# taz.de -- Queere Demos in Berlin: Auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen
> Zum ersten Mal fand zu Beginn des CSD-Wochenendes in Berlin ein Drag*
> March statt – zeitgleich mit dem traditionellen Dyke* March. Das stößt
> auf Kritik.
(IMG) Bild: Wohin soll’s gehen? Dyke* March und Drag* March fanden in Berlin gleichzeitig statt Hier: Dyke-Marsch
taz | „Liebe Genderbender, Drag-Kings, Queens und In-Betweens!“ So werden
die gut 200 Teilnehmenden begrüßt, die sich am Freitagnachmittag auf dem
Platz der Republik vor dem Bundestag für den ersten Drag* March in der
Geschichte Berlins versammelt haben. Davon waren nur circa 20 in Drag
gekleidet – die meisten als Queen, eine Handvoll Kings. Organisiert wurde
der March vom Berliner CSD e. V., Travestie für Deutschland und dem Orden
der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz.
Die Strecke führte vom Bundestag über die Scheidemannstraße, die
Yitzhak-Rabin-Straße und bog schließlich in die Straße des 17. Juni ein, um
auf das Brandenburger Tor zuzulaufen. Dabei war der Marsch bewusst kurz
gehalten und nur gut einen Kilometer lang. Grund dafür: „Man muss an all
die Leute in Stöckelschuhen denken“, sagte eine Queen. Eine Live Big Band
führte den Marsch an – die erste Trompete spielte eine Queen im
Hochzeitskleid – und setzte sich zu „Bella ciao“ in Bewegung.
Für viele war der March auch eine persönliche Premiere: „Es ist das erste
Mal, dass ich mich in Drag in der Öffentlichkeit zeige“, sagte eine Queen.
Dass sie unter dem aktuellen Rechtsruck immer mehr zur Zielscheibe werden,
war für viele Motivation, teilzunehmen. „Ich registriere schon, dass
gegenüber Drag und Fetisch der Wind stärker weht als gegenüber queeren
Menschen eh schon“, sagte eine Queen. Eine andere fand, der Drag March sei
lange überfällig: „Dass wir das noch nicht hatten, ist eigentlich schon
fast beschämend“. Auch Schwester Daphne vom Orden der Schwestern der
Perpetuellen Indulgenz verlor auf der Bühne am Brandenburger Tor noch
mahnende Worte: „Wir haben nicht Jahrzehnte gegen Diskriminierung gekämpft,
um uns jetzt wieder verstecken zu lassen!“
Auch das Thema Dyke March war in Unterhaltungen am Rande des March Thema.
„Es müsste wie in New York City eigentlich vier Märsche geben, und zwar an
verschiedenen Tagen, damit sie sich nicht überschneiden“, sagte eine Queen.
In New York gibt es traditionell am Freitag den Drag* March, am Samstag den
Dyke* March und am Sonntag den großen CSD sowie den kleineren Queer
Liberation March. „Ich fände es schöner, wenn vielleicht im nächsten Jahr
die eine Veranstaltung in die andere übergeht und man sich das zeitlich
besser aufteilt“, sagte eine andere Queen. Gefallen hat es den Anwesenden
trotzdem. Fazit einer Queen: „Es war fast besser als der CSD!“
## Lesbische Übernahme in Berlin
Vor dem Roten Rathaus versammelten sich am Freitagabend zehntausende
Menschen, um am Dyke* March teilzunehmen. Die Sonne knallte auf den
Asphalt, ein lauer Wind brachte die Regenbogenflaggen am Rathaus in
Bewegung. Der geplante Start der Demoroute um 17 Uhr verschob sich um über
eine Stunde. In der Zwischenzeit stürmten bunt gekleidete Dykes den
nächsten Netto, um sich mit Proviant für die Hitze einzudecken. Bier,
Energy-Drinks und die Backwaren-Abteilung fürchteten um ihre Existenz.
Auf dem Rasen, im Schatten, sitzt Karla und strickt einen rosa-weißen
Schal, auf dem Dyke steht. „Der ist für meine Freundin“, sagt sie. Ihre
Freundin lacht: „Dafür ist es doch viel zu heiß.“ Sie sitzen sich gegenüber
und spielen nebenbei ein selbst gemachtes „Dyke-Tattoo Bingo“: Für jedes
Motiv, das typischerweise Lesben tätowiert haben, gibt es einen Punkt:
Scheren, Motten, Obst, eine Briefmarke. Bevor der Marsch durch die
Innenstadt losgeht, sollen Reden gehalten werden. Die sind allerdings so
leise, dass sie nur in den ersten zehn Reihen hörbar sind.
Plötzlich geht ein Raunen durch eine Ecke der Demo: Es stinkt. Zwei Jungen
machen sich kichernd aus dem Staub, der eine schiebt ein Pups-Spray zurück
in die Hosentasche. Queerfeindlicher Angriff auf Grundschulniveau. Zum
Glück haben die Dykes militärische Verstärkung mitgebracht: Ein
Stormtrooper mit handgemachter Rüstung in den Farben rosa, orange und weiß
– die lesbische Flagge – patrouilliert die Menge.
Schließlich geht es los: Hunderte „Ich liebe meine Freundin / lesbischen
Sex / MILFS“ T-Shirts setzen sich in Bewegung. Zwischen den Flaggen der
lesbischen und trans Community weht auch die ein oder andere
Palästina-Flagge, im internationalistischen Block rufen sie auch Parolen:
„Hoch die internationale Solidarität“ und „No Pride in Genocide“.
Nach eine Verkürzung der Route kommen die Dykes und ihre
Unterstützer*innen gegen 21 Uhr 30 am Oranienplatz an. Hier findet die
Demo ihr Ende. „Ich bin im Chor-Block mitgelaufen“, sagt eine
Teilnehmer*in, die kurz vorher gehen muss. „Aber wir haben gar nicht
gesungen.“
26 Jul 2026
## AUTOREN
(DIR) Anna Simbürger
(DIR) Ann Toma-Toader
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