# taz.de -- CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers: Der Mann mit den zwei Gesichtern
> Seit Freitag ist klar: Die CDU geht mit Stefan Evers in den Wahlkampf ums
> Berliner Abgeordnetenhaus. Er gilt als Liberaler – doch er kann auch
> anders.
(IMG) Bild: Frisch gekürt: Stefan Evers nach dem Treffen der CDU-Kreisvorsitzenden am Freitag
Zumindest darin ist sich Stefan Evers mit Kai Wegner einig. Berlins
Regierender Bürgermeister, der am Freitag als Spitzenkandidat der CDU
hingeschmissen hat, warnte noch während seiner Rücktrittsrede vor einem
Linksbündnis in Berlin. „Wird die Linkspartei das Rote Rathaus übernehmen
oder bleibt die CDU stärkste Kraft?“, fragte er und setzte noch einen
drauf. „Werden Antisemiten und Polizistenhasser den Ton angeben oder die
politische Mitte?“
Ganz ähnlich wie Wegner äußerte sich noch am gleichen Abend der designierte
neue Spitzenkandidat Stefans Evers. Der amtierende Finanzsenator, [1][der
nach dem Rücktritt von Sarah Wedl-Wilson auch das Kulturressort
kommissarisch führt], warnte auf X: „Diese Stadt steht am Wendepunkt.“ Die
Wahl im September werde zu einer „Schicksalswahl“. Es gehe um die „Zukunft
Berlins“.
Scharfe Töne waren die Berlinerinnen und Berliner von Stefan Evers lange
Jahre nicht gewohnt. Erst als die damalige Landesvorsitzende Monika
Grütters ihn 2016 zum Generalsekretär der Berliner CDU machte, wurde sein
Ton rauer. „Ausgeräuchert“ gehörten für ihn etwa jene Angreifer, die
Polizisten in der Rigaer Straße durch einen Brand angelockt und dann aus
einem Hauseingang mit Steinen beworfen hatten.
[2][Im anschließenden Gespräch mit der taz] beteuerte Evers, an diesem
Begriff nichts relativieren zu wollen. „Wut ist Wut, und die packe ich
nicht in Samthandschuhe“, betonte er. Kritiker seines Posts auf Facebook
bezeichnete er als „sensible Gemüter“. An die Adresse der Angreifer sagte
Evers: „Falls sich die Täter durch meine Aussage verletzt fühlen, sollen
sie sich an Behörden wenden. Die werden sich freuen.“
## Wie sehr wird Evers polarisieren?
Wird Stefan Evers nach seiner Nominierung durch den Landesvorstand, die als
Formsache gilt, den Berliner Wahlkampf mehr noch als bisher polarisieren?
Oder findet der 46-Jährige zurück zu den ausgewogenen Tönen, die den offen
schwul lebenden Politiker aus Herdecke in Nordrhein-Westfalen lange Zeit
kennzeichneten?
Nicht nur für den Wahlkampf wird diese Frage entscheidend sein, sondern
auch für mögliche Regierungskoalitionen nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus
am 20. September. Neben einem Linksbündnis, vor dem die CDU so wortreich
warnt, wäre laut den jüngsten Umfragen auch eine Keniakoalition von CDU,
Grünen und der SPD denkbar.
In einer ersten Reaktion auf die Nominierung von Evers wollten die Grünen
den kommenden starken Mann der CDU nicht als Gesicht des Neuanfangs sehen.
Vielmehr verantworte auch Evers drei Jahre CDU-Politik, betonte die grüne
Co-Landeschefin Nina Stahr. „Seine Haushaltspolitik hat Berlin in
Unsicherheit gestürzt und Chaos bei den sozialen Trägern, der Wissenschaft
und der Kultur hinterlassen“, sagt sie. „Unter Führung der CDU und als
Bürgermeister hat Stefan Evers den Rückbau von Radwegen und die Streichung
sämtlicher klimapolitischer Ambitionen mitzuverantworten.“
Allerdings wollte die Grünen-Chefin die Tür zu Evers nicht zuschlagen.
„Gerade in Zeiten, in denen einige Akteure der CDU ein seltsames
Verständnis von Verantwortung, Regeltreue und Wahrheit an den Tag gelegt
haben, kommt auf Stefan Evers als neue Führungsfigur eine große Aufgabe
zu“, so Nina Stahr.
