# taz.de -- Netzkünstler Jon Rafman in Düsseldorf: Wenn Androiden träumen
       
       > Jon Rafman macht die Abgründe des World Wide Web sichtbar. Das
       > Düsseldorfer K21 zeigt, trotz Missbrauchsvorwüfen gegen ihn, eine große
       > Einzelausstellung des Künstlers.
       
 (IMG) Bild: Jon Rafman, „Main Stream Media“, Ausstellungsansicht, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen 2026
       
       Die wackeligen Bilder sehen aus, als wären sie mit einer GoPro-Kamera
       aufgenommen. Wir sehen alles wie bei einem Ego-Shooter-Computerspiel aus
       der Perspektive eines hypermobilen Betrachters am Lenkrad, der mit großer
       Geschwindigkeit wie bei einer Verfolgungsjagd mit dem Auto wilde Runden in
       einer nächtlichen, menschenleeren Innenstadt dreht, dann auf eine
       Schnellstraße rast. Am Straßenrand karge Zweckbauten.
       
       An der Wand eines Hauses läuft ein Zwerg hoch. Eine Tankstelle geht in
       Flammen auf. Dann die Raffinerie dahinter. Wenige Augenblicke später segeln
       wir in ein nächtliches Feuerwerk auf dem Nollendorfplatz in Berlin, als
       würden wir zu Silvester auf der U1 subwaysurfen.
       
       Unsere Perspektive und unsere Bewegung folgen den zum Himmel strebenden
       Funken. All das gehorcht einer Logik, die gleichzeitig so zwingend und so
       absurd ist wie in einem Albtraum.
       
       Der [1][amerikanische Schriftsteller Philip K. Dick fragte] einst im Titel
       eines seiner bekanntesten Werke, ob Androiden wohl von elektrischen Schafen
       träumen. Nein, kann man ihm heute antworten. Die Träume von Androiden
       dürften eher so aussehen wie die Collagen und Videos, die derzeit in der
       Ausstellung „Main Stream Media“ des kanadischen Künstlers Jon Rafman in
       Düsseldorf zu sehen sind: wirre, verstörende, aber gleichzeitig auch
       erschreckend luzide Bildkombinationen.
       
       ## Computergenerierte Katastrophenbilder
       
       Wie die in den Videos „Catastrophonics I–IV“, in denen viral gegangene
       Clips aus den sozialen Medien auf computergenerierte Katastrophenbilder von
       Fluten, Unfällen, Großbränden oder Kriegsszenen treffen und den Betrachter
       gnadenlos in ihren Sog ziehen. Manche dieser Bilder hat man im Netz
       gesehen.
       
       Andere hat es so nie gegeben. Und gezeigt wird das Ganze aus der ewigen
       Wackelperspektive von Handyaufnahmen, als gäbe es die ganze Welt nur noch,
       damit wir unsere Smartphones darauf richten können. Irgendwann hat man das
       Gefühl, das Internet würde einen vollkotzen.
       
       Die Abgründe, die das Netz sichtbar gemacht hat, sind von jeher das
       obsessive Thema des 1981 geborenen Rafman. Als Künstler der Post-Internet
       Art war sein Material seit Beginn seiner künstlerischen Laufbahn der
       Unterbauch des Internets. „Wir sind alle zu Filtern geworden. Unsere
       Identität wird zum Teil dadurch bestimmt, was wir uns im Netz ansehen und
       worüber wir hinweggehen“, sagte der Kanadier in einem 2015 veröffentlichten
       Gespräch mit dem Autor.
       
       Er selbst nahm im Netz vorwiegend Abwegiges, Verstörendes und
       Ekelerregendes wahr: Seinen künstlerischen Durchbruch hatte er 2010 mit der
       Fotoserie „9 Eyes“ – benannt nach den neun Kameras, mit denen zu dieser
       Zeit Google die Welt für seinen Dienst Street View abzufotografieren
       begann.
       
       ## „9 Eyes“ war der Blick in eine Welt des Grauens
       
       Was als nützliches Werkzeug für die Orientierung im physischen Raum gedacht
       war, wurde in Rafmans Händen zum Blick in eine Welt des Grauens:
       Schlägereien vor Kneipen, Bewaffnete irgendwo in einer Wüste, ein Mann,
       dessen Kopf in einem Müllcontainer steckte. Rafman hatte das Internetsurfen
       zu einer eigenen Kunstform gemacht.
       
