# taz.de -- Ost-West-Gefälle: Die vererbte Mauer
       
       > Ostdeutsche verfügen nach wie vor über weniger Vermögen als Westdeutsche.
       > Könnte eine Reform der Erbschaftsteuer die finanzielle Lücke verringern?
       
       Da sind Kristina und Werner aus einer kleinen Stadt im Rheinland. Sie leben
       in einem geräumigen Reihenhaus mit Garten. Früher fuhren sie zwei Autos,
       heute ein E-Auto. Sie spielen Golf und besitzen ein Pferd. All das können
       sich Kristina und Werner leisten, auch weil sie beide geerbt haben.
       
       Und da sind Sabine und Jochen. Sie leben in Leipzig in einer Mietwohnung,
       sie fahren Fahrrad und haben keine Hobbys, die Geld kosten. Ihre
       Mietwohnung ist teuer, sie würden gern eine Eigentumswohnung kaufen. Denn
       kaufen, das hören Sabine und Jochen immer wieder, [1][kann angesichts
       rasant steigender Mieten billiger sein als mieten]. Aber die beiden haben
       kein Geld für eine Immobilie, sie haben nichts gespart, dazu verdienen sie
       zu wenig. Geerbt haben sie auch nicht.
       
       Alle vier sind Ende 50, und alle vier wollen nicht näher beschrieben
       werden, weil sie über ihre finanziellen Verhältnisse lieber schweigen:
       Kristina und Werner, weil sie viel Geld haben, Sabine und Jochen, weil sie
       wenig Geld haben. [2][Über Geld zu sprechen], insbesondere über die Höhe
       von Erbschaften, ist in Deutschland verpönt.
       
       Die beiden Paare sind Sinnbild für einen Ost-West-Unterschied, der selbst
       nach 36 Jahren deutscher Einheit so erheblich ist, dass er sich teils im
       Wahlverhalten niederschlägt – zugunsten der AfD. Weil im Westen reichlich
       vererbt wird, im Osten wenig bis gar nichts, haben [3][viele Ostdeutsche
       immer noch das Gefühl, dauerhaft benachteiligt zu sein].
       
       ## Nur 2 Prozent der Erbschaftsteuer aus dem Osten
       
       Und das, obwohl die Innenstädte ostdeutscher Metropolen denen im Westen
       gleichen, die Wohnungen Heizungen und Bäder haben, wo früher Öfen und
       Außentoiletten der Standard waren. Die Straßen in den meisten Dörfern
       zwischen Zingst und Zittau sind schon lange asphaltiert, nachts werden sie
       von Laternen beleuchtet. Auch die [4][Produktivität im Osten] liegt nur
       noch marginal hinter der im Westen, in den meisten ostdeutschen Regionen
       „besteht kein Produktivitätsrückstau mehr“, wie es Martin Gornig vom
       Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) formuliert.
       
       Trotzdem klafft eine Wohlstandslücke zwischen den alten und neuen
       Bundesländern. Zum einen, weil das Durchschnittseinkommen im [5][Osten gut
       ein Fünftel geringer ist als im Westen]. Vor allem aber, weil sich
       Ostdeutsche in der Regel auf kein Erbe stützen können. Im Osten werden laut
       dem Sozio-oekonomischen Panel durchschnittlich 52.000 Euro vererbt, im
       Westen doppelt so viel. Nur zwei Prozent der gesamtdeutschen
       Erbschaftsteuer werden in Ostdeutschland gezahlt.
       
       Angesichts des rasanten Sozialabbaus macht es einen Unterschied, ob man
       eine Eigentumswohnung besitzt, die man mithilfe eines Erbes kaufen konnte,
       oder mit der Angst leben muss, eines Tages die Miete nicht mehr zahlen zu
       können oder wegen Eigenbedarfs gekündigt zu werden.
       
       An dieser Stelle sind Erbe und Immobilienbesitz eng verknüpft. Mit einem
       normalen Einkommen ist der Kauf einer Immobilie kaum möglich, mit einer
       Rente schon gar nicht. Die Rente ist für die meisten Ostdeutschen ohnehin
       die einzige Altersversorgung. Daran erinnerte im Zuge der Rentendebatte
       noch einmal Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU).
       
       ## Erbschaftsteuer in der DDR betrug bis zu 80 Prozent
       
       Der Grund für all das sind unter anderem die miserablen Startbedingungen
       der Ostdeutschen. Ein Rückstand, den sie bis heute nicht aufholen konnten,
       der [6][Westen wird in Vermögensfragen noch länger einen großen Schritt
       voraus sein]. Hier hatten die Menschen 40 Jahre lang Zeit, Vermögen
       aufzubauen, sich davon Immobilien zu kaufen und mit diesen wiederum
       weiteres Vermögen anzuhäufen. Das sie dann vererben können.
       
