# taz.de -- Razzia nach Stromanschlag in Berlin: Auf der Suche nach Beweisen
> Die Polizei durchsucht nach einem Anschlag im Technologiepark Adlershof
> mehr als ein Dutzend Objekte. Ermittelt wird gegen vier Verdächtige,
> Haftbefehle gibt es keine.
(IMG) Bild: Polizisten durchsuchen ein Hausprojekt im Wedding
Die [1][anarchistische Bibliothek Kalabal!k] ist am Dienstagmorgen
vollständig von Polizeiwannen abgeriegelt. Über ihnen hängt ein großes
Banner, befestigt im ersten Stock des Altbaus in der Reichenberger Straße
in Berlin-Kreuzberg. [2][„Der Görli bleibt auf“] steht darauf, ergänzt
durch das Symbol eines Bolzenschneiders. Nur durch die Lücken zwischen den
Fahrzeugen ist der offenstehende Eingang zu erkennen, durch den vermummte
und behelmte Polizist:innen ein und aus gehen. Auskunft geben will hier
niemand. „Hier keine Informationen“, sagt einer der vermummten Polizisten.
An 14 Orten in Berlin sowie zwei Wohnungen in Hamburg und je einer in
Düsseldorf und im brandenburgischen Kyritz hat die Polizei am frühen Morgen
Razzien durchgeführt. Im Zusammenhang mit Ermittlungen zu einem
[3][Brandanschlag auf die Stromversorgung im Technologiepark Adlershof] vor
einem halben Jahr wurden dabei neben der Bibliothek Kalabal!k etwa der
Kollektiv-Späti L5 in Neukölln und ein linkes Hausprojekt in Wedding
durchsucht.
Dort drangen Polizist:innen durch die Eingangsscheibe eines Infoladens
ins Haus ein, durchsuchten Zimmer und Büros im Erdgeschoss, nahmen die
Personalien der Bewohner:innen auf und trugen Laptops hinaus. Vor dem
Haus demonstrierten während der Maßnahme, die bis in den Vormittag
andauerte etwa zwei Dutzend Menschen mit Sprechchören. Betroffen waren
darüber hinaus Privatwohnungen, nach taz-Informationen etwa eine
Wohngemeinschaft in Neukölln.
Laut der Berliner Staatsanwaltschaft richten sich die Ermittlungen gegen
vier Personen im Alter von 28, 31, 35 und 36 Jahren. Medienberichten
zufolge soll es sich um zwei Männer und zwei Frauen handeln. Einer von
ihnen komme womöglich aus München. Laut Informationen der Berliner
Morgenpost soll es sich bei ihm um eine „Szenegröße“ handeln, gegen den die
Münchner Generalstaatsanwaltschaft erst Mitte März Anklage erhoben hatte.
Dem Mann, der im Oktober aus der Untersuchungshaft entlassen worden war,
wird die Beteiligung an drei Anschlägen in und bei München auf eine Bahn-,
Industrie- und Windkraftanlage zur Last gelegt. In den vergangenen Jahren
hat es laut Süddeutscher Zeitung mehr als 50 Brandanschläge auf
Infrastruktur-Einrichtungen in der Region gegeben, die so genannte
„Raute-Serie“.
Bei den Razzien am Dienstag seien die Beschuldigten teilweise angetroffen
worden, so die Berliner Staatsanwaltschaft. Haftbefehle habe es keine
gegeben. Diese werden bei dringendem Tatverdacht oder Fluchtgefahr
erlassen. Im Raum stehe der Verdacht der verfassungsfeindlichen Sabotage,
Bildung einer kriminellen Vereinigung sowie Brandstiftung. Auf Antrag der
Generalstaatsanwaltschaft Berlin waren 19 Durchsuchungsbeschlüsse erlassen
worden. Sie dienen der Suche nach Beweismitteln. Sichergestellt wurden
unter anderem Mobiltelefone, Laptops, Unterlagen und diverse weitere
elektronische Geräte. Die Ermittlungen führt die „Ermittlungsgruppe
Spannung“ im Berliner Landeskriminalamt.
Die Tageszeitung Die Welt berichtet, der Einsatz richte sich gegen eine
anarchistische Gruppe. Im Fokus stehe dabei auch das anarchistische Magazin
„Zündlappen“, das Ermittler einer klandestin agierenden Gruppe aus Bayern
zuordnen. Das Magazin, das regelmäßig zwischen 2019 und 2021 erschien,
berichtete über anarchistische Theorie und Sabotageaktionen.
## Polizei hat „Hoffnung“
Die Berliner Gewerkschaft der Polizei erklärte am Dienstagmorgen: „Die
Sicherheitsbehörden kennen die Protagonisten des harten Kerns, weil sie
anders als Rechtsextremisten keinesfalls zur Passivität übergehen, wenn
rechtsstaatliche Maßnahmen ergriffen werden. Aber nach wie vor ist es
unglaublich schwer, ihnen Brandanschläge wie den in Johannisthal oder
Zehlendorf nachzuweisen.“ Das Landeskriminalamt habe erfolgreich ermittelt,
„um die heutigen Durchsuchungsbeschlüsse zu erwirken“. Nun hoffe man, dass
dabei etwas „herumkommt“. Sprecher Benjamin Jendro sprach überdies vom
Linksextremismus als „demokratiegefährdendes Krebsgeschwür“.
