# taz.de -- Wohnungslosigkeit und Queerness: Besonders schützenswert, aber kaum Schutz
       
       > Queere Wohnungslose sind in Hilfsangeboten oft mit diskriminierendem
       > Verhalten konfrontiert. Auch in Berlin mangelt es an spezifizischen
       > Angeboten.
       
 (IMG) Bild: Schlafsaal für Frauen in der Kältehilfe-Notübernachtung in der Bergstraße im Bezirk Steglitz-Zehlendorf
       
       Nicht erst der [1][Anschlag auf den CSD] in Berlin Ende Juli hat gezeigt,
       dass queeres Leben besonders gefährdet und besonders schützenswert ist. Das
       schätzt auch die Bundesregierung so ein, wenn sie in ihrer Antwort auf eine
       [2][Kleine Anfrage der Grünen zur Wohnungslosigkeit queerer Menschen] sagt,
       dass diese in den Facharbeitsgruppen des Nationalen Forums gegen
       Wohnungslosigkeit als besonders schützenswerte Gruppe mitgedacht werden
       muss. Trotzdem unternimmt die Bundesregierung keine gesonderten Maßnahmen,
       um queere Menschen vor Obdachlosigkeit zu schützen, wie die Antwort zeigt.
       
       Das Nationale Forum soll das Ziel umsetzen, welches 2024 im [3][Nationalen
       Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit] beschlossen wurde: Wohnungslosigkeit
       bis 2030 abschaffen. Bis zur Erfüllung des Ziels bleiben jedoch kaum noch
       drei Jahre und Wohnungslosigkeit ist auch in Berlin allgegenwärtig. Das im
       Rahmen des Aktionsplans erstellte Jahresarbeitsprogramm für 2026 beinhaltet
       von 50 Maßnahmen nicht eine, die den Schutz queerer Menschen besonders
       hervorheben würde.
       
       Dabei brauchen queere Menschen auch in der Wohnungslosigkeit besondere
       Schutzräume. Viele queere Menschen meiden existierende Hilfsangebote, weil
       sie befürchten, [4][dort diskriminierende Erfahrungen] zu machen. Im
       Hilfesystem in Berlin machen sie deshalb nur einen Anteil von etwa fünf bis
       sechs Prozent aus, obwohl 15 Prozent der Wohnungslosen in der Stadt queer
       sind. Das ergab die erste [5][Grundlagenstudie zu queerer Wohnungslosigkeit
       in Berlin] aus 2024.
       
       Oft mangelt es an Sensibilisierung beim Personal der Notunterkünfte.
       „Menschen, die wegen familiärer Ablehnung, Diskriminierung und Gewalt auf
       der Straße landen und selbst in Notunterkünften nicht sicher sind, werden
       von unserem Staat dabei doppelt im Stich gelassen“, sagt Nyke Slawik,
       queerpolitische Sprecherin der Grünen und Bundestagsabgeordnete.
       Insbesondere sind davon trans*, inter* und nicht-binäre Menschen betroffen.
       
       ## Starke Binarität
       
       „Die Notunterbringungen sind stark geschlechtsbinär geregelt“, sagt auch
       Anjes Sanogo von der Schwulenberatung Berlin. Beim Leitungspersonal der
       Unterkünfte bestehe eine große Unsicherheit diesbezüglich, vor allem seit
       Inkrafttreten des Selbstbestimmungsgesetzes 2024. Manche Leitungskräfte
       würden zum Beispiel trans Frauen ablehnen, weil sie dem Mythos aufsitzen,
       trans Frauen würden cis Frauen sexuell belästigen wollen. Das hohe Maß an
       Verantwortung beim Leitungspersonal über das, was in der Unterkunft
       passiert, führe dann dazu, dass trans Frauen häufig abgelehnt würden.
       
