# taz.de -- Reformpaket der Bundesregierung: Härtere Zeiten für Beschäftigte
> Krankmeldung, Befristung, Steuern: welche Verschlechterungen die
> Bundesregierung für die arbeitende Bevölkerung beschlossen hat.
(IMG) Bild: Kranke Regelungen könnten bald unnötig Wartezimmer füllen
Anja Thiemann ist Allgemeinärztin in einer Praxis in Berlin-Lichtenberg. Es
kann gut sein, dass ab 2027 noch mehr Patient:innen in ihre
Akutsprechstunde kommen als jetzt schon. „Das Patientenaufkommen wird
steigen, aber eben nicht sinnhaft“, sagt Thiemann, die auch
stellvertretende Vorsitzende des Hausärzteverbandes Berlin und Brandenburg
ist, der taz.
Laut dem Koalitionsbeschluss im sogenannten [1][Reformpaket] vom Donnerstag
soll die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden, Patient:innen
müssen sich dann schon vom ersten Tag der Krankheit an eine
Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) beim Arzt ausstellen lassen –
persönlich.
„Das ist nicht gesundheitsförderlich“, sagt Thiemann. „Wer etwa einen
Magen-Darm-Infekt hat, am ersten Tag geschwächt ist und ständig zur
Toilette muss, für den ist es schwierig, in die Praxis zu kommen. Der
sollte lieber zu Hause bleiben. Auch das Ansteckungsrisiko ist dann hoch.“
Solche Patient:innen, wenn die Ärztin sie persönlich kennt, konnten bisher
einfach anrufen, um die AU-Bescheinigung zu bekommen.
Kanzler Merz hat mehrfach die „exorbitant gestiegene“ Zahl an
Krankheitstagen in Deutschland beklagt. Das könne sich Deutschland im
internationalen Wettbewerb nicht mehr leisten. Der Kanzler sprach von
Missbrauch, den er erschweren wolle.
## Irreführende Datenlage
Ob und inwieweit Missbrauch betrieben wird, ist allerdings unklar. Die
Möglichkeit, sich per Telefon für bis zu fünf Kalendertage krankschreiben
zu lassen, wurde im Zuge der Corona-Pandemie eingeführt und dann
verlängert. Laut Analysen etwa der Barmer Ersatzkasse machen die
telefonischen Krankschreibungen nur rund ein Prozent aller Krankmeldungen
aus.
Die Zahl der erfassten Krankmeldungen stieg seit 2022, weil Ärzt:innen
diese seitdem direkt elektronisch an die Krankenkassen melden. Davor
bekamen die Patient:innen nur eine zweifache Bescheinigung auf gelbem
Papier, die sie an die Krankenkasse oder den Arbeitgeber weitergeben
konnten, was sie oft nicht taten.
Krankentage werden jetzt also präziser erfasst, allerdings meist nur
Krankheiten, die länger dauern als drei Tage. Denn Paragraf 5 des
Entgeltfortzahlungsgesetzes sieht bislang vor, dass der Arbeitgeber erst am
vierten Tag eine Bescheinigung bekommen muss. Es sei denn, er verlangt
schon früher einen ärztlichen Nachweis.
## Ärztin warnt vor Wartezeiten
Das Entfallen dieser Frist werde „eine Welle von Menschen in unsere Praxen
spülen – in vielen Fällen ohne medizinische Notwendigkeit, sondern aus rein
administrativen Gründen“, rügt Nicole Buhlinger-Göpfahrth,
Co-Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes.
„Während sich die Infektfälle, die nur ein, zwei Tage im Bett gebraucht
hätten, in unseren Wartezimmern stapeln, werden die dringlichen Fälle
warten müssen, weil wir nicht hinterherkommen“, so Buhlinger-Göpfahrth.
Betriebe oder Tarifparteien sollen allerdings durch eigene Vereinbarungen
festlegen können, wie bisher erst später eine AU-Bescheinigung zu
verlangen, heißt es im Beschluss. Im gleichen Absatz verspricht die
Koalition mittelfristig eine „Termingarantie Fachärzte“. Wie das klappen
soll, ist nicht geklärt.