       Auch Videoarbeiten wie „Still Life (Betamale)“ (2013) oder „Egregores“
       (2021) schöpften mit vollen Händen aus den Kloaken des Internets, mit
       besonders viel Gusto aus dem Imageboard 4chan. Diese Exkursionen in das
       Reich der Internettrolle, NEETs und [2][Incels] lieferten traumatische
       Bilder von bewaffneten Furries, deformierten Computerspielfiguren oder
       verwahrlosten Gamerhöhlen, die auch in der Düsseldorfer Ausstellung auf
       historischen Röhrenmonitoren zu sehen sind. „Ich denke, dass diese Art, die
       Welt zu betrachten, eine logische Konsequenz dessen ist, was tagtäglich im
       Internet geschieht“, sagte Rafman 2015.
       
       Die Düsseldorfer Ausstellung ist die erste große Überblicksschau des
       Künstlers in Deutschland. Bereits 2020 war eine [3][Einzelausstellung im
       Kunstverein Hannover geplant gewesen]. Die wurde aber [4][nach
       Missbrauchsvorwürfen gegen den Künstler wieder abgesagt]. Die Montreal
       Gazette hatte berichtet, er habe sexuelle Beziehungen gehabt, die von den
       beteiligten Frauen als manipulativ und degradierend empfunden wurden.
       Allerdings musste die Tageszeitung im Rahmen eines Vergleichs drei Artikel
       wieder zurückziehen – weil sie den Künstler vor Veröffentlichung nicht mit
       dem Vorwurf konfrontiert hatte.
       
       ## Rafman-Ausstellungen in Kanada und USA abgesagt
       
       Rafman entschuldigte sich später, betonte aber, dass es sich um
       [5][„einvernehmliche sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen“ gehandelt
       habe]. Trotzdem hatte die Sache Folgen: das Musée d’art contemporain de
       Montréal brach seine laufende Rafman-Präsentation ab, das Hirshhorn Museum
       in Washington legte eine geplante Einzelausstellung auf Eis, und Rafmans
       damalige Montrealer Galerie Bradley Ertaskiran beendete die Zusammenarbeit.
       
       Nicht so das Düsseldorfer K21. „Main Stream Media“ zeigt neben den bereits
       bekannten Collagen aus Internet-Found-Footage auch neue Arbeiten, die
       mithilfe künstlicher Intelligenz entstanden sind.
       
       Mit beträchtlichem Einfallsreichtum unterläuft Rafman dabei die normativen
       Vorgaben von KI-Videogeneratoren. Diese Systeme sind darauf trainiert,
       Bilder und Videos auf Grundlage statistisch gelernter Muster zu erzeugen;
       die visuellen Welten, die sie hervorbringen, wirken deshalb aseptisch und
       normschön. Rafman hingegen promptet so, dass unübersehbar wird, wie wenig
       die KI von den Bildern versteht, die sie produziert – und wie sie darum
       wahllos Motive, Formen und Bedeutungen zu grotesken visuellen Bricolagen
       zusammenschmeißt, wenn man sie lässt.
       
       ## Videoslop am Fließband
       
       Wohl dank KI kann Rafman solchen Videoslop jetzt wie am Fließband
       produzieren und zeigt in der Ausstellung einen Ausschnitt des fiktiven
       KI-Fernsehsenders „Main Stream Media Network“, der wie eine automatische
       Kombination aus dem alten MTV und „Wayne’s World“ wirkt. Gucken kann man
       das Ganze in Möbeln, die mit Motiven aus den Videos bedruckt sind. Auch
       wenn die hohen Hallen im K21 Rafmans Anliegen, den Besucher ganz in sein
       visuelles Universum einzuatmen, entgegenstehen, beginnt die Ausstellung
       dennoch irgendwann wie Doomscrolling im physischen Raum zu wirken.
       
       Die ästhetischen Methoden von Jon Rafman sind ebenso wenig subtil wie seine
       Gesellschaftsanalyse. Aber in der Grobheit liegt ihre Stärke: Rafman bringt
       eine diffuse Erfahrung der Gegenwart auf die drastische Formel einer
       Bilderhölle, in der Katastrophe und Unterhaltung, die mediale Aufzeichnung
       der Wirklichkeit und ihre Simulation nicht mehr zu unterscheiden sind.
       
       25 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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