# taz.de -- CSD in Berlin: Kuschelkurs statt Haltung
       
       > Der CSD in Berlin will ein Zeichen gegen Queerfeindlichkeit setzen. Doch
       > das eigene Motto „Haltung ist hot“ erfüllen sie selbst nicht.
       
 (IMG) Bild: Ein Truck von Axel Springer Queerseite auf dem CSD 2025 in Berlin
       
       Am kommenden Samstag ruft der CSD Berlin zu seiner Kundgebung für eine
       offene Gesellschaft, demokratische Werte und die Gleichberechtigung queerer
       Menschen auf. Dieses Jahr unter dem [1][Motto: Haltung ist hot. Angesichts
       der queerfeindlichen] Austeritätspolitik der vergangenen Jahre und der
       moralischen Paniken, die sie begleiten, ist davon beim CSD Berlin aber
       wenig zu sehen. Statt Queer Liberation gibt es neoliberalen Kuschelkurs.
       
       Der CSD Berlin war noch nie eine besonders politische Veranstaltung. Er
       unterschied sich von Anfang an von den ersten Christopher Street Liberation
       Days. Die waren, in den USA der 70er, der Erinnerung an Straßenschlachten
       mit der Polizei gewidmet und forderten radikale politische Veränderungen,
       wie das Ende der Ehe-Privilegien oder gleich ihre Abschaffung. Sie
       kritisierten die Psychiatrisierung von Homosexualität, setzen sich ein für
       den Kampf für die Rechte von trans Frauen in der Sexarbeit, auf der Straße
       und im Gefängnis und für den Kampf für die Rechte queerer Migrant*innen.
       
       In Berlin fand der erste CSD (das Wort Liberation ging schon da verloren)
       1979 statt und war ein kleiner Party-Umzug. Sicher nicht verkehrt, aber
       auch sicher nicht radikal oder kritisch. Im Zentrum stand und steht die
       schwule und lesbische Sichtbarkeit, aber nicht mehr als das.
       
       ## Leere Forderungen
       
       Entsprechend hohl klingt auch das diesjährige Motto: Haltung ist hot. Fragt
       man sich, um welche Haltung es da geht, gibt es die folgende Antwort:
       
       „Wir stehen auch in Berlin vor einer wichtigen Wahl. Deshalb rufen wir alle
       Berliner*innen dazu auf, Parteien zu wählen, welche die Würde des
       Menschen als unantastbar achten und die Regenbogenhauptstadt erhalten und
       weiterentwickeln wollen. Unser Ziel ist, dass alle Menschen, die zum CSD
       kommen, auch von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen“, wird Vorstandsmitglied
       Julia Miosga des Berliner CSD e. V. auf der Website des Vereins zitiert.
       
       Statt einer politischen Forderung ein Aufruf zur Nutzung des Wahlrechts.
       Hier muss man sagen: Sichtbarkeit ist nicht genug, und es reicht nicht,
       eine Ablehnung der AfD verklausuliert anzudeuten. Zumal die zu keinen
       Konsequenzen führt: Der Wagen des AfD-Großspenders Möbel Höffner wurde
       nicht von den Veranstalter*innen aktiv verhindert, das Unternehmen zog
       sich von sich aus zurück.
       
       Das Problem ist aber auch größer als die AfD. Ein schwuler Finanzsenator
       [2][Stefan Evers], heute CDU-Bürgermeisterkandidat in Berlin, war genug, um
       der Regenbogenhauptstadt den Stecker zu ziehen und die meisten queeren
       Projekte drastisch zu kürzen. Die queersensible Sexualaufklärung an Schulen
       wurde eingestampft, und auf Bundesebene hat man nun auch den queeren
       [3][Jugendverband Lambda vollständig gekürzt.] Damit war Evers auf
       Landesebene vor zwei Jahren noch gescheitert.
       
       ## CDU eskaliert weiter
       
       Auch die Gründung neuer Projekte wie des Café Julia für
       Sexarbeiter*innen in Schöneberg wurde verhindert. Gleichzeitig wird
       nun wahrscheinlich auch der Frauentreff Olga in der Kurfürstenstraße
       verdrängt, sodass die obdachlosen Sexarbeiter*innen des Kiez, viele
       von ihnen trans Frauen aus Osteuropa, die vor queerfeindlicher
       gesellschaftlicher Gewalt fliehen mussten, auf sich allein gestellt wären.
       
       Die CDU eskaliert im Wahlkampf aber noch weiter und fordert, ganz Berlin
       zum Sperrgebiet zu erklären und tradierte Cruising-Spots zu verdrängen.
       Gleichzeitig hört man von Evers Forderungen nach mehr Polizei und die immer
       gleichen antimuslimischen Tiraden. Genug Geld hatte man aber für einen gut
       sichtbaren 375.000 Euro teuren Wagen auf dem CSD. Haltung könnte heißen,
       diesen Wagen nicht fahren zu lassen.
       
