# taz.de -- Digitale Sicherheit: Der Microsoft-Teufelskreis
       
       > Wenn Schulen digitaler werden wollen, setzen sie meist auf
       > Microsoft-Produkte. Das ist in vielerlei Hinsicht ein Problem.
       
 (IMG) Bild: Nur ein Tech-Riese kann es sich leisten, Bildungspakete an Schulen kostenlos abzugeben. Doch dieses Angebot hat seinen Preis
       
       Als zu Beginn der Pandemie eine Berliner Schule Microsoft Teams für
       Videokonferenzen einsetzen wollte und die Aufsichtsbehörde auf die
       Beschwerde eines Elternteils hin die Schule verwarnte, gab es einen
       Shitstorm. Dessen Tenor: Immer diese Datenschutz-Verhinderer, Lernen sei
       doch wichtiger als die Frage, ob bei Microsofts Umgang mit den Daten der
       Schüler:innen alles in Ordnung sei.
       
       Tatsächlich waren damals viele Schulen unter Druck: Sie mussten von heute
       auf morgen funktionierende Wege fürs Fernlernen finden und anbieten. Und
       wozu greifen also die Entscheider:innen in den Schulen? Zu dem
       Anbieter, den sie selbst kennen und nutzen – und der den Schulleitungen
       angesichts latent klammer Kassen ein derart attraktives Angebot macht, dass
       man es kaum ablehnen kann: Microsoft.
       
       Zwar wird digitale Souveränität – vor allem als Schlagwort – gerade
       politisch hoch gehandelt. Unabhängiger von den Tech-Unternehmen in den USA
       will man werden, vom erratischen US-Präsidenten und den ausufernden
       Befugnissen der dortigen Geheimdienste, die auf in Europa gespeicherte
       Daten zugreifen dürfen. Hinzu kommt, dass Trump US-Konzernen untersagen
       kann, ihre Dienste in bestimmten Regionen oder Ländern anzubieten – der
       gefürchtete Kill Switch.
       
       [1][Aber wenn es dann darauf ankommt, fällt oft genug doch die Entscheidung
       für ein Big-Tech-Produkt]. Diese Wechselmüdigkeit hat einen Grund. Und der
       ist anscheinend mächtiger als die Angst vor Donald Trump und seinem Kill
       Switch und auch größer als die Sorge um mangelnden Schutz der Privatsphäre
       von Kindern: Gewohnheit.
       
       ## Die Alternativen zu Microsoft sind kaum bekannt
       
       Wer etwa in der Schule einen Wechsel anregen will, kann zum Beispiel sagen:
       [2][Lasst uns doch OpenDesk nutzen.] Oder eine der vielen
       Linux-Distributionen und da packen wir dann selbst so was wie LibreOffice,
       Thunderbird, OpenTalk und Firefox drauf. Wenn man dann Glück hat, weiß eine
       einzige weitere Person in einer vollbesetzten Schulaula, was damit gemeint
       ist. Das ist kein Wunder: Microsoft setzt seit Jahren alles daran, zum
       unverzichtbaren Bestandteil des Schulalltags zu werden.
       
       Das beginnt damit, dass der Konzern Schulen sein Paket Office 365 Education
       kostenlos zur Verfügung stellt. Office 365 Education enthält unter anderem
       Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, die Anwendung für Videokonferenzen
       und einen KI-Chatbot – und zwar alles als Webversion. Das heißt: Die
       Anwendungen laufen im Browser, die Daten liegen in der Cloud, nicht lokal
       auf dem Rechner. Sollte Trump von seinem Kill Switch Gebrauch machen und
       Deutschland betroffen sein – dann wären die Daten weg.
       
       Abgesehen davon sind in der Cloud gespeicherte unverschlüsselte Daten einer
       Überwachung leicht zugänglich, während das bei lokal gespeicherten deutlich
       schwieriger ist. Zu Office 365 Education gibt es auch gleich eine Fülle an
       kostenlosen Fortbildungen, vor allem online. Über 300 alleine für Lehrende
       der Grund- und Oberschule listet die Datenbank von Microsoft auf.
       
