# taz.de -- Software für die Polizei: Polizei will künstlich intelligenter werden
       
       > Nach Ermittlungen gegen ein Vergewaltigernetzwerk, an denen das Hamburger
       > Landeskriminalamt beteiligt war, fordert Innensenator Grote (SPD) mehr
       > KI.
       
 (IMG) Bild: In China gibt es schon KI-gesteuerte Polizeiroboter, in Hamburg soll die Polizei mehr künstliche Intelligenz nutzen dürfen
       
       Mehr Befugnisse und bessere Analyse- und Filtertools auf KI-Basis – das
       wünscht sich die Hamburger Innenbehörde für ihre Polizei. Und ist damit
       unter ihren Kolleg*innen aus anderen Bundesländern natürlich nicht
       allein. Riesige Datenbanken zu durchsuchen, in denen Informationen aus
       Behördendaten mit öffentlich im Internet auffindbaren Informationen
       kombiniert werden – davon träumt jede staatliche Ermittlertruppe.
       
       Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) hat einen Ermittlungserfolg gegen
       ein internationales Vergewaltigernetzwerk zum Anlass genommen, diese
       Forderung erneut zu platzieren. Bei der Operation „Medusa“ gingen
       Ermittler*innen gegen Täter vor, die ihre Opfer [1][unter Betäubung
       vergewaltigen] und die Aufnahmen davon online verbreiten. Oft nutzen die
       Täter zur Sedierung laienhaft Medikamentencocktails, die lebensbedrohlich
       sein können, und führen den Missbrauch über lange Zeiträume fort. Beteiligt
       an den Ermittlungen waren neben Deutschland auch Großbritannien, Kanada,
       die USA, Brasilien, Frankreich, Ungarn, die Niederlande und Spanien. 156
       Opfer und Täter konnten laut Innenbehörde identifiziert werden.
       
       Angestoßen worden waren die Ermittlungen von zwei Journalistinnen. Isabell
       Beer und Isabel Ströh waren bei ihren Recherchen für den NDR auf ein
       internationales Vergewaltigernetzwerk gestoßen, über das sie 2024 [2][in
       einer Dokumentation] für das Youtube-Format Strg F berichteten. Die
       betreffenden Täter organisieren sich unter anderem in Telegramgruppen. Die
       Videos von den Vergewaltigungen werden im Netz millionenfach aufgerufen.
       
       Nach Angaben des NDR hatten die Journalist*innen sich schon 2022 mit
       ihren Recherchen an Ermittlungsbehörden im In- und Ausland gewandt. Doch
       passiert war lange Zeit nichts – bis vor einigen Monaten dann doch Bewegung
       in die Sache kam. Weil das Hamburger Landeskriminalamt rein geografisch an
       der Quelle saß, also in Hamburg, wo auch der NDR ist, übernahm es eine
       federführende Rolle, auch wenn die Taten sich nach bisherigem
       Ermittlungsstand nicht in Hamburg ereigneten.
       
       ## Problem: totale Intransparenz
       
       Doch wie hätten KI-Tools dazu beitragen können, Ermittlungen
       voranzubringen, wenn die Informationen ohnehin gebündelt in Telegramgruppen
       vorliegen? Wahrscheinlich gar nicht. „Das ist ein generelles Phänomen im
       Zusammenhang mit KI“, erklärt [3][Kilian Vieth-Ditlmann], Leiter des
       Politikbereichs bei der NGO Algorithmwatch: „Es wird sehr viel
       hineinprojiziert.“ Ein tatsächlicher Ermittlungsvorteil erschließe sich ihm
       hier nicht.
       
       Algorithmwatch und andere NGOs warnen immer wieder vor den Gefahren, die
       damit verbunden sind, [4][wenn die Polizei weitreichende Befugnisse zur
       Nutzung KI-basierter Analysetechnologien erhält]. Ein Problem sei die
       „totale Intransparenz“, sagt Vieth-Ditlmann. Der Computer spucke
       Verdächtige aus, wobei weder für die Ermittler*innen noch die
       Betroffenen nachvollziehbar sei, was zu dem Verdacht führte.
       
