# taz.de -- Krankschreibungen in EU-Ländern: Gesundheit!
       
       > Der Bundestag hat die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung
       > beschlossen. Als Nächstes plant die Koalition strengere Vorgaben bei
       > Krankschreibungen. Wie regeln das andere EU-Länder?
       
 (IMG) Bild: Ab zum Arzt! Aber sofort!
       
       ## Schweden und Norwegen
       
       Nach einem Wochenende bei ihrer Freundin Kari Johansen in Oslo wacht Inger
       Karlsson zu Hause im schwedischen Göteborg mit Fieber auf. Sie schreibt
       ihrer Vorgesetzten: „Muss mich leider krankmelden, habe hohes Fieber.“ Dann
       bekommt Inger eine Nachricht aus Oslo: Auch Kari ist krank.
       
       Nach einer Woche ist Inger wieder im Büro. Eine Krankschreibung hätte sie
       erst ab dem achten Tag gebraucht. Sie ist noch etwas matt, aber lieber so
       arbeiten, als mit nur 80 Prozent ihres Gehalts zu Hause zu bleiben, minus
       dem Karenz-Abzug vom Anfang. Zwei Wochen würde die Firma den Krankenlohn
       zahlen, bevor Inger sich an die staatliche Sozialversicherung wenden
       müsste.
       
       Über Geld braucht Kari Johansen in Norwegen nicht nachzudenken, sie bekommt
       bei Krankheit ihr volles Gehalt: 16 Tage vom Arbeitgeber, dann von der
       Sozialversicherung. Eine Krankschreibung braucht Kari ab dem vierten Tag.
       Sie ist froh, das mit einem Videotelefonat erledigen zu können.
       
       Kari erfüllt dafür die Bedingungen: Sie ist bei ihrem Hausarzt bekannt, und
       der kann ihre Arbeitsunfähigkeit auch ohne Untersuchung beurteilen. Er
       schreibt sie für acht Tage krank.
       
       In diesen Grippetagen schreiben die Freundinnen hin und her. Sie merken,
       dass ihre Länder – beide als Sozialstaaten mit starken steuerfinanzierten
       Gesundheitssystemen bekannt – sich voneinander entfernt haben. Zwar bleiben
       das Prinzip und viele Ausformungen ähnlich, etwa die Möglichkeit, trotz
       Krankheit in vermindertem Umfang weiterzuarbeiten. Vor allem in Schweden
       ist das weitverbreitet.
       
       Aber dort hat man längst an vielen Stellschrauben gedreht, der Krankenstand
       sollte runter. [1][„Schweden ist strenger geworden]“, klagt Inger. „Der
       Druck auf Langzeitkranke ist groß. Die Krankschreibung vom Arzt reicht der
       Sozialversicherung nicht. Die gucken schon selbst ganz genau, ob du
       wirklich ein Recht auf Krankengeld hast, und die Bedingungen werden immer
       strenger.“
       
       „Ich weiß, wir haben es gut hier“, schreibt Kari aus Oslo. Der Krankenstand
       in Norwegen sei zwar notorisch hoch – höher als überall sonst in Europa.
       „Finde es aber gut, wenn Menschen keine Angst vor Kündigung und Geldmangel
       haben müssen.“
       
       Inger schreibt zurück: „Ich will mal versuchen, nicht neidisch zu sein.“ –
       „Ach“, antwortet Kari, „vielleicht ein Trost für dich: In Norwegen soll’s
       für Hausärzte künftig höhere Sätze geben, wenn sie dich nicht einfach
       krankschreiben, sondern eine andere Lösung finden. Klingt schon nach ein
       bisschen mehr Druck? Die Regierung wünscht sich jedenfalls die
       Teilzeitkrankschreibung als Standard.“
       
       „Ich hätte diese Woche nicht mal zwei Prozent arbeiten können“, schreibt
       Inger, „aber dass wir irgendwann nicht mal eine Grippe in Ruhe auskurieren
       können, darum muss sich wohl keine von uns Sorgen machen.“
       
       ## Spanien
       
       Pepa García fühlt sich heute gar nicht wohl. Diese Hitze! Und jetzt hat sie
       vermutlich auch noch etwas Verdorbenes gegessen. Mit Durchfall und
       Erbrechen ist an Arbeiten nicht zu denken. Die Verwaltungsbeamtin ruft das
       Gesundheitszentrum der Sozialversicherung in ihrem Stadtteil an. Dort
       bekommt sie von ihrem Hausarzt per E-Mail ein Attest. Bis zu drei Tage darf
       sie damit zu Hause bleiben. Das Gehalt läuft weiter. Erst am vierten Tag
       würde Pepa krankgeschrieben. Sie bekäme auch dann ihr volles Gehalt weiter.
       Bis zum 15. Krankheitstag zahlt dies ihr Arbeitgeber, danach die
       [2][Sozialversicherung].
       
