# taz.de -- Künstlerische Recherche: Welche Früchte der Baum trägt
> Im Gutshaus Steglitz erzählen Antje Majewski und Jen Tiger anhand des
> Osage-Baums Geschichten von Migration, Kolonialismus und ökologischer
> Transformation.
(IMG) Bild: Eine Szene aus Antje Majewskis Video „Osage History and the Bodark Tree“
Gelbgrün, runzelig und kugelig, in der Größe einer Pampelmuse ähnlich,
fasziniert die Osage-Orange durch ihre eigentümliche Oberflächenstruktur
und auffällige Farbigkeit. Auf die Frucht des Osagedorns stieß [1][Antje
Majewski] bereits 2008. Für ein Science-Fiction-Projekt suchte die
Künstlerin nach einer organischen Kugelform für ein fremdartiges
spekulatives „Kunstwerk der Zukunft“.
Als sie sich näher mit der Frucht beschäftigte, entwickelte sich daraus ein
recherchebasiertes Langzeitprojekt. Die Ausstellung im Gutshaus Steglitz
bildet dazu eine Station, Werke von Majewski werden dort gemeinsam mit
Arbeiten der Künstlerin Jen Tiger gezeigt, einer [2][Angehörigen der Osage
Nation]. Der Osagedorn, der im Süden der USA beheimatet ist, brachte
Majewski zu den Osage und deren Kolonisierung, die ebenso eine
Kolonisierung ihres Landes wie seiner Fauna und Flora war.
In einer Videoarbeit erzählt der Osage-Älteste Raymond Lasley, der heute
noch traditionelle Jagdbögen aus Osage-Holz herstellt, von der Vertreibung
im 19. Jahrhundert und dem ursprünglich seminomadischen Leben, bei dem
zweimal im Jahr Bison gejagt wurde. Um die Nahrungsgrundlage der Plains
Nations zu vernichten, wurden Bisons gezielt ausgerottet. Sesshaftigkeit
sollte so erzwungen werden.
Das einstige Territorium erstreckte sich über Teile der heutigen
US-Bundesstaaten Missouri, Arkansas, Kansas und Oklahoma. Durch den
Louisiana Purchase 1803 mussten die Osage ihr Land im Osten abtreten und
nach Westen ausweichen. Das letzte, dauerhafte Reservat im heutigen Osage
County (Oklahoma) wurde 1872 besiedelt.
In den 1920er Jahren wurden die Osage durch unverhoffte Erdölvorkommen
reich. Mit der Veräußerung von kollektivem Landbesitz ging aber das
zusammenhängende Gebiet verloren: „Heute besitzen wir nur noch die
Mineralrechte, die sich unter der Erde befinden. Wir haben also ein
unterirdisches Reservat“, erklärt Milton V. Labadie, ein hoch angesehenes
Mitglied der Osage Nation, in derselben Videoarbeit.
## Wissens- und Lebenssysteme
Was im Film nicht vorkommt, ist, dass der kollektive Rückkauf des
enteigneten Landes inzwischen von den Osage bewusst vorangetrieben wird.
Das Thema greift der Katalog mit einer Text-Bild-Collage von Tiger auf, die
leider nicht in der Ausstellung zu sehen ist. Tigers Werke, die durch
Archivarbeit entstehen, drehen sich allesamt um die Geschichte der Osage,
deren Wissens- und Lebenssysteme verdrängt werden sollten.
In der Ausstellung zeigt ein Diptychon Johannes Calvin, der auf ein
historisches Dokument geklebt ist: Auf der Spitze seines Zeigefingers
balanciert ein winziges Mädchen in indigener Kleidung. Aus einer Spindel in
seiner Hand läuft ein schwarzer Faden zu einem Webstuhl, herauskommt ein
rosa Faden, der zu dem Kleid gehört, das das Mädchen im darauffolgenden
Bild trägt. Die Missionare sollten nicht nur christianisieren, sie sollten
auch zivilisieren. Dazu zählte für Mädchen das Erlernen von Spinnen, Weben,
Nähen und Hausarbeit, wie Tiger im Katalogtext erklärt.
Tigers Arbeiten vermitteln aber auch Resilienz und Stolz. In einer
traditionell getragenen Brosche steckt hinter Gitterstäben das Foto eines
„Unverbesserlichen“. Er lief immer wieder aus dem Internat davon, aus
Protest gegen den erwarteten Arbeitseinsatz bei ortsansässigen
Farmerfamilien. Später wurde er Dolmetscher für die Osage.
In einem zweiten Film interviewt Majewski einen Forstexperten. Er zeigt,
wie der Osage-Baum dabei half, Grenzen zu ziehen. Als stachelige Hecke
sicherte er landwirtschaftliche Parzellen, macht aber auch die
Inbesitznahme von Land durch die europäischen Siedler*innen greifbar,
die das Graslandökosystem durch Einfriedung, Extraktion und Verdrängung
indigener Landpraxen neu formten. Heute wirkt der Baum dem ökologischen
Kollaps durch Ackerbau entgegen, er stabilisiert die Sandböden des Dust
Bowl.
Ein Gemälde von Majewski greift die im Film gezeigte Rasterkarte von
Oklahoma auf und beschäftigt sich mit der rigiden Gitterstruktur, die über
die Prärie gelegt wurde. Die Karte bedeckt eine nur schwer zu erahnende
Naturszene, die zu einem übermalten Ölbild gehört. Dem gegenüber stehen
Porträts der eigentümlichen Frucht und des Baumes, den Majewski im nahe
gelegen Berliner [3][Botanischen Garten] vorgefunden hat. Mit ihren
naturalistischen Gemälden will die Künstlerin keinen erholsamen Ausklang
nach der schmerzhaften und komplexen Geschichte bieten. Eher sei ihr Gefühl
gewesen, der Baum lebe sein Leben unabhängig von uns. Die Koexistenz von
Pflanzen und Menschen sei eng verzahnt und gleichzeitig opak.
28 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Julia Gwendolyn Schneider
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