# taz.de -- Konzerte in Brandenburg und Berlin: Alles für Leib und Seele
       
       > Ein Wochenende voll breit gefasster Klassik lehrt: Auch mit schmerzendem
       > Arm kann man Fischbrötchen und György Ligeti genießen.
       
 (IMG) Bild: Fischbrötchen in der Hand, Bandage am Arm und Musik im Ohr
       
       Plötzlich wird der Arm dick einbandagiert. Gebrochen aber nicht, meint der
       Arzt, nachdem er schmerzhafte Tests durchgeführt hat. Echt? Nicht mal
       röntgen? Seine Kollegen von der Ersteinschätzung meinten schließlich, diese
       Schwellung sei wohl mehr als nur verstaucht. Nö, schließlich sei er der
       Arzt. Ich hoffe, er behält recht. Um den fiesen Slapstick, der mich in die
       Notaufnahme brachte, soll es an dieser Stelle jedoch nicht gehen.
       
       Doch plötzlich einarmig sein, ist doof. Eigentlich wollte ich, weil es
       vergangenes Jahr so nett und lauschig war, für eine Nacht zum Detect
       Classic Festival. Dahin kommt man am besten per Rad von Pasewalk – was nun
       aber nicht geht. Vielleicht doch zu Hause die Decke über den Kopf ziehen
       und aus dem FOMO-Geraffel aussteigen, das sich Sommer nennt?
       
       Letztlich fahre ich doch. Und muss in Pasewalk nicht mal den Rufbus
       bemühen. Ein Shuttle, der hier Festival-Künstler:innen einsammelt, nimmt
       mich mit zum Schloss Bröllin. Anders als der Name suggeriert, handelt es
       sich um einen ehemaligen Gutshof, nicht um ein Schloss. Dazu wurde es in
       den 1970er Jahren im Volksmund. Drumherum wird gezeltet, der sogenannte
       Leib-und-Seele-Wagen verkauft Fischbrötchen und Würste. Sonst, so erfahre
       ich, ist er in der Region als mobiler Imbiss einer Kirchengemeinde
       unterwegs, in seelsorgerischer Absicht.
       
       Hier versorgt er vor allem die Karnivoren unter den Gästen. Die Verpflegung
       drinnen ist auch lecker, aber eben rein vegetarisch. Linsenbowl, vegane
       Waffeln etc. Das Festivalmotto heißt „Fokus“: Denn der ist „innere Ruhe,
       meditativ und der Anfang vom Flow“ – so verspricht es die Detect-Website.
       Na denn. Bloß gut, dass der Vibe auf dem Festival nicht so didaktisch,
       sondern eher vergnügt ist. Auch das Konzept von klassischer Musik ist breit
       gefasst, bratziger Elektropunk gehört offenbar auch dazu. Den gibt es von
       einem Trio namens Thx I’m cured.
       
       ## Es wird verschmolzen
       
       Leider gilt das nicht für meinen Arm. Also immer schön hochlagern. Mein
       Einstieg in den Abend klingt dann aber sehr nach Klassik. Zum Kairos
       Kollektiv performen zwei Tänzer, einer trägt Kleid. Mal rennen die beiden
       durch den riesigen Raum, dann verschmelzen sie in akrobatischen Pirouetten
       wie Eiskunstläufer. Was das junge Kammerorchester dazu spielt, klingt
       ziemlich super. Das mit dem Fokus scheint auch zu klappen. Handys bleiben
       in der Tasche. Kaum Kommen und Gehen – wie auch am nächsten Tag, als
       Jalikebba Kuyateh aus Gambia zu den Klängen seiner Kora, einer Harfenlaute,
       singt. Mit einer anderen Laute bringt [1][Jozef van Wissem] mitten in der
       Nacht auf der Wäldchen-Bühne Barockmusik mit Avantgarde zusammen und singt
       düster dazu.
       
       Gut, dass ich durchgechillt die Rückfahrt antrete. In Eberswalde kommt die
       Durchsage, die Zuggäste nahe der Tür sollen bitte schön verhindern, dass
       noch mehr Menschen in den übervollen Zug steigen. Sonst werde er ganz
       geräumt. Interessanter Ansatz, Verantwortlichkeiten auszulagern. Natürlich
       quetschen sich ein paar Leute rein, die Türen sind minutenlang blockiert.
       Die Räumung bleibt trotzdem eine leere Drohung.
       
       Zum Glück, denn auf dem Teufelsberg spielt gleich das Stegreif-Orchester
       sein erstes von vier Konzerten. Über 3,5 Stunden gibt es Musik an
       verschiedenen Stationen des geschichtsträchtigen Geländes. Unter anderem
       war es Trümmerberg und Abhörstation. Und Überwachung ist ja brandaktueller
       denn je. Am tollsten ist es unter der Radarkuppel, als die Bläser ein Stück
       von [2][György Ligeti] spielen. Hintergründe zum Ortsbezug der
       Kompositionen gibt es vorab auch. Nach einem tollen angejazzten Abschluss
       soll es noch mal zu den Kuppeln mit windiger Weitsicht gehen, ein weiteres
       musikalisches Schmankerl zum Sonnenuntergang. Ich bin leider totgespielt
       und gehe nach Hause.
       
       10 Aug 2026
       
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