       Dann komme der Automation Bias zum Tragen – also die Tatsache, dass die
       meisten Menschen geneigt sind, dem Output von Computern zu glauben, auch
       wenn die Annahme nicht plausibel hergeleitet wird. Zudem neigen auch
       Algorithmen dazu, nach Kriterien wie Klasse, Herkunft oder Geschlecht zu
       diskriminieren. In den USA und anderen Ländern könne man bereits sehen,
       dass viele Personen wegen Fehleinschätzungen von Algorithmen im Gefängnis
       säßen, sagt Veith-Ditlmann.
       
       Ein weiterer kritischer Punkt: KI-basierte Auswertungsinstrumente machen
       vor allem Sinn, wenn sie riesige Datenbanken durchsuchen, die mit
       menschlicher Kraft allein schwer zu sichten sind. „Da werden sensible Daten
       zusammengeworfen“, sagt Vieth-Ditlmann. In so einem Datenpool kämen Angaben
       von Zeug*innen, Opfern oder Betroffenen zusammen, also auch völlig
       unbeteiligten Personen, die vielleicht mal einen Fahrraddiebstahl angezeigt
       haben. Dagegen sei zumindest in den bisherigen Gesetzentwürfen kein
       Schutzmechanismus vorgesehen.
       
       Die Wünsche des Hamburger Innensenators werden sich voraussichtlich
       schneller erfüllen, als NGOs wie Algorithmwatch und anderen KI-Expert*innen
       lieb ist. Vergangene Woche hat der Bundestag in erster Lesung [5][über drei
       Gesetzentwürfe beraten], die Befugnisse der Ermittlungsbehörden ausweiten
       und den Einsatz von KI-Software ermöglichen sollen. Vorgesehen ist darin
       unter anderem der automatisierte Abgleich biometrischer Daten aus
       Strafverfahren mit öffentlich zugänglichen Daten aus dem Internet mittels
       KI-gestützter Software. Die Abgeordneten verwiesen die Entwürfe weiter an
       verschiedene Ausschüsse. Die diskutieren sie, verändern sie unter Umständen
       und legen sie dem Bundestag noch mal vor, bevor er endgültig entscheidet.
       
       12 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schwere-Vergewaltigung-versuchter-Mord/!6170926
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=GLrzyOLJUtk
 (DIR) [3] https://algorithmwatch.org/de/team/kilian-vieth-ditlmann/
 (DIR) [4] https://algorithmwatch.org/de/stellungnahme-ermittlungsbefugnisse/
 (DIR) [5] https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw28-de-strafprozessordnung-1192534
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Schipkowski
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
 (DIR) Polizei Hamburg
 (DIR) Software
 (DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
 (DIR) Pädophilie
 (DIR) Digitale Souveränität
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) KI-Pilotprojekt der Hamburger U-Bahn: Der Algorithmus hat kein Gespür für soziale Kontexte
       
       Die Hamburger Hochbahn will mit KI Gefahren erkennen. Eine gefährliche
       Entwicklung im öffentlichen Raum, denn soziale Ausgrenzung wird technische
       Norm.
       
 (DIR) Verbot von Kindersexpuppen: Vermutungen über eine Gefahr
       
       Das Bundesverfassungsgericht bestätigt das Gesetz gegen Sexpuppen mit
       kindlichem Erscheinungsbild. Dabei ist die Sachlage alles andere als
       eindeutig.
       
 (DIR) Digitale Sicherheit: Der Microsoft-Teufelskreis
       
       Wenn Schulen digitaler werden wollen, setzen sie meist auf
       Microsoft-Produkte. Das ist in vielerlei Hinsicht ein Problem.