       Unter anderem deswegen hätten queere Menschen eine hohe Neigung dazu,
       lieber verdeckt wohnungslos zu sein, sagt Sanogo. Sie würden zum Beispiel
       Couchsurfing bei Freund*innen nutzen. Das bürge auch Risiken: „Zum Teil
       harren sie auch in sehr missbräuchlichen Wohngelegenheiten aus, um nicht in
       die Notunterkünfte gehen zu müssen.“
       
       Erste Projekte, wie queere Wohnungslosigkeit gezielt bekämpft werden kann,
       gibt es bereits in Berlin. Zum Beispiel durch den [6][Housing
       First-Ansatz]. Wohnungslose Menschen bekommen in diesem Zusammenhang zuerst
       eine Wohnung gestellt. Daran sind keine Bedingungen geknüpft, wie es sonst
       häufig der Fall ist. Die Teilnehmenden müssen nicht in Therapie gehen, frei
       von Sucht oder in Arbeit sein. Sechs Träger arbeiten aktuell in Berlin nach
       diesem Ansatz. Auch für queere Menschen gibt es seit 2023 ein solches
       Angebot von der Schwulenberatung Berlin. Die Nachfrage ist hoch, aktuell
       gibt es keine freien Plätze mehr.
       
       Beim Angebot [7][Queerhome* vom Sonntags Club e. V.] können queere
       Wohnungslose sich kostenlos beraten und auf der Suche nach einer Unterkunft
       oder Wohnung unterstützen lassen. 800 Personen melden sich dort laut einer
       Sprecherin des dazugehörigen AK queer*wohnen jedes Jahr. In seiner
       [8][Handlungsempfehlung] von Juli diesen Jahres fordert der Arbeitskreis
       unter anderem die flächendeckende Etablierung von bedarfsgerechten
       Angeboten. Wenige Plätze stehen queeren Wohnungslosen auch im Gay Hostel in
       Schöneberg zur Verfügung. Ein weiteres Angebot gibt es im Casa Libre in
       Lichtenberg, gefördert von der Senatsverwaltung. Dort können 45 Personen
       untergebracht werden – immer wieder gibt es jedoch Debatten über den Erhalt
       der Unterkunft.
       
       ## Berlin ist schon weiter
       
       Finanziert wird das [9][Projekt Housing First Queer] durch die
       Senatsverwaltung für Soziales des Landes Berlin. 45 Wohnungen konnten so
       bereits vermittelt werden. Sanogo, Teamleitung von Housing First Queer,
       gefällt der radikal menschenrechtliche Ansatz: „Bei Housing First steht im
       Mittelpunkt, in eigenen Wohnraum zu gelangen mit dem Ziel, die
       Lebenssituation zu stabilisieren.“ In der regulären Wohnungslosenhilfe sei
       es genau umgekehrt.
       
       „Nicht wir mieten die Wohnungen an, sondern die Menschen selbst.“ Dafür
       kriegen sie ihren eigenen Mietvertrag. „Das ist ganz wichtig, denn unser
       Prinzip ist, dass Betreuung und Wohnung voneinander getrennt sind“, sagt
       Sanogo. So können Menschen auch in ihrer Wohnung bleiben, wenn die
       Betreuung endet und umgekehrt.
       
       Von der Bundesregierung wünscht sich Sylvia Rietenberg, Berichterstatterin
       für Wohnungs- und Obdachlosigkeit der Grünen und Mitglied im Bundestag
       konkrete Maßnahme für diese spezifische Zielgruppe: „Allgemeine Maßnahmen
       helfen nicht, wenn man die besonderen Hürden queerer Menschen gar nicht
       erst wahrnimmt.“ Der Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit sei mit
       großem Anspruch gestartet. Aber: „Unter dieser Bundesregierung bleibt davon
       nicht mehr als eine PR-Fassade, die nichts mit der Realität der Betroffenen
       zu tun hat“, beklagt die Politikerin.
       
       21 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Anschlag-auf-Berliner-CSD/!6199279
 (DIR) [2] https://dip.bundestag.de/vorgang/queere-wohnungslosigkeit/337566
 (DIR) [3] https://www.bmwsb.bund.de/DE/wohnen/wohnungsmarkt/nationaler-aktionsplan-gegen-wohnungslosigkeit/nationaler-aktionsplan-gegen-wohnungslosigkeit_node.html
 (DIR) [4] /Queere-Menschen-in-Berlin/!6200318
 (DIR) [5] https://www.berlin.de/sen/lads/schwerpunkte/lsbti/artikel.1508470.php
 (DIR) [6] /Obdachlosigkeit-in-Berlin/!5626627
 (DIR) [7] https://queerhome.de/
 (DIR) [8] https://ak-queer-wohnen.de/pressemitteilung-03-07-2026-ak-queerwohnen-veroeffentlicht-handlungsempfehlungen/
 (DIR) [9] https://schwulenberatungberlin.de/housing-first-queer/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Simbürger
       
       ## TAGS
       
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