       In der DDR war das nicht möglich. Die Menschen verdienten wenig, und sie
       besaßen – bis auf Bauernhöfe auf dem Land und ein paar Einfamilienhäuser an
       den Großstadträndern – keine Immobilien. Zudem waren Immobilienkäufe streng
       reguliert, und abgesehen von wenigen Handwerksbetrieben wie
       Schuhmachereien, Bäckereien oder Schneidereien gab es auch keine privaten
       Firmen.
       
       Wurde in seltenen Fällen – als Relikt aus dem Krieg – tatsächlich mal etwas
       Größeres wie ein Mietshaus vererbt, schlugen die Nachkommen das Erbe in der
       Regel aus. Die Last mit den maroden Häusern war viel zu groß, um damit
       etwas anzufangen. [7][Geringe, staatlich festgelegte Mieten] machten
       Sanierungen komplett unmöglich.
       
       Zudem war die Erbschaftsteuer, die bis zu 80 Prozent betragen konnte, so
       hoch, dass sich erben nicht nur nicht lohnte, sondern vielfach ein Risiko
       bedeutete. Wer in der DDR 20.000 Mark gespart hatte, galt schon als reich.
       Gleichwohl war es vor 1989 weitgehend egal, ob man vermögend war, sozial
       machte das im Arbeiter-und-Bauern-Staat nahezu keinen Unterschied.
       
       ## Vorbild Lastenausgleich
       
       Dafür tragen Westdeutsche keine Verantwortung. Ebenso wenig ist ihnen
       anzulasten, dass sie Vermögen besitzen und vererben. Wären sie dennoch
       verpflichtet, Ostdeutsche an ihren Gewinnen teilhaben zu lassen?
       
       Fragt man [8][Elisabeth Kaiser, die Ostbeauftragte der Bundesregierung,]
       ist die Antwort Ja. Die SPD-Politikerin aus Gera in Thüringen möchte die
       Erbschaftsteuer „gerechter und unkomplizierter“ machen. Das erinnert an den
       sogenannten Lastenausgleich 1952 in der Bundesrepublik. Damals zahlten
       jene, die den Krieg weitgehend unbeschadet überstanden hatten, auf ihre
       Vermögenswerte – vor allem Immobilien und Firmen – eine Abgabe von 50
       Prozent.
       
       Das [9][Geld kam Millionen Vertriebenen und Kriegsgeschädigten zugute], es
       floss in Renten, Entschädigungen für zerstörte Häuser und diente als
       Starthilfe für Existenzgründungen und Wohnungsbau. Der Lastenausgleich war
       eine Investition in den sozialen Frieden – und das, obwohl die einen von
       ihm profitierten und die anderen für ihn zahlen mussten.
       
       Eine Kopie des Lastenausgleichs schwebt der Ostbeauftragten Kaiser nicht
       vor. Sie plädiert dafür, die Einnahmen in Schulen, Kitas, eine bessere
       Bildung zu investieren. Und in Wohneigentum für Ostdeutsche. Auch geht es
       bei der Reform der Erbschaftsteuer nicht darum, das sei an dieser Stelle
       angemerkt, Omas kleines Häuschen so hoch zu besteuern, dass Kinder oder
       Enkel sich verschulden müssen oder das Häuschen verlieren.
       
       ## Unwissenheit befördert Skepsis
       
       [10][Für Erben gelten großzügige Freibeträge]: für Eheparter:innen in
       Höhe von 500.000 Euro, für Kinder und Enkel 400.000 Euro. Kaisers Idee
       zielt vielmehr auf sehr Reiche und Megareiche, beispielsweise Erben von
       Unternehmen, die heute durch verschiedene Ausnahmen von einer Versteuerung
       weitgehend bis komplett verschont bleiben.
       
       Es geht also nicht darum, Normalerbinnen höher zu besteuern. Trotzdem
       fürchten viele einen Aderlass ihres Vermögens, vermutlich weil sie die Höhe
       der Freibeträge nicht kennen. In einer im Frühjahr 2026 eigens für die taz
       gestarteten Umfrage zum Erben fand das Markt- und
       Meinungsforschungsinstitut Civey heraus, dass jede und jeder Zweite in
       Deutschland eine höhere Erbschaftsteuer ablehnt.
       
       Die Civey-Umfragemethoden bewegen sich laut Website „an der Schnittstelle
       zwischen Survey-Statistik und Künstlicher Intelligenz“ und arbeiten wie
       andere Meinungsforschungsinstitute verstärkt mit digitalen Umfragen. Beim
       Erben kristalliert sich ein Trend heraus: Vor allem Anhänger:innen der
       AfD und der FDP sind gegen höhere Erbschaftsteuern, die [11][AfD selbst
       fordert, die Erbschaftsteuer komplett abzuschaffen].
       
