# taz.de -- Linke Hochburg Göttingen: Der rote Schock
       
       > Ein junger Rechtsextremer sticht auf einen Antifaschisten ein, der
       > überlebt nur knapp. Die linke Szene fragt sich nun: Wie konnte es dazu
       > kommen?
       
 (IMG) Bild: Die Messerattacke hat die Göttinger Linke mobilisiert, hier bei einer Demo Ende Juni nach der Tat
       
       Da war natürlich erst mal der Schock, berichtet Lou*, während sie mit ein
       paar weiteren Göttinger Antifaschist:innen bei Kaffee und Mate im Kreis
       sitzt. Sie kam an jenem Sonntagmittag vor drei Wochen gut gelaunt nach
       Hause, ehe die Nachricht auch zu ihr durchsickerte: Mit „Göttingen:
       Jungfascho sticht Antifaschisten nieder“ war die Nachricht überschrieben,
       die sich seit dem Vormittag über linksradikale Portale verbreitete.
       
       Ob der Verletzte überleben würde, [1][war da noch unklar]: Der Stich ging
       in die Brust, knapp am Herz vorbei. Mit hohem Blutverlust war der
       23-Jährige ins Krankenhaus gebracht worden – Not-OP, Versetzung ins
       künstliche Koma, später noch eine weitere OP.
       
       [2][Im ganzen Land sind die Baseballschlägerjahre wieder da:] Die
       rechtsextreme Radikalisierung Jugendlicher und junger Erwachsener hat in
       den vergangenen Jahren massiv zugenommen, laut dem Innenministerium hat
       sich die Zahl rechtsextremer Tatverdächtiger in kurzer Zeit mehr als
       verdoppelt. Junge Nazis treten gewaltsam auf, machen Jagd auf solche, die
       ihrem Feindbild entsprechen: Queers, Linke, Migrant:innen. Meist tauchen
       sie da auf, wo es kaum intakte Gegenwehr gibt – im Osten etwa oder in
       kleineren Städten.
       
       Aber nun sogar im „roten“ Göttingen?
       
       Mit 130.000 Einwohner:innen ist die Stadt nicht gerade eine Metropole. Den
       Wall, der um die Innenstadt führt, hat man in einer guten halben Stunde
       abgeschlendert. Mit dem Rad braucht es vom Zentrum keine 15 Minuten, um nur
       noch Felder um sich herum zu haben. Dann kommen in alle Himmelsrichtungen
       lange Zeit erst mal nur Dörfer.
       
       Aber durch die Uni leben hier rund 40.000 Studierende. Nicht nur aus dem
       Umland zieht es viele zum Studium hierher, sondern auch aus Hamburg,
       Berlin, Frankfurt oder dem Ausland. Ein linksliberales Bürgertum gibt in
       der Stadt den Ton an, bei den letzten fünf Wahlen siegten die Grünen.
       
       ## Hochburg der linken Szene
       
       Und schon seit Jahrzehnten ist Göttingen auch einer Hochburg der
       linksradikalen Szene, von Antiatomaktivist:innen über Hausbesetzer:innen
       bis zu Antifa-Gruppen. Überall in der Stadt kleben heute noch die Plakate,
       die zum Widerstand gegen den Parteitag der AfD in Erfurt aufrufen; kaum
       eine Laterne lässt sich in der Innenstadt finden, an der nicht
       linksradikale Sticker kleben. Die Rote Hilfe ist hier ansässig, mehrere
       autonome Gruppen sind seit den 1980ern aktiv.
       
       Auch wenn diese Gruppierungen sich immer mal wieder, typisch Linke,
       streiten und/oder abspalten – der Kampf gegen Rechtsextreme ist gelebte
       Praxis: Die Autonome Antifa [M] war in den 1990ern in der bundesweiten
       Bewegung tonangebend, kämpfte die rechtsextreme Kameradschaftsszene aus der
       Stadt; bei späteren NPD-Kundgebungen war die Stadt durch den Gegenprotest
       lahmgelegt.
       
       Einzelne rechte Kleingruppen, die immer mal wieder probierten, in Göttingen
       Fuß zu fassen, oder rechte Burschenschafter, die am Campus zu agitieren
       versuchten, gaben ihre Bemühungen dank der aktiven Gegenwehr der autonomen
       Antifagruppen irgendwann entnervt auf.
       
       Der gerade einmal 17-jährige „Jungfascho“ aber stach zu.
       
       Es sei das Ergebnis einer „monatelangen Eskalation“ gewesen, sagt Nico
       Kuhn, der mit im Kreis sitzt. Links hinter ihm ist die Wand voll mit
       Kartons, Büchern und Ordnern. [3][Hier im Antifaschistischen
       Bildungszentrum und Archiv Göttingen] dokumentieren Aktivist:innen, was die
       extreme Rechte in der Region macht. Und hier recherchieren sie, wer die
       sind, die durch ihre Taten aufgefallen waren.
       
       Von einer „jungen rechten Crew“ spricht Kuhn, die erstmals vor zwei Jahren
       in Göttingen sichtbar geworden sei: Sie tauchten an linken Orten in der
       Stadt auf, „um Stress zu suchen“ – mal machten sie das verbal, mal schossen
       sie mit Silvesterrakekten auf das „Juzi“, den linksalternativen Treffpunkt.
       „Sie bedrohten, aber diese 15- bis 18-Jährigen griffen nicht körperlich
       an“, sagt Kuhn.
       
