# taz.de -- Theologe und Politiker Frank Richter: 70 in der Kirche wie 70.000 auf der Straße
> Einst gestaltete er die friedliche Revolution von 1989 mit. Nun predigt
> Frank Richter in seiner neuen Heimat Sachsen-Anhalt.
(IMG) Bild: Frank Richter
Er muss sich auch in seiner neuen Heimat um Seelen sorgen – und um die
Verhältnisse, wenn sie den Seelen zu schaden drohen. Also lädt Frank
Richter zu einer Diskussion „Kirche und Demokratie“ in den Merseburger Dom
ein, wird seinerseits vom Deutschlandfunk zu den „[1][Zwischentönen]“
eingeladen, hält im August noch vier Vorträge in Sachsen-Anhalt zum Thema
„Was wir von einer AfD-geführten Regierung zu erwarten haben“, moderiert
Ende Juli in dem Dörfchen Horburg ein Gespräch mit dem Bischof der
Evangelischen Kirche Mitteldeutschland, Friedrich Kramer. „Wenn hier 70
Leute das Kirchlein füllen, ist das so, als ob in Leipzig 70.000 auf die
Straße gehen würden!“
Erst seit dem vorigen Jahr lebt der Theologe, vor 66 Jahren im sächsischen
Meißen geboren, in einem kleinen Ort bei Merseburg. Seine Frau hat es von
hier nicht so weit zum MDR in Halle, und Richter war der „Enge sächsischen
Denkens“ auch ein wenig überdrüssig geworden. Seine Berufung beschreibt er
als tragende Konstante über alle wechselnden Berufe und Funktionen hinweg.
Dass sie sich auch in Sachsen-Anhalt durchsetzen würde, war absehbar:
„Seelsorgerisch wirken, Menschen wahrnehmen und einbinden, Orientierung und
Hoffnung geben!“
Für Richter gab es dabei nie die auf Luther zurückgeführte umstrittene
Zwei-Reiche-Lehre, also den Dualismus von Gottesreich und weltlicher
Obrigkeit. Als junger Kaplan an der katholischen Dresdner Hofkirche half er
im Oktober 1989 mit, die Weichen für einen friedlichen Verlauf der Proteste
gegen das SED-Regime zu stellen. Lehrer, Direktor der Landeszentrale für
politische Bildung, [2][2018 nur um 97 Stimmen bei der Stichwahl zum
Oberbürgermeister in Meißen gescheitert], SPD-Landtagsabgeordneter in
Sachsen lauteten seine weltlichen Stationen.
## Kulturkampf gegen die offene Gesellschaft
Was immer blieb, war sein pastoraler Einsatz. Jetzt, in Sachsen-Anhalt,
predigt er wieder und mischt sich zugleich offensiv in den
„Schicksalswahlkampf“ ein. „Die AfD führt einen Kulturkampf gegen die
liberale, offene Gesellschaft! Sie sammelt oberflächlich und banal alles
ein, was wir vor hundert Jahren schon hatten.“ Frank Richter fühlt sich an
das Marx-Wort erinnert, dass sich Geschichte immer zweimal ereigne: das
erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce. Ähnliches gelte für die
von der AfD instrumentalisierte DDR-Ostalgie.
Der von der AfD im Programm angekündigte Kampf gegen die
„Kirchensteuerkirchen“ beunruhigt ihn dagegen weniger. „Das wird die Kirche
überstehen“, zumal ihr finanzielles Aushungern nicht im Handstreich
durchzusetzen sei. Eine Überprüfung der staatlichen
Entschädigungsleistungen infolge der napoleonischen Enteignungen ab 1806
hält aber auch Richter für geboten. Schlimmer sei die identitätspolitische
Benutzung des „christlichen Abendlandes“ durch die AfD, die dessen
Versatzstücke „auf dem politischen Flohmarkt“ feilbiete.
Ein ausgeglichener, humorvoller Typ wie Frank Richter empfiehlt seinen
persönlichen Umgang mit schweren Bedrohungen auch den Bürgern: „Die
Gesellschaft in Sachsen-Anhalt könnte jetzt entdecken, dass Demokratie eine
ernste Sache ist und doch Freude macht!“ So ließe sich auch das „res severa
verum gaudium“ des römischen Philosophen Seneca übersetzen. Dieses
Bewusstwerden, wünscht sich Richter, solle über den Wahltag hinaus
anhalten.
4 Aug 2026
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(DIR) Michael Bartsch
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