# taz.de -- Neuorientierung in Berliner CDU vor Wahl: Fliehender Wechsel
       
       > Mitten im Wahlkampf wechselt die Berliner CDU ihren Spitzenkandidaten.
       > Kai Wegner zieht zurück. Nachfolger Evers setzt auf einen Rechtsruck.
       
 (IMG) Bild: Kai Wegner verlässt sein Büro im Roten Rathaus in Berlin
       
       Hat es das schon einmal gegeben zwischen Kiel und Konstanz? Mitten im
       Wahlkampf auf ein neues Pferd setzen?
       
       Die Bundes-SPD hat es sich bei der Bundestagswahl 2025 nicht getraut, hielt
       an Olaf Scholz als Spitzenkandidat fest, obwohl Verteidigungsminister Boris
       Pistorius weitaus beliebter war. Auch Armin Laschet blieb nach seinem
       Lacher während der Rede des Bundespräsidenten im rheinischen
       Hochwassergebiet 2021 trotz erheblichen Einbruchs der Zustimmungswerte
       Kanzlerkandidat.
       
       Die Berliner CDU traut es sich nun. In einem beispiellosen Move holte sie
       Kai Wegner vom Sattel und schickte an seiner Stelle den [1][weitgehend
       unbekannten Finanzsenator Stefan Evers] ins Rennen. Bei einer eilig
       einberufenen Pressekonferenz vergangene Woche hatte Wegner eingeräumt, mit
       seinen Themen nicht mehr durchzudringen. Seine [2][Kommunikation rund um
       den Stromausfall] im Januar nannte er „Mist“.
       
       Für seine Lügen entschuldigte sich Wegner nicht. Er nannte sie nicht einmal
       beim Namen. Dabei haben es die Berlinerinnen und Berliner inzwischen
       schwarz auf weiß. Das erste Telefonat hatte Wegner am ersten Tag des
       Blackouts am 3. Januar um 12.45 Uhr geführt. Er selbst hatte behauptet,
       seit 8.08 Uhr ununterbrochen telefoniert zu haben und dass er bei einem
       Tennismatch zur Mittagszeit den Kopf frei kriegen musste. Ist es das, was
       von Kai Wegner bleiben wird? Berlins Regierender Bürgermeister, ein
       Lügenbaron?
       
       Was von seinem SPD-Amtsvorgänger Klaus Wowereit blieb, kann jeder zitieren.
       Arm sei Berlin, aber sexy. Stimmte eigentlich noch nie, war aber griffig.
       Wowereits Nachfolger Michael Müller (ebenfalls SPD) haftete dagegen das
       Image einer sprechenden Büroklammer an. Und Franziska Giffey sprach die
       Berlinerinnen und Berliner an wie eine Kita-Erzieherin ihre ungezogene
       Kinderschar. Es ging also immer weiter in eine Richtung – bergab. Giffey
       krönte diesen tiefen Fall der SPD, indem sie vor drei Jahren als
       Juniorpartnerin in einen Senat mit Kai Wegners CDU einstieg.
       
       ## Keine schillernde Figur
       
       Auch Wegner war keine schillernde Figur. Dennoch holte er bei der
       Wiederholungswahl 2023 satte 28 Prozent für die CDU. Vor allem in den
       Außenbezirken Berlins konnte er mit einem robusten Autowahlkampf punkten.
       In seinen drei Regierungsjahren schaffte er dann etwas, woran alle
       Vorgängersenate gescheitert waren. Dank einer umfassenden
       Verwaltungsreform, mit der nun klar ist, wer für welche Aufgaben zuständig
       ist, gibt es in Berlin wieder zeitnahe Termine bei den Bürgerämtern.
       
       Berlin, die von vielen als dysfunktional belächelte Hauptstadt,
       funktioniert wieder. Damit hätte die Berliner CDU ins Rennen gehen können.
       Mit einem Regierenden Bürgermeister, der über lange Zeit die Zügel in der
       Hand hatte. Doch dann sind sie ihm entglitten. Es war nicht nur sein
       Krisenmanagement beim Stromausfall, das Wegners CDU bei einer jüngsten
       Umfrage auf 17 Prozent auf Platz vier abstürzen ließ. Es war das, was im
       Berliner Politsprech gerne als „Wurstigkeit“ bezeichnet wird.
       
       In der [3][Fördergeldaffäre] um die rechtswidrige Vergabe von Mitteln an
       Antisemitismusprojekte hatte Wegner versucht, sich rauszuhalten.
       Stattdessen wird nun [4][gegen die zurückgetretene Kultursenatorin Sarah
       Wedl-Wilson ermittelt] – wegen des Verdachts auf Untreue in einem besonders
       schweren Fall. Wedl-Wilson hatte die Förderanträge unterzeichnet, die ihr
       zwei CDU-Abgeordnete, darunter der Fraktionsvorsitzende, untergeschoben
       hatten.
       
       Als Berlins Antreiberin der Verwaltungsreform [5][aus Brandenburg als
       Wirtschaftsministerin abgeworben wurde], regelte Wegner die Nachfolge
       freihändig – und entschied sich für eine [6][Niete in Nadelstreifen]. Auch
       die ist schon wieder weg. Und bekommt natürlich, wie immer, das
       entsprechende Ruhegeld.
       