       Das allerdings habe sich jetzt geändert, sagt er. Vor ein paar Wochen
       hätten sie eine Treppe in Regenbogenfarben und eine Tafel zum Gedenken an
       die Bücherverbrennungen der Nazis beschmiert. Einige Tage später habe es
       eine Schlägerei gegeben wie einige Stunden vor der Messertat auch.
       
       ## Gut situiertes Villenviertel
       
       Diese fand nur wenige Meter vom Wohnhaus des 17-jährigen Messerstechers
       statt – im gut situierten Ostviertel, wo sich die Villen von der Innenstadt
       bis hoch an den Waldrand aneinanderreihen. Unbestritten ist, dass der
       17-Jährige und ein weiterer Jugendlicher aus der rechten Szene sowie
       mehrere Antifa-Aktivist:innen nicht zufällig aufeinandertrafen. „Es sollte
       eine Ansage gemacht werden“, wird im Sitzkreis erzählt – die linken
       Aktivist:innen wollten den beiden Rechten zu verstehen geben, dass sie mit
       ihren Aktionen aufhören sollen. „Aber es sollte dabei keine Gewalt
       angewendet werden.“
       
       [4][Zwar nahm die Polizei den 17-Jährigen am nächsten Tag vorläufig fest,
       ließ ihn später aber zunächst wieder frei, da „eine Notwehrsituation nicht
       auszuschließen“ sei.] Auch der andere Jugendliche stellte dies nach der Tat
       in sozialen Medien so dar.
       
       Der Widerspruch gegen dieses Narrativ ist vehement. Der Verletzte hat laut
       seinem Anwalt Sven Adam ja nicht einmal Abwehrwunden davongetragen – der
       Messerstich sei also unvermittelt erfolgt. Der Verletzte sowie zwei weitere
       Anwesende haben inzwischen auch in diese Richtung gehende Aussagen
       gegenüber den Ermittler:innen gemacht.
       
       Hinzu kommt: Der beteiligte Jugendliche plauderte gegenüber der Zeit aus,
       dass er und sein Kumpel Kampfsporterfahrung hätten – und dass sein Kumpel
       nicht zufällig ein Messer bei sich gehabt habe, „weil er sich schon am Tag
       zuvor beobachtet gefühlt habe, von Leuten, die ‚in einer dunklen Ecke
       gestanden‘ hätten“. Von Notwehr, die das Zücken eines Messers rechtfertigt,
       könne daher kaum gesprochen werden, sagt Adam.
       
       Die Tat des „Jungfaschos“ wirft im „roten“ Göttingen eine Reihe von Fragen
       auf: Wie konnte das in einer Stadt, die über eine jahrzehntelange
       Antifa-Dominanz verfügt, geschehen? Warum trauen sich das die jungen
       rechten Männer hier? Liegt es an einer nachlassenden Präsenz der Antifa?
       Braucht es wieder mehr Militanz? Also auch körperliche Gewalt gegen teils
       noch nicht mal volljährige – man könnte sagen: halbstarke – Jungs, die wohl
       auch noch kein allzu gefestigtes rechtsextremes Weltbild haben?
       
       „Vielleicht waren wir uns zu sicher, dass so etwas hier nicht passieren
       könnte“, sagt Lou. Ein anderer, der schon in den 2000ern in Antifa-Gruppen
       aktiv war, fragt: „Wo ist die Bewegung abgerissen?“ Immer häufiger gebe es
       rechte Graffiti in der Stadt, die wochenlang nicht übersprüht würden. In
       den vergangenen Jahren sei die Zahl der Aktivist:innen immer weiter
       zurückgegangen, die die tägliche Antifa-Arbeit als ernste und drängende
       Aufgabe ansehen.
       
       Und: Warum fühlen sich Jugendliche kulturell offenbar zunehmend eher von
       Rechtsextremen abgeholt statt von linker Subkultur?
       
       ## Jagd auf Linke
       
       Vielleicht ist die Messerattacke auch ein Anlass, wieder verlässliche
       Antifa-Strukturen in der Stadt aufzubauen, sodass es keine größeren Sorgen
       vor Neonazis geben muss. Wirklich groß wurde die Göttinger Antifa-Bewegung
       Anfang der 1990er – also zu Beginn der ersten Baseballschlägerjahre, als
       junge Göttinger Neonazis schon einmal Jagd auf Linke machen wollten, schon
       einmal mit dem Messer zustachen [5][und dabei den 21-jährigen Alexander
       Selchow töteten, einen Antifaschisten, der seinen Angreifern zufällig
       begegnete.]
       
       Anzeichen dafür gibt es: „Aus dem Schock wurde ziemlich schnell eine Wut“,
       sagt Lou. „Viele von uns realisieren gerade, dass wir da wieder mehr
       unternehmen müssen.“ Noch am Sonntag der Tat gingen abends mehr als 1.000
       Linke auf die Straße, am Tag darauf und eine Woche später ebenso. Dem
       Hinweis vor der zweiten Demo, doch auf jegliche Gruppen- oder Parteifahnen
       zu verzichten und stattdessen schlichte Antifa-Fahnen mitzubringen, folgten
       alle und demonstrierten damit Geschlossenheit – anders als zuvor etwa
       [6][in Berlin-Hellersdorf, wo sich die autonome Linke gerade über den
       Nahostkonflikt zerlegt.]
       
       12 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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