# taz.de -- Rechte Jugendliche in Hamburg: Wieso Rechtsextremismus sich in bestimmten Stadtvierteln hält
> Hamburg-Bergedorf galt jahrelang als Nazi-Kiez. Dann wurde es ruhiger –
> bis jetzt. Warum Rechtsextremismus sich lokal hält, erklärt eine Studie.
(IMG) Bild: Nicht nur Neonazis haben Kontinuität in dieser Stadt: Antifa-Demo gegen Neonazi-Aufmarsch 2004 in Hamburg
Kurze Haare oder Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel. Wie eine
[1][Erinnerung an die 1980er- und 1990er-Jahre] sind junge extrem Rechte
seit einigen Jahren wieder sichtbar – und das nicht nur in Kleinstädten im
Osten, sondern auch in städtischen Milieus im Westen, zum Beispiel in
Hamburg.
Hier lässt sich beobachten, dass es nicht nur der Style ist, der schon
einmal da war, sondern es ist auch die räumliche Verortung, die sich
wiederholt. In Hamburg agieren derzeit vermehrt rechte Jugendliche im
Bezirk Bergedorf im Osten der Stadt. Das Mobile Beratungsteam gegen
Rechtsextremismus nennt den Bezirk einen „Aktionsschwerpunkt junger
Neonazis“. Dort agierten Rechtsextreme auch schon vor über 45 Jahren.
[2][Bergedorf galt lange als Nazi-Kiez].
Nun hat eine Kleine Anfrage der Linken in der Hamburger Bürgerschaft
gezeigt, dass alleine seit Januar vergangenen Jahres 129 rechtsextreme
Vorfälle in dem Bezirk registriert wurden – von NS-Graffiti über Zeigen des
Hitlergrußes bis hin zu Bedrohungen. Dabei geht es auch um sogenanntes
Pedo-Hunting, bei dem unter dem Vorwand, etwas gegen Pädophilie zu
unternehmen, meist homosexuellen Menschen aufgelauert wird. In Bergedorf
habe es laut Verfassungsschutz einzelne solcher Vorfälle gegeben.
Bei 44 der als rechtsextrem registrierten Vorfälle konnte die Polizei
Tatverdächtige ermitteln. Sie machte 49 rechte mutmaßliche Täter aus.
## Entpolitisierung wie in den 1980ern?
Allerdings seien die Jugendlichen in Bergedorf „in der traditionellen
organisierten rechtsextremistischen Szene kaum bis gar nicht verhaftet“,
sagt Hamburgs Verfassungsschutzleiter Torsten Voß der Deutschen Presse
Agentur (dpa). Sie seien „alle noch sehr jung, teilweise nicht einmal 18
Jahre alt“, so Voß. Ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild sei kaum
erkennbar, aber es gebe rechtsextreme Ideologiefragmente.
Diese Einschätzung erinnert an die Bewertung der rechten Skinheadszene der
1980er-Jahre. In Bergedorf, ein auch multikulturell geprägter Stadtteil,
fanden in den Achtzigern rechtsextrem Orientierte in der sich entwickelnden
rechten Hooligan- und Musikszene zusammen. Zuvor agierte in
Bergedorf-Lohbrügge die Aktionsfront Nationaler Sozialisten um Christian
Worch. Die Mitglieder dieser Szene überfielen lokale Jugendclubs, sprengten
Stadtfeste und Partys und schlugen Personen zusammen, die sie als „links“
oder „migrantisch“ identifizierten.
Daneben bildeten sich die extrem rechte Skinhead- und Schlägergruppe
Lohbrügger Army wie auch die HSV-Hooligan-Gruppe Die Löwen zu festen
Gruppen. Aus der „Army“ kamen die Skinheads, die 1985 Ramazan Avcı an der
S-Bahnstation Hamburg-Landwehr ermordeten. Obwohl die Täter verurteilt
wurden, erkannte der Polizeipräsident damals keine politischen Motive. Auch
in Politik und Medien dominierte die entpolitisierende Wahrnehmung einer
Jugendszene ohne geschlossenes Weltbild.
Im Stadtteil fand dann 1995 die Nationale Liste (NL) um Christian Worch und
Thomas Wulf ihre Zentrale. Nach dem Verbot der NL bauten sie das Netzwerk
der Freien Kameradschaften auf, zu dem später der Hamburger Sturm gehörte.
Sie diskutierten, was sich später in einer Kameradschaft in Jena
herausbilden sollte: die Gründung der terroristischen Gruppe NSU
(Nationalsozialistischer Untergrund), die 2001 in Hamburg Süleyman Taşköprü
ermordete.
## Zusammenhang von NSDAP- und AfD-Wahlergebnissen
Wieso tauchen nun mehr als 20 Jahre später wieder rechte Jugendgruppen in
Bergedorf auf? Um die Kontinuität extrem rechter Organisierung zu
verstehen, dass Rechte sich trotz Brüchen und Jahren der Inaktivität lokal
halten, hilft der Blick in eine Studie. 2019 legten Davide Cantoni, Felix
Hagemeister und Mark Westcott [3][„Persistence and Activation of Right-Wing
Political Ideology“] vor, in der sie eine „starke Korrelation“ der
Wahlergebnisse der NSDAP zur AfD feststellten.
Die Studie möchte die AfD-Wahlerfolge nicht auf einen Aspekt verengen, sie
hebt aber hervor, dass „kulturelle Traditionen“ von rechtsextremem Denken
„über viele Generationen“ getragen werden kann. In Bergedorf erreichte die
AfD bei der Bundestagswahl 2025 17,3 Prozent, in einzelnen Wahlbüros waren
es zwischen 20 und 40 Prozent.
Schlagen die Jungen nun da wieder zu, wo die Alten schon sehr lange reden?
Hass und Hetze weitergeben? Seit Jahren, so Cantoni, sei wissenschaftlich
dargelegt, dass eine Beziehung zwischen den Einstellungen der Eltern und
Kindern besteht. Sie scheint auch räumlich verankert zu sein.
10 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Studie-zu-Einstellungen-von-Jugendlichen/!6175916
(DIR) [2] /Hamburgs-Rechtsextremisten-im-Wandel/!1416801/
(DIR) [3] https://www.davidecantoni.net/pdfs/afd_draft_20190225.pdf
## AUTOREN
(DIR) Andreas Speit
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