       Natürlich steckt hinter der ganzen Kostenlosigkeit eine massive
       unternehmensinterne Quersubventionierung. Welche Firma, die
       Open-Source-Software samt Support anbietet, wäre wirtschaftlich in der
       Lage, das nachzumachen? Eben. Was eines der Probleme zeigt, die die
       marktbeherrschende Stellung eines Unternehmens verursacht.
       
       ## Nutzung von Microsoft ähneln einem Lock-in-Effekt
       
       Argumentativ haben es der Konzern und seine Fans nicht schwer. Windows ist
       in Deutschland immer noch das am weitesten verbreitete Betriebssystem,
       vorinstalliert auf den meisten Rechnern. In der Arbeitswelt sieht es
       ähnlich aus, außer in der Kreativbranche, wo wohl macOS am verbreitetsten
       ist, und in der IT dürften Linux-Desktops einen ganz guten Anteil haben.
       
       Aber das grundsätzliche Argument: Microsoft in der Schule bereitet Kinder
       und Jugendliche auf das vor, was sie eh später auf ihrem Arbeitsrechner
       haben werden – dieses Argument ist gleichermaßen richtig wie gefährlich.
       
       Denn hier dreht sich der Teufelskreis perfekt weiter: Wer nur Microsoft aus
       der Schule kennt, kommt natürlich auch später, ob zu Hause, in der Firma
       oder Behörde, nicht auf die Idee, etwas anderes in Erwägung zu ziehen. Wer
       Microsoft aus dem Berufsleben kennt, findet es gut, wenn die Kids es in der
       Schule nutzen – schließlich werden sie es später brauchen. Damit wird der
       Lock-in-Effekt perfektioniert: Alle stecken drin, und je mehr und je
       tiefer, desto schwieriger das Aussteigen.
       
       Und der Grundstein für die nächste Produktabhängigkeit wird gerade gelegt.
       Microsofts KI-Chatbot Copilot ist ebenfalls in den kostenlosen
       Schullizenzen dabei, es gibt kostenlose Fortbildungen für Lehrer:innen
       zur Nutzung.
       
       ## Andere KI-Anbieter für Schulen besser geeignet
       
       Copilot zu pushen, dürfte besonders im Interesse von Microsoft sein,
       schließlich ist der Markt an KI-Chatbots – noch – recht breit. Darunter
       sind auch welche, die erst mal als geeigneter für eine Nutzung im
       Bildungskontext für Kinder und Jugendliche erscheinen: Solche aus Europa,
       etwa Mistral aus Frankreich oder das Open-Source-Modell Apertus aus der
       Schweiz. Oder [3][Perplexity, das zwar aus den USA kommt], aber immerhin
       die verwendeten Quellen offensiver kommuniziert und stärker auf
       wissenschaftliches Arbeiten und Recherche ausgelegt ist.
       
       Dass es natürlich auch ohne Microsoft geht, zeigen einzelne Schulen, die
       schon jetzt Open-Source-Software nutzen. Dahinter stehen meist einzelne
       engagierte Lehrer:innen oder Schulleiter:innen, die zudem die
       Rückendeckung von den politischen Ebenen darüber brauchen, damit der
       Wechsel klappt.
       
       Dabei müsste es andersherum sein: Von der politischen Ebene – also von den
       Ländern und Kommunen – braucht es Initiativen und Verantwortung. Es braucht
       offene Software und Dienste, die die Schulen einsetzen können,
       Fortbildungen für das pädagogische Personal und die Bereitschaft, neue Wege
       zu gehen.
       
       Ja, das kostet erst mal mehr und ist aufwändiger als die Gratislizenz von
       Microsoft. Dafür bezahlt niemand mit den eigenen Daten und persönlichen
       Abhängigkeiten. Es wäre eine echte Investition in die Zukunft. Denn zu
       verschenken hat auch Microsoft nichts.
       
       28 Jun 2026
       
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