# taz.de -- Vor dem CSD-Wochenende in Berlin: Ein queerer Scherbenhaufen
> CSD gegen Dyke* March, Dykes* gegen Dykes*, CSD gegen IQP, Trans Pride
> gegen ITP: Der neue Drag March und der Nahostkonflikt spalten die Szene.
(IMG) Bild: Die Faust passt immer: Demomaterial beim CSD-Wochenende 2021
Respekt, Solidarität mit marginalisierten Menschen und die Ablehnung jeder
Form von Menschenfeindlichkeit. Das seien die gemeinsamen Prinzipien, die
sie verbinden, heißt es im Aufruf zum Community Dyke* March, der am Freitag
ab 17 Uhr vom Roten Rathaus zum Oranienplatz in Kreuzberg zieht. Ein Blick
auf die verschiedenen queeren Veranstaltungen am Wochenende zeichnet jedoch
ein anderes Bild: von endlosen erbitterten Grabenkämpfen.
## Dyke* March vs. CSD
Seit 2013 findet der [1][Dyke* March für lesbische Sichtbarkeit] – Dyke war
früher ein Schimpfwort, heute ist es eine Selbstbezeichnung für Lesben –
traditionell am Vorabend des Christopher Street Day (CSD) statt. Dieses
Jahr aber gerät er in Konkurrenz zum CSD selbst, der erstmals schon am
Freitag eigenes Programm bietet.
Ab 17 Uhr soll in Anlehnung an den New Yorker Drag March erstmals ein
Berliner Drag March stattfinden. „Wir sehen das als Angriff auf lesbische*
Sichtbarkeit“, kritisieren die Veranstalter*innen des Dyke* March
gegenüber der taz. In New York lägen Drag March, Dyke* March und Pride an
aufeinanderfolgenden Tagen. „In deren Berliner Version davon wird der Dyke*
March einfach unsichtbar gemacht und ignoriert.“
Der CSD-Vorstand sieht das anders: Da keine einzelne Initiative die gesamte
Vielfalt der Community abbilden oder ansprechen kann, bedürfe es einer
breiten Palette an Angeboten und Formaten. „Nur so kann Berlin seinem
Anspruch als weltoffene Regenbogenhauptstadt gerecht werden.“ Mit dem Dyke*
March hoffe man auf einen konstruktiven Austausch.
Die Dyke* March-Veranstalter*innen weisen indes die Behauptung der
CSD-Veranstalter*innen, man stehe im Austausch, zurück. Für die Dykes*
steht fest: „Wir lassen uns die Sichtbarkeit nicht nehmen.“ Sie stünden
jedoch noch immer für ein Gespräch bereit. „Dafür erwarten wir jedoch
zunächst eine Entschuldigung und eine ehrliche Aufarbeitung des Vorgehens.“
## Israelsolidarische Dykes* vs. palästinasolidarische Dykes*
Es ist nicht die erste Forderung nach Aufarbeitung im Zusammenhang mit dem
Dyke* March. Bereits 2024 kam es zu Konflikten, im Zentrum stand damals der
Nahostkonflikt. Die Demo war von einem lautstarken Palästina-Block
angeführt worden, es gab „Yallah Intifada“-Gesänge und gewaltsame
Festnahmen von Palästina-Aktivist*innen.
Wenige Tage vor dem Dyke* March hatte das Orgateam zu einem
Fundraising-Event in der Bar Möbel Olfe eingeladen. Dort hätten fünf
überwiegend weiße und nichtjüdische Lesben die Teilnehmenden provoziert,
indem sie Sticker mit der israelischen Flagge auslegten sowie eine
Regenbogenflagge mit Davidstern aufhingen, so die Veranstalter*innen
des Dyke* March. Da die Situation verbal eskalierte, sei das Fundraising
beendet worden. Die fünf Protestierenden hätten anschließend die Polizei
gerufen, auch kam es zu einer Anzeige und einem Gerichtsverfahren gegen
einen Gast.
Nach der Demo gründete sich die Initiative Dykes, Women and Queers Against
Antisemitism, die die Aktion für sich beanspruchte. Ihr Ziel sei es
gewesen, Aufmerksamkeit zu schaffen über antisemitische Inhalte und
Hamas-Symbolik im Aufruf des Dyke* March. Die Veranstalter*innen
bestritten die Vorwürfe: „Antizionismus ist nicht Antisemitismus“.
## Dyke* March vs. Community Dyke* March
Im Jahr darauf sollten eigentlich wieder die Dykes* und ihre Forderungen im
Mittelpunkt stehen, nicht der Nahostkonflikt. Doch im Juni 2025, nur wenige
Wochen vor der Demo, kam die überraschende Nachricht: „Wir, das Dyke* March
Berlin Orgateam, werden 2025 den Dyke* March aus gesundheitlichen und
organisatorischen Gründen nicht durchführen.“ Schnell bildete sich ein
neuer Zusammenschluss, der Community Dyke* March, der fortan die Demo-Orga
übernahm.
Mit dem Orgateam der letzten Jahre gab es jedoch laut eigener Aussage weder
eine Übergabe noch Kontakt oder Austausch. Somit sei es auch nicht die
Aufgabe des neuen Orgateams, vergangene Dynamiken im Zusammenhang mit
Nahost aufzuarbeiten, erklärte der neue Community-Zusammenschluss. Dazu
fehle auch der Einblick in interne Entscheidungen aus dem letzten Jahr.
