# taz.de -- Christopher Street Day: Gibt es zu viele freischwingende Schwänze auf dem CSD?
> Am Samstag strömen wieder Hunderttausende zum CSD, dabei werden auch
> viele Geschlechtsteile ausgehängt. Ist das übergriffig – oder befreiend?
(IMG) Bild: Ziehen zu viele männliche Teilnehmer auf dem CSD blank?
## Ja!
Das männliche Glied entblößt sich gern. Es begegnet einem als Graffitikunst
an Häuserwänden. Es blitzt linkisch hinter einem Baum hervor, wenn ein Mann
mal wieder von seinem vermeintlichen Geburtsrecht Gebrauch macht und
[1][wild pinkeln geht]. Oder es begegnet einem in der Sauna, wenn sich vor
den Augen aller Anwesenden ein Krimi entfaltet, während man darauf wartet,
ob der Hodensack des breitbeinig in erster Reihe sitzenden Mannes beim
Aufstehen zwischen den Holzbalken hängen bleiben wird.
Wer Männer auf Online-Dating-Apps matcht, bekommt so viele ungefragte
[2][Dick Pics, also Penisbilder zugeschickt], dass sich damit auf dem Handy
ein ganzes Album füllen lässt. An Badeseen verstecken sich manche Männer
meist schlechter als besser hinter Büschen, um dort zu masturbieren. Auch
Figuren der Popkultur zeigen ihr gutes Stück gern öffentlich. Joey
Tribbiani in Friends und Barney Stinson in How I Met Your Mother machen
einem Millionenpublikum seit Jahrzehnten vor, wie man Frauen beim ersten
Date direkt verstören kann – und ziehen in einer unbeobachteten Situation
auf dem Sofa der Angebeteten blank.
Auch vor queeren Kontexten wie dem CSD macht der Schwanz nicht halt. Auch
hier möchte er sich präsentieren und gesehen werden. Stark alkoholisiert
und grölend läuft er an einem vorbei und bleibt gern mal zwischendurch
stehen, um vor aller Augen stolz den Hubschrauber als Kunststück
aufzuführen. Längst sind auf dem CSD auch viele Touris – nicht wenige davon
hetero – unterwegs. Und einige von ihnen meinen, der CSD wäre da genau der
richtige Ort dafür.
## Wer muss mit Konsequenzen rechnen?
Natürlich soll auf dem CSD queere Sexualität endlich mal im Vordergrund
stehen. Aber muss es beim Feiern von queerer Liebe ausschließlich um
Nacktheit und Sexualität gehen – oder sitzt man da nicht einem Stereotyp
auf?
Wer als queere Frau das Gleiche tun will, wird schnell mit den Konsequenzen
konfrontiert. Muss sich als Schlampe beleidigen, angrapschen oder
fotografieren lassen. Letzteres kann dann auch schnell zu weitreichenden
Problemen führen: Man muss damit rechnen, dass die Bilder im Netz
kursieren, auch den Arbeitskollegen erreichen, der einen monatelang schief
ansehen oder gar anmachen wird. Auch davon, ernst genommen zu werden,
besonders in einer professionellen Rolle, kann man sich dann verabschieden.
Inzwischen ist das Problem der überpräsenten männlichen Genitalien auf dem
CSD seit vielen Jahren bekannt. Und so herrscht in lesbischen und queeren
Kreisen in Berlin häufig Übereinstimmung darüber, dass man dem CSD doch
lieber fernbleibt und die eigene Liebe und Sexualität besser auf
Parallelveranstaltungen wie dem Dyke*March feiert. Also Männer, werft
doch einfach schnell den Lendenschurz über und macht Platz für eure
weiblichen Mitstreiter*innen. Anna Simbürger
## Nein!
Es ist nicht queer-feministisch, auf der Pride weniger Schwänze und weniger
nackte Männer (und wen man für einen hält) zu wollen. Nicht nur, weil auch
trans Frauen ihre schönen Schwänze zum CSD tragen. Auch nackte sexpositive
Schwule können empowernd sein. Weil nuttige Männlichkeit eine andere ist
als patriarchale Männlichkeit. Denn natürlich gibt es Männlichkeit, die
nicht patriarchal ist. Auch auf dem CSD sehe ich die.
Man muss mitnichten alle Schwulen in Schutz nehmen. Egal ob sie schwul sind
oder nicht, cis Männer laufen durch eine andere Welt als andere. Darüber
hinaus gibt es in schwuler Kultur viel zu viel Misogynie. Oder reiche
schwule Männer, die Frauen als Leihmütter anstellen, [3][um das Baby aus
ihrem Bauch zu kaufen, während sie es anderen verbieten]. Kritik an reichen
weißen Menschen sollte sowieso Konsens sein.
Es ist auch mit Privilegien verbunden, auf einem CSD-Wagen mit dem Schwanz
zu wackeln. Aber zu patriarchaler Gewalt gehört eben auch, dass der gleiche
Popoträger früher auf dem Dorf als tuntige „Schwuchtel“ beleidigt oder gar
zusammengeschlagen wurde. In der Aids-Krise in den 1980ern bis 1990ern
schauten Regierungen dabei zu, wie die queere Community ihre Liebsten
massenhaft zu Grabe trug.
Noch früher entstanden queere, schwule, Schwarze Subkulturen wie Ballroom.
Vieles von der Schlampenästhetik, die heute trendet, geht darauf zurück.
Die Rechte und Freiheit, die sich queere Menschen bis heute erkämpften,
haben damit zu tun, dass sie so „pervers“, wie sie sind, auf die Straße
gingen. Patriarchale Männlichkeit wird nämlich schon seit Jahrzehnten auf
der Pride weggeschüttelt: von nackigen Popos und schwingenden
Geschlechtsteilen. So fordern auch sie die Geschlechterordnung heraus.
## Voneinander lernen
Wenn Mama Ikkimel uns beibringt, wie man feministisch eine Fotze sein kann,
dann können uns auch unsere schwulen Schwestern beibringen, wie
queer-feministisch ein Schwanz sein kann. Das heißt es, Gender konsequent
zu Ende zu denken. Sonst droht man, beim FLINTA*-Feminismus zu landen: dann
sollen viele mitgenannt werden, aber in der Realität sind oft nur cis
Frauen gemeint.
[4][Statt in die üblichen Grabenkämpfe zurückzufallen], sollten wir lieber
mehr voneinander lernen. Zum Glück schließt Feminismus inzwischen trans
Frauen und nicht-binäre Feminitäten (manchmal) ein. Und die meisten von
ihnen sind nun mal schwul sozialisiert. Ist doch schön. Wie wär's mit etwas
Neugierde: Was kann man voneinander lernen über Gender und Patriarchat?
„Wie war das bei dir früher, Schatz?“
Schwule, trans und Frauenkämpfe gehören endlich verbunden. Mitsamt dem
Streit und der Kritik, die auf beiden Seiten angebracht ist. Im Kampf gegen
das Patriarchat würde es guttun, einander wertzuschätzen. Dazu gehört, den
jeweiligen Schmerz zu sehen. Und manchmal auch ein paar Schwänze
zuzulassen. Vielleicht nimmt ihnen das so sogar ihre Macht. Adam Schwedhelm
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24 Jul 2026
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