# taz.de -- Ausstellung über den Sog der Bilder: Sonnenuntergang gegen das Grauen
       
       > Über Bilder und deren Wirkungskraft: Die Ausstellung „The Lure of the
       > Image“ bei C/O Berlin übt sich in audiovisueller Selbstermächtigung.
       
 (IMG) Bild: Zieht in den Bann: Dina Kelbermans „The Wave“, 2025, Videostill
       
       Bilder verlocken, Bilder verführen. Das hatten schon die [1][Porträtmaler]
       (und deren Auftraggeber) in Mittelalter und Renaissance herausgefunden, die
       die damaligen Prinzen und Prinzessinnen für den aristokratischen Heirats-
       und Machtmarkt möglichst vorteilhaft darstellen sollten.
       
       Auf audiovisuelle Sogstrategien der digitalen Gegenwart hat es jetzt die
       Ausstellung „The Lure of the Image – Wie Bilder im Netz verlocken“
       abgesehen. Es lassen sich dabei verblüffende Verschiebungen feststellen.
       Denn es sind gar nicht die ausgefeilt schönen Darstellungen von Menschen,
       nicht einmal die mit Gewalt aufgeladenen Bilder, die die Besucherinnen und
       Besucher, den Rezensenten eingeschlossen, am meisten in den Bann ziehen.
       Nein, für das größte und am längsten anhaltende Interesse sorgt eine Welle
       von Aufnahmen Gummihandschuh-bewehrter Hände, die sanft Schwämme drücken
       und dabei hübschen Schaum produzieren. Über den Audiokanal wird zudem
       hypnotisierendes Wasserrauschen herübergespült.
       
       Dina Kelberman hat „The Wave“ aus Instagram-Aufnahmen zusammengestellt. Als
       ASMR – auf Deutsch „Autonome sensorische Meridianreaktion“ – wird das
       Phänomen bezeichnet. Auch Beschreibungen wie „aufmerksamkeits-induzierter
       Kopforgasmus“ kursierten schon für den durch beruhigende Bilder und
       Geräusche oder durch sanfte Berührungen ausgelösten Effekt. Man kann es als
       neue Stufe der Manipulation durch Bilder bezeichnen, in ihrer Wirkung
       immerhin ein Gegenpol zu polarisierenden Gewaltdarstellungen und zum
       Immer-Schöner, Immer-Dünner-Konkurrenzdruck im Influencer-Universum.
       
       Kelbermans Position ist die überraschendste der insgesamt 14 künstlerischen
       Ansätze in der vom Fotomuseum Winterthur kuratierten und [2][von Boaz Levin
       für das C/O Berlin] adaptierten Ausstellung. Man kann die Perspektiven grob
       aufteilen in medienhistorisch-analytisch, medienkritisch und nach Ansätzen
       von Selbstbefreiung suchend. Simone C Niquille etwa erinnert in ihrer
       computeranimierten Bewegungsstudie des IKEA-Stuhls Bertil daran, dass er
       als erstes IKEA-Produkt überhaupt vor 20 Jahren für den Katalog des
       Möbelhauses per Computer Generated Imagery-Verfahren (CGI) produziert
       wurde. 2014 waren laut Niquille bereits 75 Prozent aller Aufnahmen im
       Katalog des Möbelhauses computergeneriert.
       
       ## Stereotype Abbildungen
       
       Joiri Minaya wiederum untersucht mit „#dominicanwomengooglesearch“
       stereotype Abbildungen von Frauen aus der Karibik. In einem zweiten
       Projekt, „A Marooned Picturesque“ versteckt sie die Umrisse der
       Frauenkörper hinter Pflanzenornamenten und Landschaftsdarstellungen. Es ist
       ein Versuch, Herrschaft über das eigene Bild zu erlangen.
       
       Eine spektakuläre Aktion in diesem Kontext greift Zoé Aubry in ihrem Werk
       „#Ingrid“ auf. Auf drei großen Bildwänden sind Fotos von Sonnenuntergängen,
       Landschaftsidyllen und Blütenkompositionen zusammengestellt. Es handelt
       sich um Fotos, mit denen Aktivist*innen die digitalen Plattformen
       überschwemmten, um so die Bilder der ermordeten und schrecklich
       zugerichteten Mexikanerin Ingrid Escamilla Vargas zu verdrängen. Die Bilder
       der Toten waren zunächst von sensationsgierigen Medien verbreitet worden.
       „The Lure of the Image“ macht daher auch Mut, sich der Macht der Bilder zu
       widersetzen, sie zu unterlaufen und, wie es neudeutsch heißt, „agency“ zu
       erlangen.
       
       Bei den Praktiken der rebellischen Textilarbeiter des 19. Jahrhunderts
       dockt wiederum [3][die Berliner Medienkünstlerin Hito Steyerl] an. In ihrer
       frühen Videoinstallation „Strike“ (2010) schwingt sie einen Hammer und
       schlägt damit auf einen Monitor ein, der ganz hübsch zerbirst und seine
       inneren Strukturen offenbart. „The Lure of the Image“ entzaubert die
       digitalen Bildwelten und die Machtstrukturen dahinter nicht komplett. Aber
       die Ausstellung liefert Einblicke und bietet Inspirationen.
       
       21 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Tom Mustroph
       
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