       Haltung könnte auch heißen, sich gegen die eskalierende globale
       Transfeindlichkeit zu wenden. In Großbritannien werden sexuelle Übergriffe
       wie Upskirting zur Gewohnheit, wenn sie von J. K. Rowling, einer
       cis-weiblichen Milliardärin, gegen eine trans frau begangen werden, und die
       neue Labour-Regierung von Andy Burnham zeigt keine Anzeichen, erniedrigende
       und menschenrechtsverletzende Praktiken der letzten Jahre zu stoppen.
       
       In den USA hat die Regierung „radikale pro-transgender Ideologie“ nach
       russischem Vorbild gleich als terroristische Bedrohung eingestuft und ihre
       „Neutralisierung“ und „organisatorische Verstümmelung“ angekündigt.
       Deutsche Geheimdienste und Polizeibehörden kooperieren indessen weiterhin
       eng mit genau diesen US-amerikanischen Geheimdiensten und teilen sich
       zunehmend KI-Software zur Ermittlung und Gefahrenerkennung, während sie
       zugleich eigene rosa Listen mit Daten über trans Personen, wie zuletzt in
       Baden-Württemberg, erhalten. Haltung könnte heißen, dazu nicht zu schweigen
       und die Polizei vom CSD auszuladen.
       
       ## Alternativen in Berlin
       
       Einen Lichtblick gibt es dieses Jahr jedoch: Der Dyke* March geht einen
       anderen Weg und zeigt die Haltung, von der der CSD redet. Zwar haben die
       CSD-Veranstaltenden am Freitag zeitgleich zum Drag March aufgerufen, doch
       das klare Zeichen der Dykes* wird das nicht mindern.
       
       Und trotzdem bleibt ein Funke Hoffnung: Vielleicht, wenn wir noch einige
       Jahre Austerität bekommen und dem CSD auch noch die letzten
       Großspender*innen abgesprungen sind, gibt es in den kommenden Jahren ja
       auch dort ein Umdenken. Und endlich ein Pride, der für die Queer Liberation
       steht!
       
       24 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Vor-dem-CSD-Wochenende-in-Berlin/!6197841
 (DIR) [2] /Stefan-Evers/!t5363179
 (DIR) [3] /Jugendnetzwerk-Lambda/!6192551
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Zoe Luginsland
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Christopher Street Day
 (DIR) Berlin
 (DIR) Transfeindlichkeit
 (DIR) Queerfeminismus
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Christopher Street Day
 (DIR) Christopher Street Day
 (DIR) Schwerpunkt LGBTQIA
 (DIR) Christopher Street Day
 (DIR) Trans
 (DIR) Schwerpunkt LGBTQIA
 (DIR) Queer
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Anschlag auf CSD in Berlin: Sommernachtstrauma
       
       Zum Zeitpunkt des Angriffs auf den CSD war unser Autor im Tiergarten. Mit
       einem Freund, der schon mehrere Anschläge erlebt hat. Was macht das mit
       uns?
       
 (DIR) CSD in Berlin: Wir müssen zusammenrücken
       
       Endlich mal vom eigenen Truck herunterwinken: Für unsere Autorin ist der
       Berliner CSD wie Weihnachten. Dann nahm das Fest ein schreckliches Ende.
       
 (DIR) Queere Demos in Berlin: Auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen
       
       Zum ersten Mal fand zu Beginn des CSD-Wochenendes in Berlin ein Drag* March
       statt – zeitgleich mit dem traditionellen Dyke* March. Das stößt auf
       Kritik.
       
 (DIR) Anschlag auf den CSD: Dobrindt stuft Tat als „islamistischen Terroranschlag“ ein
       
       Ein Mann fährt in während des CSD am Samstagabend in die Menschenmenge.
       Laut Innenminister Dobrindt soll er als Waffe nicht nur das Auto, sondern
       auch eine Machete verwendet haben.
       
 (DIR) Gentest für Tennisprofis: Feindbild Transfrau
       
       Tennisprofis sollen künftig ihr Geschlecht per Gentest beweisen. Dabei geht
       es nicht um „fairen Wettbewerb“, sondern um transfeindliche Symbolpolitik.
       
 (DIR) Vor dem CSD-Wochenende in Berlin: Ein queerer Scherbenhaufen
       
       CSD gegen Dyke* March, Dykes* gegen Dykes*, CSD gegen IQP, Trans Pride
       gegen ITP: Der neue Drag March und der Nahostkonflikt spalten die Szene.
       
 (DIR) Jugendnetzwerk Lambda: Die Kürzungspolitik trifft Queers
       
       Die Bundesregierung streicht dem queeren Jugendnetzwerk Lambda das Geld.
       Das ist ein Angriff auf gemeinnützige Vereine – und LGBTQI+ in Deutschland.