Berlins Innensenatorin iris Spranger (SPD) sagte, die Durchsuchungen
zeigten, „dass wir jeden Hinweis mit höchster Priorität verfolgen. Wer
unsere kritische Infrastruktur angreift, greift die Sicherheit unserer
gesamten Stadt an.“ Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach
davon, „konsequent gegen linksextremistische Bestrebungen“ vorzugehen. „Die
Sicherheitsbehörden befinden sich dazu in einem engen Austausch.“ Auch dem
Anschlag auf eine Kabelbrücke Anfang des Jahres im Südwesten der Stadt
werde „weiterhin intensiv nachgegangen“. Über mögliche Verbindungen der nun
Verdächtigen zu dem Anschlägen der so genannten Vulkangruppen ist nichts
bekannt.
Bei dem Anschlag am 9. September am Königsheideweg in Johannisthal im
Bezirk Treptow-Köpenick wurden zwei Strommasten in Brand gesetzt und ein
Starkstromkabel weitgehend zerstört. Etwa 50.000 Haushalte [4][waren ohne
Strom]. Betroffen waren auch etwa 1.300 Unternehmen im Technologiepark
Adlershof, die teilweise bis zum 11. September von der Stromversorgung
abgeschnitten waren. Der Chef des Technologiepark-Betreibers Wista
bezifferte die den Unternehmen entstandene Schadenssumme am Montag auf 30
bis 70 Millionen Euro.
In einem [5][Bekennerschreiben] hatten sich damals „einige Anarchist:innen“
zu dem Anschlag bekannt. Darin hieß es: „Wir bitten die Anwohner:innen, die
davon in ihren privaten Haushalten betroffen waren, um Nachsicht“.
Gleichwohl sei dies ein „Kollateralschaden“ angesichts der „faktischen
Zerstörung der Natur und der oft tödlichen Unterjochung von Menschen“. Für
beides machten sie die im Technologiepark Adlershof ansässigen Firmen
verantwortlich.
Anmerkung der Redaktion: Der Text wird laufend aktualisiert.
24 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Vorwurf-Linksextremismus/!5714585
(DIR) [2] /Schliessung-des-Goerlitzer-Parks-in-Berlin/!6159043
(DIR) [3] /Stromausfall-in-Berlins-Suedosten/!6112449
(DIR) [4] /Nach-Brandanschlag-auf-Strommasten-/!6109290
(DIR) [5] /Anschlag-auf-das-Stromnetz-in-Berlin-/!6113555
## AUTOREN
(DIR) Erik Peter
(DIR) Timm Kühn
## TAGS
(DIR) Stromnetz
(DIR) Kritische Infrastruktur
(DIR) Razzia
(DIR) GNS
(DIR) Stromausfall
(DIR) Brandanschlag
(DIR) Polizei Berlin
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Stromausfall
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Linksextremismus
(DIR) Schwarz-rote Koalition in Berlin
(DIR) Stromausfall
(DIR) Brandanschlag
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) „Ratschlag Zivilgesellschaft“: Die Nachbarschaft stärken
Ein Zusammenschluss fordert eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen
Zivilgesellschaft und Behörden. So könnten Krisen besser bewältigt werden.
(DIR) Nach den Anschlägen auf Strommasten: Autoritäres Gebaren
Um die kritische Infrastruktur zu schützen, schränkt der Senat die
Informationsfreiheit ein. Dabei hat das eine mit dem anderen nicht viel zu
tun.
(DIR) Hitlist polizeifeindlicher Slogans: Halb Kreuzberg hasst die Polizei
Eine Spontandemo gegen die Stromanschlagsrazzien wird zum
Gesangswettbewerb. Ein Slogan gegen die Polizei folgt auf den nächsten.
(DIR) Schutz kritischer Infrastruktur: Nur ein Vorwand für Freiheitseinschränkung
CDU und SPD legen die Axt an Berlins Informationsfreiheit. Experten und
Opposition sind empört: Dem Schutz kritischer Infrastruktur werde nicht
geholfen.
(DIR) Anschlag auf das Stromnetz in Berlin: Terror der Modernegegner
Ein Bekennerschreiben preist den Stromausfall für Tausende als
Kollateralschaden ein. Von wegen. Getroffen wurde die offene Gesellschaft.
(DIR) Stromausfall in Berlins Südosten: Polizei vermutet politisches Motiv hinter Brandanschlag
Ein mutmaßlicher Anschlag auf zwei Strommasten führt zu einem großen
Stromausfall. Weitere Anschläge gibt es mit Bezug zur Rigaer 94.