Dass erneut Palästinasolidarität im Zentrum stehen würde, zeigte sich
schnell: Nationalflaggen waren generell verboten, so auch Israelflaggen.
Verboten wurde auch die Prideflagge mit einem Davidstern, weil sie „von
vielen als Symbol der Zustimmung oder Verharmlosung dieser Gewalt
wahrgenommen“ werde. Die einzige Ausnahme: die palästinensische Flagge, da
sie für jahrzehntelangen „antiimperialistischen Widerstand“ und ein „Recht
auf Selbstbestimmung“ stehe. Die Initiative Dykes, Women and Queers Against
Antisemitism kritisierte: Es gebe keinen Dialog zwischen der Community
Dyke* March-Orga und jüdischen Queers.
## Community Dyke* March 2026
In diesem Jahr stehen die Zeichen erstmals wieder auf Entspannung: Erlaubt
sind sowohl die Prideflagge mit einem Davidstern als auch die
palästinensische Flagge. „Symbole, die unterschiedlich interpretiert werden
und dadurch Menschen verletzen können – wie das rote Dreieck“ sind hingegen
verboten. Im Aufruf heißt es: „Jüdische Dykes* sind selbstverständlicher
Teil unserer Community.“ Die Solidarität mit Palästina und der Kampf gegen
Antisemitismus stünden nicht im Widerspruch, so die Organisatorinnen.
## Internationalist Queer Pride vs. CSD
Nicht nur die Dykes* zerlegen sich an Nahost – auch die Schwulen wissen,
wie man sich spaltet. In diesem Jahr mobilisiert East Pride Berlin unter
dem Motto „Homos sagen Ja zu Israel“ für den diesjährigen CSD. Die
Initiative Lesben gegen rechts schließt sich dem an. Dem gegenüber steht
der Internationalist Queer Pride (IQP), der zeitgleich zum CSD stattfindet,
und sich eindeutig propalästinensisch positioniert. Teil des ursprünglichen
Bündnisses der seit 2021 stattfindenden Demonstration waren die
Israel-Boykottbewegungen BDS Berlin und Palästina spricht. In der
Vergangenheit wurden Vorwürfe der Israelfeindschaft laut, so hieß es im
Aufruf: „No Pride in Genocide & Apartheid“. Die Mitglieder des diesjährigen
Bündnisses wurden bislang nicht bekannt gegeben.
## Internationalist Trans Pride vs. Trans Pride Berlin
Unterrepräsentiert bis unsichtbar sind am CSD Inter- und Transpersonen.
„Wir haben es satt mit sogenannten Pride-Events, in deren Zentrum Weißsein,
kapitalistische und koloniale Vorstellungen von Gender, Schönheit und
individueller Leistung stehen“, ließ die Gruppe Internationalist Trans
Pride auf Instagram wissen – und organisierte eine eigene Demo, die bereits
Anfang Juli stattfand.
Gestritten wird dabei nicht nur mit dem CSD, sondern auch mit Trans Pride
Berlin, die in den Vorjahren INTA* (inter, nichtbinäre, trans und agender)
Pride-Demos organisiert hatten. Der Streitpunkt ist – Überraschung –
Nahost. Nachdem die Trans Pride jahrelang keine explizite
Palästinasolidarität gezeigt hatte, wollte ein Teil des Orgateams 2025
genau das ändern. Long story short: Der Konflikt eskalierte derart, dass
die INTA* Pride 2026 ganz ausfiel, dafür aber erstmals der klar
palästinasolidarische Internationalist Trans Pride (ITP) am 12. Juli
stattfand.
Die Pointe: Schließlich entschuldigte sich auch Trans Pride Berlin dafür,
die eigenen „Werte und unser Bekenntnis zur Solidarität mit der Bewegung
für die palästinensische Befreiung untergraben“ zu haben. Das Ergebnis:
zwei propalästinensische Trans-Pride-Gruppen.
## CSD macht Party statt Protest
Unter dem [2][Motto „Haltung ist hot“] macht der CSD in diesem Jahr auf die
bevorstehende Abgeordnetenhauswahl am 20. September aufmerksam. „Die queere
Community geht wählen: Weil Demokratie, Vielfalt und unsere Rechte nicht
selbstverständlich sind“, heißt es auf der Website.
Von einer politischen Demonstration, wie sie der Dyke* March oder
Internationalist Queer Pride veranstalten, kann jedoch nicht die Rede sein.
Die angemeldeten Wagen sorgten bereits für Unruhe: Nach Protesten zog Möbel
Höffner sich am Montag von der Teilnahme zurück. Dass Firmengründer Kurt
Krieger 2024 18.000 Euro an die AfD gespendet hatte, war dem CSD-Vorstand
vorab bekannt – eingeladen hatten sie Möbel Höffner trotzdem.
Auch sonst zeigt sich der CSD wenig konfrontativ: Man begrüße die
Zusammenarbeit mit der Berliner Polizei zur Verbesserung der Sicherheit
queerer Menschen, heißt es. Dass die Polizei nicht alle queeren Menschen
gleichermaßen schützt, zeigte sich spätestens bei den brutalen Festnahmen
am Dyke* March 2024.
Vielleicht ist es Zeit, an den Ursprung des CSD zu erinnern: Die Stonewall
Riots 1969 waren ein Aufstand gegen gewalttätige, homophobe Razzien der
Polizei in New York.
21 Jul 2026
## LINKS
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(DIR) [2] /Queerpolitik-in-Berlin/!6197173
## AUTOREN
(DIR) Lilly Schröder
(DIR) Ann Toma-Toader
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