# taz.de -- Timothée Chalamet in „Marty Supreme“: Ständig schreit jemand
       
       > Endlich Frühling, endlich warm genug, sich draußen aufzuhalten. Tagsüber
       > zumindest. Abends geht's ins Kino, wo sich Timothée Chalamet für den
       > Oscar bewirbt.
       
 (IMG) Bild: Geradezu das Klischee eines US-amerikanischen Möchtegern-Emporkömmlings in den 50ern: Timothée Chalamet als Marty Mauser
       
       Es ist März in Berlin. Und es scheint auch noch die Sonne. Und es ist warm
       genug, um mit dem Fahrrad zum Flohmarkt zu fahren. Und wenigstens für ein
       paar Stunden mal zu vergessen, dass die Welt gerade vor die Hunde geht. Die
       Stadt erwacht und das einzige, das noch von einem langen, beinahe
       unerträglichen Winter zeugt, ist der Splitt, der unter unseren Rädern
       knirscht und die noch sehr blassen Gesichter, die sich in den Schlangen vor
       den Eisdielen einreihen.
       
       Viel Zeit können wir dann doch nicht auf dem Flohmarkt am Tiergarten
       verbringen, die Stände werden auffällig früh abgebaut, und die Händler sind
       auffällig gereizt, und als die Sonne anfängt unterzugehen, erinnere ich
       mich: Es ist ja Ramadan, die Leute hier haben den ganzen Tag nichts
       gegessen und sehnen sich nach dem Fastenbrechen.
       
       Es wird dann auch ziemlich schnell ziemlich frisch. Es ist eben doch erst
       Anfang März und damit auch – fällt mir dann ein – traditionelle
       Oscar-Vergabe-Zeit. Dieses Jahr soll es die „Academy Awards of Merit“, wie
       die Auszeichnung offiziell heißt, am 15. März geben. Die perfekte Zeit, um
       [1][ins Kino zu gehen], oder?
       
       Und sei es nur, um sich danach wie fast jedes Jahr, darüber aufzuregen, was
       man eh schon wusste: Dass die ganze Academy mit ihren Oscars nur ein großes
       Geklüngel von Filmleuten und Produzenten ist, die sich gegenseitig je nach
       gesellschaftspolitischer Stimmung und persönlichen Interessen ihre Preise
       zuschieben. Und dass das Wort Filmindustrie schon lange die Filmkunst
       ersetzt hat. Und dass, wenn man Glück hat, vielleicht doch ein oder zwei
       Schauspieler ihre Bühne nutzen, um ganz kurz etwas Kritisches gegenüber der
       Politik zu sagen.
       
       ## Eigene Meinung zu den Nominierten
       
       Und doch habe ich jedes Jahr wieder das Bedürfnis mir „meine eigene Meinung
       zu den nominierten Filmen zu machen“, wie ich dir jetzt auch erkläre, in
       der Hoffnung, dass ich mit meiner Voreingenommenheit auch mal Unrecht habe.
       „Das letzte Mal, das ich einen Oscar gerechtfertigt fand, war bei
       Schindlers Liste“, sagst du und ich erwidere, dass ich „Parasite“ von
       [2][Bong Joon-ho] vor wenigen Jahren auch richtig gut fand – und dass man
       das erstmal schaffen muss als koreanischer Film von den Amis in der Rubrik
       „Bester Film“ zu gewinnen, wie ein richtiger Film, und nicht nur unter den
       ausländischen Streifen.
       
       Wir entscheiden uns also für [3][„Marty Supreme“] – der uns schon auf dem
       Weg ins Charlottenburger Kino Filmkunst66 von allen möglichen Werbeflächen
       und Monitoren übergestülpt wird. Neun Oscarnomierungen hat der, wir sind
       gespannt.
       
       Zweieinhalb Stunden schauen wir Timothée Chalamet dabei zu, wie er –
       wirklich gelungen – den arroganten Marty Mauser spielt, einem jüdischen
       Tischtennisspieler aus New York in den 1950er Jahren, der sich für den
       geilsten Typen und besten Spieler ever hält. Und dessen Leben aus Lügen,
       Betrug, Gewalt und Ignoranz besteht. Böse Zungen könnten behaupten, er ist
       geradezu das Klischee eines US-amerikanischen Möchtegern-Emporkömmlings in
       den 50ern.
       
       ## Macht, Geld und Oberflächlichkeiten
       
       Um ihn herum schwirren auch nur lauter unsympathische bis dumme Charaktere,
       die alle auf Macht, Geld und Oberflächlichkeiten aus sind. Es ist hektisch
       und ständig schreit jemand jemanden an. Der Film macht mich selbst
       aggressiv, vor allem als am Ende sein Verhalten den Protagonisten auch noch
       ans Ziel führt.
       
       Ich lese, dass dem Regisseur Josh Safdie vorgeworfen wird, bei den
       Dreharbeiten zu seinem vorletzten Film eine Minderjährige für eine Sexszene
       engagiert zu haben, bei der sie auch noch zu unabgesprochenen Sachen
       genötigt worden sei. Irgendetwas sagt mir, dass das ganze Gehabe von
       Protagonist Marty Mauser in Safdies neuem Film keine Kritik an den
       neoliberalen US-amerikanischen Way-of-Life ist, sondern dass dieser hier
       einfach zelebriert wird. Die Moral der Geschichte: Glaube an dich, sei
       dabei ein Arschloch und gehe über Leichen, dann erfüllst du dir deine
       Träume.
       
       Die hässlichen 50er Jahre und ein aufgewärmter American Dream – ist das das
       preisverdächtige Hollywood? „Ich hoffe, der gewinnt nicht“, sagst du und
       dann holen wir uns noch einen Döner, bei einem super entspannten Verkäufer,
       der mittlerweile auch was gegessen hat.
       
       4 Mar 2026
       
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 (DIR) Ruth Lang Fuentes
       
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