# taz.de -- Filmkünstler É. Baudelaire im CCA Berlin: Wie fühlt sich die Gesellschaft an?
> Éric Baudelaire ist als Filmkünstler bekannt. Im Berliner Kunstraum CCA
> zeigt er auch Skulpturen – ein sinnlicher Trip von der Börse bis zur
> Schönheit.
(IMG) Bild: Fünffacher Blick ins Nationale Labor für Metrologie: Éric Baudelaire, „When Night Falls“, Ausstellungsansicht, CCA Berlin, 2026
Es kann sein, dass man vom Westberliner Breitscheidplatz aus ins CCA Berlin
– Center for Contemporary Arts gespült wird, ins Foyer der
[1][Gedächtniskirche, das Architekt Egon Eiermann] von der Rundfliese bis
zum Sichtbeton korrekt im Stil der leichten Nachkriegsmoderne
durchgestaltete, und dann gerade das zögerliche „deux, trois“ einer
Kinderstimme aus den Lautsprechern schallt. Oder irgendwelche
Motorengeräusche, die den Soundtrack geben zu den zwölf zunächst recht
unerklärlichen Holzobjekten auf Tischgestellen in den mittlerweile charmant
in die Jahre gekommenen Räumen.
Was sind diese aus Kirschholz herausgearbeiteten Gebilde mit ihren Hubbeln,
Wülsten, dicken Adern, aus denen auch mal die Konturen eines
Duplo-Legosteins hervortreten? Sie ähneln Landschaftsmodellen. Man darf sie
sogar berühren. Das fühlt sich betörend an, wenn man den Finger in eine
Mulde gräbt oder mit der Hand die spitzen wie flachen Erhebungen auf der
weichen Holzoberfläche nachfährt. Geradezu therapeutisch wirkt das, würde
der Sound nicht auch irritieren.
Überhaupt ist man angesichts der skulpturalen Objekte überrascht, denn dies
ist ja eine Ausstellung von Éric Baudelaire, dem Konzeptkünstler,
Filmemacher und Fotografen, der 2019 den Prix [2][Marcel Duchamp] für „Un
film dramatique“ erhielt oder der [3][jetzt auf der Venedig-Kunstbiennale]
auf fünf riesigen Videoscreens die hektischen Bilder der so schnellen wie
monotonen Abläufe eines industrialisierten Blumenhandels abspulen lässt.
Ein Beispiel für „das Schöne und Tragische zugleich“ sei die
Blumenindustrie, hatte Baudelaire dazu gesagt. Und jetzt diese sonderbaren
Holzlandschaften?
Sehen kann man Baudelaires Arbeiten auf Filmfestivals ebenso wie in
Galerienausstellungen oder großen institutionellen Schauen – im Centre
Pompidou, dem MMK Frankfurt, dem Museo Reina Sofía in Madrid, auf der São
Paulo Biennale, der Whitney Biennial oder der Sharjah Biennale – you name
it. Und nun also im kleinen CCA, das schon mehrmals etablierte
Künstler:innen in das Eiermann’sche Foyergebäude holte, aber eben ohne
den Druck der Größe. Das macht die Ausstellungen hier so interessant.
## Europas größte Blumenfarm
Ob Éric Baudelaire auch [4][im Centre Pompidou zur Skulptur] übergegangen
wäre? Doch auch hier tut er es nur teilweise. Denn im Untergeschoss des CCA
führt er sein Fünf-Kanal-Filmprojekt aus Venedig fort. Die 80-minütige,
ziemlich in ihren Bann ziehende Videoinstallation ist auch die Quelle der
Lautsprechergeräusche. Unterschiedliche Orte tauchen darin auf, unter
anderem Europas größte Blumenfarm in Soria, ein Wahllokal in der Normandie,
der Versammlungssaal einer Unesco-Generalkonferenz, das Französische
Nationale Labor für Metrologie – Heimat des Originalkilogramms und des
Urmeters – und das Nationale Institut für blinde Jugendliche in Paris. Sie
stehen alle symbolhaft für unsere gesellschaftliche Organisation durch
Industrie, Normen, Sicherheit – und was aus ihnen herausfällt.
Der Film ist trotz wackliger Handkamera streng durchkomponiert (Kamera:
Claire Mathon; Edit: Claire Atherton), Detail- und Totalaufnahmen wechseln
sich ab, springen, kreisen, stocken. Rosen hängen kopfüber am Fließband,
junge Männer fläzen sich auf ihren Bürostühlen, während auf den
Bildschirmen die Börsenentwicklungen ablaufen, ein blindes Mädchen fährt
zielgenau mit den Fingern an den Rändern von Euromünzen entlang, um deren
Wert zu ertasten. Mal verdoppelt sich eine Szene, mal wird ein Bildschirm
schwarz. Die Aufmerksamkeit muss stets neu justiert werden.
Um dieses Neujustieren der Aufmerksamkeit geht es auch bei den
ausgestellten Holzskulpturen: Baudelaire bat Schüler:innen des Instituts
für blinde Jugendliche, mit Knete Formen zu schaffen, die sie als schön
empfänden. Die Modelle davon wurden anschließend nachgearbeitet. Was man
also an diesen ungewöhnlichen Objekten ertasten kann, ist die Schönheit für
diejenigen, denen die Erfahrung visueller Schönheit verwehrt bleibt. Über
das pure Mittel des Kunstobjekts kommt man mit den blinden Menschen
zusammen. Das ist eindringlich, berührend, konzeptuell klar. Und macht
sinnlich erfahrbar, was wir trotz äußerlicher Trennung auch teilen können
in einer Gesellschaft.
## Barthes-Booster
Den Titel der Ausstellung „When Night Falls“ hat Baudelaire übrigens einem
Zitat von Roland Barthes aus seiner Vorlesungsreihe „Wie zusammen leben“
entnommen: „Einander fremd zu sein, ist unausweichlich, ja sogar notwendig
und wünschenswert, außer wenn die Nacht hereinbricht.“ Den Barthes-Booster
hätte Baudelaire aber gar nicht gebraucht.
10 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sophie Jung
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