       Ihr Mann José González González hat weniger Glück. Zwar bekommt der
       Arbeiter auch während der ersten drei Krankheitstage den vollen Lohn, doch
       nicht, weil es das Gesetz so will, sondern, weil es so im Tarifvertrag
       seiner Branche steht. Wo dies nicht der Fall ist, gibt es nichts. Vom
       vierten bis zum zwanzigsten Tag erhält José 60 Prozent seines Lohns, danach
       75 Prozent des Grundlohns. Mögliche Zuschläge gehen in die Berechnung nicht
       ein.
       
       Aber selbst das ist den Unternehmern zu viel. In den letzten Monaten macht
       der Unternehmerverband CEOE verstärkt Druck. Die Sozialversicherung solle
       die Lohnfortzahlung vom ersten Tag an übernehmen. Denn die Unternehmen
       kostet die jetzige Regelung 33 Milliarden Euro jährlich.
       
       Pepa betrifft diese politische Debatte als Beamtin nicht. Doch auch sie
       hatte einige Jahre lang im Krankheitsfall Gehaltseinbußen. Es war in den
       Zeiten der Sparpolitik infolge der Eurokrise. Der damalige konservative
       Ministerpräsident Mariano Rajoy strich Sozialleistungen zusammen, wo es nur
       ging.
       
       Unter seinem Nachfolger, dem [3][Sozialisten Pedro Sánchez], wurden diese
       Kürzungen nach und nach zurückgenommen. Und in einem ganz besonderen Fall
       wurde das Recht auf Krankentage gar verbessert. Frauen, die unter starken
       Regelschmerzen leiden, können seit 2022 bis zu drei Tage zu Hause bleiben.
       Es gibt, egal was im Tarifvertrag steht, Lohnfortzahlung. In diesem Fall
       übernimmt die Sozialversicherung. Auch Pepa hat von dieser Regelung schon
       Gebrauch gemacht.
       
       Dieses Mal bleibt Pepa nur zwei Tage zu Hause, dann ist sie auf der Arbeit
       zurück. Demnächst wird sie besser aufpassen, was sie isst.
       
       ## Italien
       
       „So kannst du doch nicht zur Arbeit gehen!“ Valeria schaut über den Tisch
       zu Francesco hinüber, der morgens um kurz nach sechs wie immer an seinem
       Cappuccino nippt. „Du bist leichenblass! Und dann dieser trockene Husten!“
       
       Francesco nickt müde. Zur Arbeit geht er heute nicht – zu tun hat er aber
       trotzdem. Denn rigide sind die italienischen Vorschriften zur Krankmeldung.
       Als Erstes schickt er sofort eine Mail an die Personalabteilung seiner
       Firma. Zur Sicherheit ruft er eine Stunde später noch mal an. Die Meldung
       an den Arbeitgeber noch vor Arbeitsbeginn ist in fast allen Branchen
       zwingend vorgeschrieben.
       
       Ins Bett aber kann er immer noch nicht zurück. Das Gesetz verpflichtet ihn,
       [4][gleich am ersten Tag die „Ärztliche Bescheinigung über Krankheit“
       einzuholen]. Und das geht nur persönlich, nicht am Telefon. Also um 8.30
       Uhr Anruf in der Praxis seines medico di base – des ihm vom staatlichen
       Gesundheitsdienst zugewiesenen Hausarztes –, um zu checken, ob er noch am
       Vormittag vorbeikommen kann.
       
       Beim Doc geht es dann ganz schnell. „Ich schreibe Sie fünf Tage krank“,
       verfügt der Arzt und trägt gleich die digitale AU ins System der
       staatlichen Sozialversicherungskasse INPS ein. Francesco erhält die Nummer,
       mit der sein Arbeitgeber die Krankschreibung abrufen kann.
       
       Um die Lohnfortzahlung muss sich der Angestellte keine Sorgen machen. Zwar
       gibt es laut Gesetz drei Karenztage, und vom vierten Tag an zahlt die INPS
       50 Prozent, vom zwanzigsten Tag an dann 66,7 Prozent des Lohns. Doch
       Francesco wird keine Einbußen haben, denn der für ihn gültige Tarifvertrag
       der Metallindustrie sieht vor, dass sowohl die Karenztage als auch die
       Lohnlücke vom vierten Krankheitstag an durch den Arbeitgeber abgedeckt
       werden. So ist das in vielen Branchen.
       
       Dann heißt es ab nach Hause. Denn vom ersten Tag an kann die INPS
       ärztliches Personal zu Kontrollbesuchen vorbeischicken, in den Zeitfenstern
       10 bis 12 Uhr und von 17 bis 19 Uhr. Wer da nicht angetroffen wird, braucht
       eine gute Entschuldigung, zum Beispiel einen Termin bei der Ärztin oder dem
       Physiotherapeuten. Ohne Entschuldigung fällt die Lohnausfallzahlung der
       INPS für die ersten zehn Tage komplett weg.
       
       Streitthema sind die Krankschreibungen in Italien seit Jahrzehnten nicht
       mehr. In den 1970er und 1980er Jahren beschwerte sich das Arbeitgeberlager
       immer wieder gerne über zu hohe Krankenstände, doch das ist lange vorbei.
       Kein Wunder bei jährlichen Krankheitszeiten der Arbeitnehmer*innen von
       durchschnittlich 8,7 Tagen.
       
       10 Jul 2026
       
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