## Arbeitsverträge länger befristet
Härtere Zeiten kommen auf Beschäftigte auch in anderer Hinsicht zu. So
sollen die Vorgaben für befristete Arbeitsverträge gelockert werden.
Bislang gilt: Ohne Sachgrund, wie etwa bei einer Elternzeitvertretung,
dürfen Arbeitsverträge in der Regel nur zwei Jahre lang befristet sein. In
dieser Zeit sind höchstens drei Verlängerungen möglich.
Künftig, so die Einigung zwischen Union und SPD, sollen Befristungen
doppelt so lange möglich sein: vier Jahre mit bis zu sechs Verlängerungen.
Immerhin wird die neue Regelung selbst ebenfalls befristet. Sie soll
zunächst bis Ende 2030 gelten.
Friedrich Merz bezeichnete das am Donnerstag als „wichtige Maßnahme
besonders für junge Unternehmen, für Start-ups, aber auch für Betriebe, die
expandieren wollen“. Dabei dürfen neue Unternehmen schon heute bis zu vier
Jahre lang sachgrundlos befristen. Ausnahmen gibt es auch schon für
Neueinstellungen älterer Arbeitsloser und durch Klauseln in Tarifverträgen.
## Befristungen machen unglücklich
[2][Laut einer Auswertung] des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und
Sozialwissenschaftlichen Instituts waren Ende 2023 knapp 38 Prozent aller
Neueinstellungen in Deutschland befristet. Am höchsten ist die Quote
demnach bei jüngeren Menschen unter 25 Jahren und bei älteren über 65. Bei
Ungelernten und Akademiker:innen liegt sie höher als bei Menschen mit
einer Berufsausbildung und bei Ausländer:innen höher als bei Deutschen.
Studien des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge gehen
Befristungen „für Erwerbstätige mit spürbaren Sorgen um den Arbeitsplatz
einher und mindern die Lebenszufriedenheit“. Frauen fühlten sich durch
Befristungen deutlich stärker belastet als Männer.
Bei den Gewerkschaften stoßen die [3][Pläne der Koalition auf Kritik.] „Die
Ausweitung des Zeitraums für sachgrundlose Befristungen verlagert das
unternehmerische Risiko auf die Beschäftigten. Das ist nicht akzeptabel“,
sagte Verdi-Chef Frank Werneke. Tanja Gönner vom Bundesverband der
Industrie hingegen sagte, die neuen Regel könne „wichtige Impulse setzen“.
## Schnellere Kündigungen und Verwirrung um Mindestlohn
Arbeitnehmer:innen mit Top-Gehältern werden in einem Punkt künftig
schlechter gestellt: Für sie will Schwarz-Rot den Kündigungsschutz lockern.
Mit einer Abfindung sollen Arbeitgeber:innen sie einfacher loswerden
können, Details lässt die Koalition noch offen.
Am anderen Ende des Spektrums sorgt der Beschluss für Fragezeichen: Der
Steuersatz, den Arbeitgeber:innen für Minijobs pauschal zahlen, soll
„von zwei auf fünf Prozent“ angehoben werden. Vergangene Woche wollten
Rentenkommission und Regierung den „steuer- und
sozialversicherungsrechtlichen Sonderstatus“ noch abschaffen.
CSU-Chef Markus Söder, dem die Minijobs „ganz besonders wichtig sind“,
schlussfolgerte bei der Pressekonferenz vor dem Kanzleramt: „Wenn man
Steuern auf etwas erhebt, dann schafft man es nicht einfach ab.“
2 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Koalition-beschliesst-Reformpaket/!6192892
(DIR) [2] https://www.boeckler.de/de/faust-detail.htm?produkt=HBS-008960
(DIR) [3] /Reaktionen-auf-das-Reformpaket/!6192897
## AUTOREN
(DIR) Barbara Dribbusch
(DIR) Tobias Schulze
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