Im rot-schwarzen Senat unter Klaus Wowereit haben Grüne und Evers mitunter
sogar am selben Strang gezogen. Als stadtentwicklungspolitischer Sprecher
seiner Partei war Evers Mitglied am Runden Tisch Liegenschaftspolitik. Das
Gremium war vom Abgeordnetenhaus 2012 installiert worden, um die bis dahin
geltende Praxis zu überprüfen, landeseigene Grundstücke an den
Meistbietenden zu verkaufen.
Wie die Grünen und die Linkspartei setzte sich Evers damals auch dafür ein,
das Berliner Tafelsilber nicht meistbietend zu verscherbeln, sondern an
Investoren oder Genossenschaften zu vergeben, die das beste Konzept haben.
Allerdings stellte sich der damalige parteilose, von der SPD nominierte
Finanzsenator Ulrich Nußbaum einer solchen Neuausrichtung der
Liegenschaftspolitik immer wieder in den Weg.
Im Oktober 2013 wurde es dem Runden Tisch schließlich zu bunt. Weil bei der
Immobilienmesse Expo Real immer noch landeseigene Grundstücke zum
Höchstpreis angeboten wurden, verabschiedete das Gremium einen
Forderungskatalog. Unterzeichnet hatte ihn auch der CDU-Mann Stefan Evers.
## Gestaltungsmöglichkeit versus Geld
Mehr Gestaltungsmöglichkeit, auch um den Preis, weniger Geld einzunehmen:
Spätestens seit Stefan Evers nach der Wiederholungswahl 2023 Finanzsenator
von Schwarz-Rot wurde, hat er eine andere Rolle inne.
Zu Beginn der Koalition gab Evers allerdings noch nicht den Sparkommissar.
Um Berlin fit für den Klimawandel und schließlich auch klimaneutral zu
machen, handelte er mit der SPD ein 5 Milliarden Euro schweres
Klima-Sondervermögen aus. Es sollte bei Bedarf um weitere 5 Milliarden
erweitert werden können.
Doch schon im Februar 2024 war klar, dass es damit nichts wird. Ein vom
Senat beim Abgeordnetenhaus in Auftrag gegebenes Gutachten hatte das
Sondervermögen beerdigt. Spätestens ab da war Stefan Evers derjenige, der
im engen Spielraum des Haushalts agieren musste – und selbst das
„Beerdigen“ übernahm: von Förderanträgen sozialer Projekte bis zum Stopp
des Radwegeausbaus und ambitionierter Klimaprojekte.
## Sparen und investieren
Mit Sparansagen alleine wird Evers jedoch keinen Wahlkampf machen. Bereits
bei der Bilanz von Schwarz-Rot auf der Senatspressekonferenz am vergangenen
Dienstag betonte er, damals noch kein CDU-Spitzenkandidat, dass Berlin bei
allen Sparanstrengungen seine Investitionen sogar noch erhöhen konnte.
Die Investitionen, die Evers anspricht, sollen auch weiterhin über Kredite
und andere Finanzierungswege jenseits des regulären Haushalts realisiert
werden. „Wir wissen, wie entscheidend die Investitionen an der richtigen
Stelle für die Zukunft unseres Landes sind, daher haben wir uns der Aufgabe
gestellt, nach anderen Finanzierungsinstrumenten zu suchen“, hatte Evers
schon vor mehr als einem Jahr als Devise ausgegeben.
Sparen und Investieren, das könnte der Zweiklang sein, mit dem Evers in den
Wahlkampf geht. Und der Wille, die Erfolge seiner CDU, vor allem bei der
Verwaltungsreform, ins Schaufenster zu stellen.
Dass Evers Wahlkampf kann, hat er bereits bei der Wiederholungswahl 2023
bewiesen. Aus dem Nichts hat er als Wahlkampfmanager die CDU mit 28 Prozent
zur stärksten Partei gemacht. Nun aber muss er nicht nur organisieren,
sondern auch an die Wahlstände.
Ob seine Art, die manchmal auch belehrend sein kann, da ankommt? Ein
bisschen erinnert Evers in solchen Momenten an den Brandenburger
Innenminister Jan Redmann, ebenfalls CDU. Beide sind sie smart, beide
gleich alt, beide sind sie schwul und liberal, beide können aber auch Law
and Order und harte Töne spucken.
11 Jul 2026
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## AUTOREN
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