heiß – Kommt zusammen!
Obwohl die lesbisch-queere Community in Berlin mutmaßlich eine der größten
in Europa ist, fehlt es neben den großen schwulen Orten der Stadt weiter an
weiblich-queerer Sichtbarkeit. Auch dafür soll hier etwas getan werden.
Nicht umsonst ist die Amazone mit der Streitaxt das Zentrum des Geschehens.
Für die Community ist sie ein kraftvolles Symbol: Sie repräsentiert sowohl
die notwendige Verteidigung nach außen als auch die wichtige, interne
Auseinandersetzung innerhalb der Frauen- und queeren Bewegung.
Vielleicht würde es sich hier anbieten, einmal die Kunstwerke zu ergänzen
und gegen die Idee einer „natürlich binären Welt“ auch die Pflanzen, die
hier überall wachsen, genauer anzusehen. Spätestens bei genauem
Biologiestudium wird klar, dass diese Einteilung weit gefehlt ist.
In New York gibt es jetzt einen „Queer Garden“ den Queer Ecologies Garden
im historischen Alice Austen House auf Staten Island. Dieser einzigartige
Raum stellt traditionelle, heteronormative Naturkonzepte infrage, indem er
ausschließlich Pflanzen mit queeren Merkmalen präsentiert. Die Pflanzen
dort wurden gezielt ausgewählt, um Fluidität zu repräsentieren – wie zum
Beispiel Pflanzen, die sich selbst bestäuben, ihr Geschlecht wechseln oder
sowohl männliche als auch weibliche Fortpflanzungsorgane besitzen können.
Der Garten ist gefüllt mit symbolischen, historischen Pflanzen wie
Stiefmütterchen, Veilchen (die an die antike griechischen lesbische
Dichterin Sappho erinnern) oder Zitronengras.
Am Ende bleibt die Einladung von Laura Méritt und Poly Fannlaf an alle: den
Mut aufzubringen, neue Räume – und damit neue Erfahrungen – zu erobern: Es
ist heiß – Kommt zusammen!
19 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.queer.de/detail.php?article_id=58326
(DIR) [2] /Symbol-der-weiblichen-Emanzipation/!5977471
(DIR) [3] /Feministische-Ausstellung-in-Hannover/!5487035
(DIR) [4] https://www.polly-fannlaf.art/de/fuckNorms.php
(DIR) [5] /Sexpertin-ueber-Public-Pussy-Power/!5714353
(DIR) [6] https://de.wikipedia.org/wiki/Aristophanes
(DIR) [7] /Queere-Menschen-in-Berlin/!6200318
## AUTOREN
(DIR) Nike Wessel
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