       Auch eine zweckgebundene Umverteilung, wie die Ostbeauftragte Kaiser sie
       vorschlägt, findet unter den Civey-Befragten keinen Zuspruch. Auch dann
       nicht, wenn eine höhere Chancengleichheit betont wird für jene Menschen,
       denen mit den Mitteln aus einer höheren Steuer beim Immobilienkauf geholfen
       würde. Selbst im Osten, der davon ja profitieren würde, lehnt mehr als die
       Hälfte der Befragten höhere Erbschaftsteuern ab.
       
       ## Fehler der Vergangenheit wirken nach
       
       Dabei ist gerade im Osten der Unmut nicht gering über den Umstand, dass
       nach dem Mauerfall viele Westdeutsche ganze Häuserkomplexe aufkauften, in
       denen Ostdeutsche seit Jahrzehnten lebten, [12][diese zwar sanierten, aber
       zu höheren Mieten wieder auf den Markt warfen]. Ostdeutsche hingegen
       besaßen keinerlei Vermögen, um ihre Wohnungen selbst zu erwerben.
       
       In Polen, Rumänien, Tschechien, der Slowakei und in der Ukraine wurden die
       Wohnungen nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Diktaturen für sehr
       wenig Geld an ihre Bewohner:innen verkauft. Das wäre auch in
       Ostdeutschland möglich gewesen, wie der Wirtschaftswissenschaftler
       Hans-Werner Sinn schon in den 1990er Jahren feststellte. Stattdessen wurde
       explizit gefördert, dass Westdeutsche im Osten Immobilien kaufen.
       
       Der Hebel zum Vermögensaufbau ist nun einmal (vererbter) Immobilienbesitz.
       Weil der in Ost und West unterschiedlich verteilt ist, vergrößert sich hier
       die Kluft erneut. Auch wenn im Westen vermögende Eltern ihren Kindern „nur“
       eine Ausbildung oder ein Studium finanzieren und die Kinder selbst für
       ihren Lebensunterhalt sorgen müssen, macht es einen Unterschied, ob sie
       sich auf ein späteres Erbe verlassen können oder nicht.
       
       [13][Aus den „blühenden Landschaften“], die einst Kanzler Helmut Kohl (CDU)
       den Ostdeutschen versprochen hatte, sind durch Transfers und
       Konjunkturprogramme zwar einige Wiesen geworden, aber nur selten blüht es.
       In manchen Regionen findet sich nicht einmal ein Streifen Gras. Dort
       herrschen Armut, Arbeitslosigkeit, Abstiegsängste. An erben ist schon gar
       nicht zu denken.
       
       ## Startkapital für Vermögensaufbau?
       
       Es ist unter anderem die „ökonomische Enttäuschung“, wie der Soziologe
       Steffen Mau es formuliert, die die Menschen schließlich AfD wählen lässt.
       Wenngleich das auch für westliche Regionen mit ähnlich defizitärer Struktur
       gilt. „Wirtschaftlich schwache Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit,
       Überalterung und einem geringeren Bildungsgrad sind auch im Westen
       AfD-anfälliger“, sagt Mau.
       
       Es gibt zahlreiche Gründe, warum viele Menschen im Osten in der AfD eine
       Alternative sehen: das Gefühl, weniger wert, Bürger:innen zweiter Klasse
       zu sein; das Agieren der Treuhand nach dem Mauerfall; historische
       Erfahrungen des Überwachungsstaats, einhergehend mit einer Aversion gegen
       Bevormundungen; und [14][in letzter Zeit verstärkt eine zu Teilen
       reaktionäre Ostalgie]. Manches davon ist gefühlt-diffus, paradox und sogar
       gefährlich – die sozioökonomischen Verhältnisse indes sind es nicht, sie
       sind real.
       
       Die Debatten über eine wie auch immer geartete Reichensteuer laufen, aber
       die Umsetzung dürfte sich schwierig gestalten, das alles sei „hochkomplex“,
       wie Expert:innen sagen. Die Vorschläge der Ostbeauftragten verpufften,
       sobald Elisabeth Kaiser sie ausgesprochen hatte.
       
       Die DIW-Ökonomin Charlotte Bartels hat weitere Vorschläge: Steuern für
       Gering- und Normalverdiener:innen könnten gesenkt und der
       Spitzensteuersatz erhöht werden. Oder es könnte Menschen mit einem
       [15][Startkapital beim Vermögensaufbau geholfen werden]. Darin sieht
       Bartels sogar eine Notwendigkeit, wenn sich die Politik dafür entscheide,
       weniger Güter öffentlich bereitzustellen, also an Sozialausgaben zu sparen.
       
       Es könnte aber auch der soziale Wohnungsbau aus Steuern finanziert und
       Kindern eine fundierte, öffentlich finanzierte Ausbildung gewährt werden.
       Dann müsste gar nicht jede und jeder selbst Vermögen aufbauen.
       
       12 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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