# taz.de -- Nach dem CSD-Anschlag ins Café Keese: Als sei die Welt noch in Ordnung
       
       > Polizeisperren am Tiergarten, Sorge nach der Schocknachricht. Ein
       > zufälliger Abstecher ins Tanzlokal bringt uns in eine ahnungslose, heile
       > Welt.
       
 (IMG) Bild: „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“
       
       Es ist nicht der richtige Moment, um feiern zu gehen, dieser Samstagabend.
       Erst beim Reinfahren in die Stadt erfahren wir [1][von dem mutmaßlichen
       Anschlag auf den CSD]. Viel weiß man noch nicht, außer, dass man eigentlich
       nichts weiß. Wir waren draußen in Brandenburg gewesen, bei Freunden mit
       Kind und Haus, und hatten in diesem kleinen Stück heiler Welt Kaffee und
       Kuchen gegessen.
       
       Jetzt fahre ich uns auf dem Moped über den Ernst-Reuter-Platz. Die Stimmung
       der wenigen Leute, die vereinzelt herumlaufen, wirkt gedrückt. Am
       Tiergarten dann die Polizeisperre, nur die leeren Flaschen, der Müll auf
       den Gehwegen und die vielen Polizei-Wannen erinnern daran, dass hier bis
       vor Kurzem eigentlich ein großes Fest stattgefunden hat. Nun wird hier wohl
       nach einem Täter gefahndet. Ich fahre uns nach Hause. Einschlafen können
       wir lange nicht, viel Neues erfahren wir über die News-Apps aber nicht.
       
       Am nächsten Tag ploppen immer wieder Nachrichten von Freunden auf: „Geht es
       euch gut?“ „[2][Bist du in Berlin, warst du auf dem CSD?]“ Draußen regnet
       es. Du machst dann doch irgendwann das Radio aus, seit Stunden berichten
       sie auf Deutschlandfunk nichts Neues. „Lass uns vor die Tür gehen“, sagst
       du. „Bringt ja nichts, den ganzen Tag hier rumzusitzen.“
       
       Gedankenverloren laufen wir entlang der Straße des 17. Juni, vorbei an den
       leeren Gebäuden rund um die TU. Ab und zu fährt ein Polizeiwagen mit
       Blaulicht und Martinshorn an uns vorbei. Ich frage mich, ob das was mit der
       Fahndung zu tun hat.
       
       Schließlich laufen wir an einem Schaufenster vorbei, in dem mit
       regelmäßigen Discofox-Abenden geworben wird. Mit seinen Diskokugeln und dem
       weißen Lamellenvorhang vermittelt es in etwa den gleichen Vibe wie der
       70er-Jahre-Partykeller meiner Großeltern. Café Keese steht in großen grünen
       Lettern aus derselben Zeit darüber. Und in geschwungener Schrift „Honi soit
       qui mal y pense“ („Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“). So oft hatte ich
       schon von diesem [3][kultigen Tanzlokal] gehört, jetzt stehen wir direkt
       davor.
       
       ## Bier nur am Tresen
       
       Ein älterer Mann mit weißem nach hinten gekämmtem Haar und perfekt
       sitzendem hellen Anzug tritt auf die Straße. Hinter ihm erkenne ich den
       riesigen fensterlosen Tanzsaal, noch mehr Diskokugelgeglitzer,
       Glitzervorhänge und rot bezogene Ecksofas. Sowie weiteren stylischen
       Tanzlokal-Stuff aus den 60er oder 70er Jahren, von dem ich nicht mal den
       Namen kenne. Und – so heißt es im Schaufenster – es soll sogar
       Tischtelefone geben. „Komm, lass uns hier ein Bier trinken“, sage ich.
       
       Im Eingangsbereich stehen zwei Frauen im fortgeschrittenen Alter, auch sie
       in schicken, pastelligen Ausgehkleidern. „Wo wollen Sie hin?“, fragt uns
       die Frau an der Garderobe und zeigt auf ein Schild: acht Euro Eintritt.
       Daneben liegen noch die Bingokarten mit durchgestrichenen Zahlen von heute
       Mittag. „Wir haben aber nicht mehr lange auf“, fügt sie hinzu. Dass wir
       doch nur ein Bier trinken möchten, sagst du.
       
       Daraufhin verschwindet sie im Lokal, kommt kurz darauf wieder und sagt:
       „Okay, Sie können reingehen, aber nur, wenn Sie Ihr Bier am Tresen trinken.
       Und tanzen geht dann leider auch nicht.“ Wir bedanken uns, ich grinse dich
       an, weil ich mir gerade vorstelle, wie wir beide zwischen den ganzen
       Ü70-Leuten zum Discobeat das Tanzbein schwingen.
       
       „Crying at the discotheque“, heißt es hier gerade. Mich würde aber auch
       nicht wundern, wenn gleich Udo Jürgens um die Ecke käme und „Aber bitte mit
       Sahne“ von der Bühne trällern würde, denke ich mir, während wir auf den
       Barhockern Platz nehmen. Wir beobachten ein wenig, wie die rund 20 Paare in
       weißen Hemden und blumigen Kleidern wirklich voll abgehen. „Geil“, sage
       ich, als wir mit unseren Gläsern Berliner Kindl anstoßen, und bereue es
       jetzt doch etwas, dass wir hier am Rande sitzen bleiben müssen. „Damenwahl“
       leuchtet es über dem DJ-Pult immer wieder auf. „Die sind fitter als manch
       einer in meiner Generation“, sage ich.
       
       Und kurz wirkt es hier drin, als sei die Welt noch in Ordnung. Wobei,
       vermutlich war sie das im Westberlin der 70er genauso wenig wie heute.
       
       28 Jul 2026
       
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 (DIR) Ruth Lang Fuentes
       
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