       Ruhegeld soll nun auch Kai Wegner bekommen. Denn zurückgetreten ist er nur
       als Spitzenkandidat für die Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20. September.
       Regierender Bürgermeister wird er bis zur Wahl eines Nachfolgers bleiben.
       Aus verfassungsrechtlichen Gründen, wie der neue Spitzenmann Evers nun
       sagt. Kostet Berlin läppische 236.000 Euro.
       
       Hätte Boris Pistorius die krachende Niederlage von Olaf Scholz verhindern
       können? Oder Markus Söder jene von Armin Laschet? Diese Frage wird sich nun
       auch der 46-jährige Stefan Evers stellen. Und auch die, warum Kamala
       Harris, die für Joe Biden bei den US-Präsidentschaftswahlen eingesprungen
       ist, nur ein kurzes Strohfeuer entfachen konnte.
       
       ## Der Kampf gegen Linke
       
       Schon im ersten Interview, das Evers nach seiner Nominierung gegeben hat,
       zeichnet sich ab, worauf der als liberal geltende CDU-Mann, der offen
       schwul lebt, setzen wird: auf einen ordentlichen Ruck seiner Partei nach
       rechts.
       
       Von der FAZ auf eine mögliche Koalition der CDU in Sachsen-Anhalt mit der
       Linken angesprochen, sagte Evers: „Uns eint der Wunsch, Extremisten aus der
       Regierung fernzuhalten.“ Dass damit nicht unbedingt zuerst die AfD gemeint
       ist, darf man zumindest mutmaßen. Überhaupt ist der Kampf gegen die Linke
       zentral im Wahlkampf der CDU. Auf die Frage nach seinem Angebot für die
       konservativen Wähler sprach Evers ausschließlich über die Linke, diese habe
       „ein Antisemitismusproblem, sie will unsere Polizei schwächen“.
       
       Eigene Inhalte der Konservativen muss man dagegen suchen. Evers hat bislang
       vor allem mit zwei Vorschlägen auf sich aufmerksam gemacht:
       [7][Bürgergeldempfänger sollten dazu verpflichtet werden, die Stadt
       aufzuräumen], und nur noch ein Teil der Schulkinder soll das Mittagessen
       kostenlos kriegen. Der bisherige Finanzsenator, in dessen Amtszeit Berlin
       all seine Rücklagen aufgebraucht hat, will also sparen. Dazu ein bisschen
       Sicherheit und Sauberkeit – dabei ist in drei Jahren Wegner weder das eine
       noch das andere erreicht worden.
       
       ## SPD hält Zusammenarbeit für möglich
       
       Das ist freilich auch die Bilanz der SPD, deren Spitzenkandidat Steffen
       Krach umgehend eine Fortsetzung ins Spiel brachte – für die es mutmaßlich
       auch eine Beteiligung der Grünen bräuchte. Eine Koalition mit Wegner hatte
       Krach kurz vor dessen Rücktritt ausgeschlossen, eine Zusammenarbeit mit
       Evers sei jedoch „eine Möglichkeit für die Zukunft“.
       
       Doch einfach wird das mit Evers und dessen Hang zu Provokationen wohl
       nicht. Mitte Juni postete er auf X, er sei „unterwegs auf der Sonnenallee,
       die Fenster weit offen, hebräischer Pop aufgedreht – da kommt
       Sommerstimmung auf“. Ein Bild zeigt die Playlist, es läuft Omer Adam, ein
       israelischer Popstar, der aus einer Militärfamilie stammt und sich immer
       wieder an die Seite der IDF stellt. Ein Zugehen auf die rund um die
       Sonnenallee in Neukölln lebende größte palästinensische Diaspora Europas
       sieht anders aus.
       
       Auch Evers Engagement gegen die Vergesellschaftung spricht nicht dafür,
       dass er Bürgermeister für alle Berliner:innen sein möchte. [8][Nach
       taz-Recherchen war er es], der für die Finanzministerkonferenz Ende Juni
       zusammen mit Hamburgs Finanzsenator eine Vorlage schrieb, wie der
       Vergesellschaftungsartikel 15 des Grundgesetzes durch ein Bundesgesetz
       effektiv eingeschränkt werden kann. Nachdem die Bundesregierung sich darauf
       geeinigt hatte, mithilfe eines solches Gesetzes die Umsetzung des Berliner
       Volksentscheids zu einer Vergesellschaftung der Wohnungsbestände großer
       Wohnungsunternehmen zu sabotieren, feierte Evers in einem Facebook-Beitrag,
       es sei gut, „dass die Brandmauer gegen Enteignung jetzt kommt“.
       
       Inhaltlich unterscheidet sich das von Wegner nicht, lediglich der Duktus
       ist provokanter. Für einen Aufbruch der CDU ist das erschreckend wenig.
       
       Gleichwohl spricht Evers davon, den Blick nach vorne zu richten. „Berlin
       muss ein Zukunftsversprechen sein“, sagte er dem RBB-Fernsehen. „Hier muss
       jeder seinen Traum verwirklichen können. Egal, ob er an der Sonnenallee
       oder ob er am Kurfürstendamm aufgewachsen ist.“
       
       18 Jul 2026
       
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