# taz.de -- Lehren aus dem Stromausfall in Berlin: Fachleute kritisieren Mängel beim Katastrophenschutz
> Ein halbes Jahr nach dem Blackout fordern Experten Nachbesserungen beim
> Schutz der Bevölkerung. Mit ihren Vorschlägen stoßen sie beim Senat nicht
> nur auf Gegenliebe.
(IMG) Bild: Was sind die Lehren aus dem Stromausfall? Der Mexikoplatz während des Blackouts im Januar
Die Überlegungen klingen düster: Ein Cyberangriff könnte Berlin lahmlegen.
Oder: Ein Krieg bricht aus. Andere Szenarien wiederum wecken lebhafte
Erinnerungen: etwa ein tagelanger Stromausfall, der auch Wasser- und
Wärmeversorgung unterbricht. Oder eine Hitzewelle, die vulnerable Gruppen
wie ältere Menschen besonders gefährdet.
Anhand dieser – eigentlich erdachten – Bedrohungslagen hat eine
Expert*innenkommission den Katastrophenschutz in Berlin analysiert.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hatte das Gremium nach
dem [1][Brandanschlag auf die Stromversorgung im Januar] einberufen. Am
Montag hat die Kommission ihren Bericht vorgestellt.
Der hat es in sich: Die vier Expert*innen sehen Berlin nicht ausreichend
auf Katastrophen und Krisen vorbereitet. Das habe der Blackout Anfang des
Jahres vor Augen geführt, bei dem rund 100.000 Menschen im Berliner
Südwesten bis zu vier Tage ohne Elektrizität waren. „Obwohl das
Schadensereignis räumlich und zeitlich begrenzt war, zeigte es, wie wenig
das System auf größere, länger andauernde und hybride Lagen vorbereitet
ist“, heißt es in dem Bericht.
Unter anderem stellt die Kommission „gravierende Mängel“ bei der
Kommunikation und Lücken bei der Versorgung von vulnerablen Gruppen fest.
Hinzu kommen „kritische Engpässe“ bei Notstrom und Treibstoff, verursacht
durch Materialmangel – also zu wenig Sprit. Zudem seien beim Stromausfall
im Januar Möglichkeiten zur Selbstversorgung wie Solaranlagen ungenutzt
geblieben, weil sie ohne Anschluss ans Netz nicht autark funktionieren. Der
Fachbegriff [2][hierfür lautet „Inselbetriebsfähigkeit“]. Das sei ein „bis
dahin kaum bekanntes Versorgungsdefizit“, schreibt die Kommission.
Entsprechend betrachten die vier Expert*innen den Stromanschlag als
„Weckruf“. Künftig habe man es wahrscheinlich häufiger mit von Menschen
gesteuerten Katastrophen zu tun, erklärte Kommissionsmitglied Uwe Nerger,
ein ehemaliger Bundeswehrgeneral. „Da hilft keine Warnapp“, sagte Nerger.
„Die größte Schwachstelle ist die fehlende Resilienz der Bevölkerung.“
## Krisenfestigkeit bis 2029
Deshalb geht es der Kommission nicht allein um den Rückblick und die
Analyse, sondern vor allem die Zukunft. Der Anspruch: Alle im Krisenfall
betroffenen Akteure sollen bis 2029 in der Lage sein, den autonomen Betrieb
ihrer Kernfunktionen über zehn Tage aufrechtzuerhalten.
Dafür schlägt sie mehrere grundsätzliche Maßnahmen vor. Etwa soll ein
„Chief Resilience Officer“ (CRO) in der Senatskanzlei eingesetzt werden,
der den Aufbau und die Entwicklung des Katastrophenschutzes koordiniert.
Daneben fordert die Kommission ein Lage- und Krisenzentrum, das rund um die
Uhr einsatzfähig sein soll. Das gebe es zwar im Kern, es müsse aber besser
und größer werden, hieß es am Montag.
## Wegner will Geld vom Bund
Außerdem soll es berlinweit sogenannte Katastrophenschutzleuchttürme geben,
also dezentrale Anlaufstellen für Menschen in den Bezirken. Und 300 autarke
„Kiezboxen“ sollen den Internetzugang im Krisenfall aufrechterhalten. Mit
am wichtigsten sei aber regelmäßiges Training, betonte Sigrid Nikutta,
Ex-BVG-Chefin und ebenfalls Teil der Kommission: „Unser Plädoyer ist: üben,
üben, üben, und die Berlinerinnen und Berliner einbeziehen“, sagte sie.
Beim schwarz-roten Senat stießen die Vorschläge der Kommission nicht nur
auf Gegenliebe. Zwar betonte Innensenatorin Iris Spranger (SPD), deren
Ressort den Katastrophenschutz verantwortet, sie fühle sich bestätigt durch
den Bericht: „Aufgaben des Katastrophenschutzes müssen in der Breite
verortet, aber zentral koordiniert werden“, so die Innensenatorin. Einen
CRO lehnte sie jedoch ab: „Wir brauchen keinen neuen Beauftragten.“
Kai Wegner wiederum versprach, Berlin zur „Modellstadt der
Krisenfestigkeit“ machen zu wollen. Das aber koste Geld, stellte er klar:
„Wir werden im Haushalt umsteuern müssen.“ Dabei richtete er sich auch an
die Bundesregierung. Berlin befinde sich als Hauptstadt in einer besonderen
Bedrohungslage. „Das muss auch in Zahlen deutlich werden. Der Bund muss
eine finanzielle Verantwortung tragen“, sagte Wegner.
## Zugang zu Informationen eingeschränkt
In Deutschland ist der Katastrophenschutz – also der Schutz der Bevölkerung
vor großen Unglücken und Katastrophen in Friedenszeiten – Ländersache,
während die Zuständigkeit für den Zivilschutz, also Schutz im Kriegsfall,
beim Bund liegt. Auf Bundesebene wurden Anfang des Jahres mit dem
Kritis-Dachgesetz [3][neue Regeln für den Schutz kritischer Infrastruktur
verabschiedet].
Etwa wurde der öffentliche Zugang zu Informationen eingeschränkt. Zudem
müssen Energieversorger, Krankenhäuser und der Flug- und Güterverkehr
strengere Sicherheitskonzepte und Notfallpläne entwickeln. Auch auf
Berliner Landesebene hat die schwarz-rote Koalition [4][trotz scharfer
Kritik das Informationsfreiheitsgesetz beschnitten] und den Ausbau von
Videoüberwachung auf den Weg gebracht, um Anschläge auf Infrastruktur zu
verhindern.
Die Berliner Grünenfraktion fordert, dass es dabei nicht bleiben darf. „Als
Hauptstadt können wir es uns nicht leisten, die Krisenvorsorge weiter auf
die lange Bank zu schieben“, sagte Gollaleh Ahmadi, Sprecherin für
Sicherheitspolitik, am Montag. „Resilienz entsteht nicht durch Berichte,
sondern durch verbindliche Investitionen, klare Zuständigkeiten und
konsequente Umsetzung.“ Jetzt sei der Senat in der Pflicht, einen
verbindlichen Umsetzungsplan vorzulegen. Ob das aber angesichts des
aufziehenden Wahlkampfs geschieht, ist ungewiss.
6 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Hanno Fleckenstein
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