# taz.de -- Union debattiert über CO₂-Preis: Die CDU beißt sich am Klimaschutz fest
> Eine CDU-Veranstaltung zeigte, wie uneins die Partei beim Klimaschutz
> ist. Als es konkret wurde, wurde ihre wirtschaftspolitische Schwäche
> deutlich.
(IMG) Bild: Wirtschaftsministerin Katherina Reiche beim CDU-Werkstattgespräch über Klimaschutz und die Zukunft des Industriestandorts
Ein „Werkstattgespräch zu Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit und der neuen
geopolitischen Lage“ sollte am Mittwochabend die CDU-internen Diskussionen
zur Klimapolitik der Partei bündeln – und zeigte vor allem, wen die Union
zum „Industriestandort Deutschland“ zählt. Denn während der
Anti-Klimaschutz-Anheizer und Evonik-Chef Christian Kullmann eingeladen
war, fehlte jeder Erneuerbare Energien- oder Green-Tech-Unternehmer. Noch
nicht einmal einer der wenigen verbliebenen Klimapolitiker*innen der
Partei war auf den Panels vertreten.
Die Eröffnungsrede hielt Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche
(CDU), die seit Amtsantritt [1][mehrfach] das deutsche Ziel [2][für
unrealistisch erklärt] hatte, bis 2045 klimaneutral werden zu wollen.
Diesmal hielt sie sich zurück: „Mir geht es nicht darum, Ziele für
Klimaschutz infrage zu stellen“, sagte sie, sondern darum, „ob es andere
Wege gibt, kosteneffizienter zum Ziel zu kommen“.
Nötig wurde die Aussprache, die [3][während der derzeit wütenden
Hitzewelle] in einem gut gekühlten Konrad-Adenauer-Haus stattfand, weil
Sozial- und Wirtschaftsflügel der CDU im Februar mit einem radikalen
Parteitagsantrag für Aufregung sorgten: Sie [4][wollten], dass die CDU sich
dafür einsetzt, das deutsche Ziel der Klimaneutralität 2045 um fünf Jahre
auf 2050 zu verschieben. Klimaneutralität bedeutet, nur so viel CO₂
auszustoßen, wie von Wäldern, Mooren und technischen Senken wieder gebunden
wird.
Der Antrag [5][wurde von der Parteispitze deutlich entschärft] und ohne
Zielverschiebung auf dem Parteitag verabschiedet. Teil des Kompromisses war
aber, eine „Debatte“ über die Lage der deutschen Industrie und zum
Klimaschutz zu führen.
## Connemann drehte Reiche die Worte im Mund um
Welches Ziel zumindest der CDU-Wirtschaftsflügel mit dieser Debatte am
Mittwochabend verfolgt, machte Mittelstandsunion-Vorsitzende Gitta
Connemann auf dem ersten Panel deutlich. Reiche „hat gesagt, ich will keine
Ziele infrage stellen, aber wir müssen uns die Frage stellen, ob ein
Versprechen, das wir uns gegeben haben, überhaupt in dieser Form
realisierbar ist“, fasste sie die Rede der Ministerin zusammen. Damit
drehte sie ihr aber die Worte im Mund um: Reiche hatte peinlich genau
darauf geachtet, nur über das „Wie“ und nicht über das „Ob“ der Klimaziele
zu sprechen – Connemann dagegen zielt offenbar auf eine Schwächung des
deutschen Klimaziels.
Evonik-Chef Kullmann war ganz auf Connemanns Linie. Er hatte sich im
vergangenen Herbst dafür eingesetzt, den europäischen CO₂-Preis für die
Industrie abzuschaffen, um Energiepreise zu senken. „Sie wollen doch nicht
ernsthaft eine CO₂-Politik in Brüssel betreiben, die massiv Arbeitsplätze
vernichtet“, sagte er. „Sollen wir nicht erstmal versuchen, im
Piranha-Becken der Weltwirtschaft zu überleben?“
Dass die deutsche Wirtschaft vor allem unter staatlich geförderter
chinesischer Konkurrenz und US-amerikanischen Zöllen leidet, wurde im
Konrad-Adenauer-Haus zwar thematisiert, aber vor allem mit Plattitüden von
nötigen „Sozialreformen“ und Beschwerden über „Krankheitstage, wie ich sie
noch nie gesehen habe“ (Miele-Chef Reinhard Zinkann) beantwortet. Zentral
war für die meisten Sprecher*innen, die Energiepreise zu drücken, unter
anderem durch eine Senkung des europäischen CO₂-Preises.
## Ökonom: Wirtschaftskrise nicht über Klimapolitik zu lösen
„Wir werden das deutsche Wirtschaftsmodell nicht mit niedrigeren
Strompreisen und Lohnkosten wieder zum Laufen kriegen. Eine Fokussierung
allein auf Energiekosten verfehlt die eigentlichen Probleme“, mahnt aber
Niklas Illenseer, Ökonom bei der progressiven Denkfabrik „Dezernat
Zukunft“. „Auch mit Dauersubventionen werden wir die günstigen
Energiepreise des sonnenreichen Spaniens oder wasserkraftreichen Norwegens
nicht erreichen.“ Für billigeren Strom müsse der Netzausbau beschleunigt
werden.
Außerdem sei eine ehrliche Debatte nötig, „welche Industrien langfristig
tragfähig sind und welche wir aus strategischen Gründen halten wollen, auch
wenn das etwas kostet“, sagt Illenseer. Diese Industrien sollten dann
gezielt unterstützt werden. „Wir können die deutsche Wirtschaftskrise nicht
über die Klimapolitik lösen.“
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Tilmann Kuban dagegen will die
energieintensive Industrie retten, indem die Klimaneutralität als Ziel
abgeschafft wird: „Muss man nicht erstmal die ersten 80 Prozent
CO₂-Reduktion schaffen und dann, wenn die Welt uns wirklich folgt, die
letzten 20 Prozent?“, fragte er.
Widerspruch kam von Peter Liese, CDU-Europaparlamentarier und Arzt: „Wenn
jemand einen schlimmen Tumor hat, können die Ärzte nicht sagen, 80 Prozent
haben wir geschafft, die letzten 20 Prozent lassen wir mal“, sagte er. Und
an Kullmann gewandt: Die Firmen, die in Klimaschutz investiert haben,
hätten auf einen CO₂-Preis vertraut. „Wer für den Klimaschutz etwas
geleistet hat, der sollte dafür nicht bestraft werden.“
## Konkrete Probleme fallen auf Reiche zurück
Liese war für keines der Panels eingeladen, sondern äußerte sich aus dem
Publikum. Ebenso kam keiner der geladenen Sprecher*innen aus der
wachsenden Erneuerbaren- und Green-Tech-Branche, die [6][laut
Umweltbundesamt] dreimal so viele Menschen wie die Autoindustrie
beschäftigt.
Konkrete Probleme bei der Transformation hin zu einer nachhaltigen
Wirtschaft kamen nur vereinzelt zur Sprache. Ein Vertreter der
Gießerei-Industrie berichtete, dass einige große Gießereien wegen des
langsamen Stromnetzausbaus keinen Stromanschluss für neue, klimafreundliche
Elektroöfen bekämen. Eine Managerin der Stahlsparte von Thyssenkrupp
monierte, dass die Strompreise hoch und der Wasserstoff knapp sei.
Nur: Wirtschaftsministerin Reiche bemüht sich gerade, den Ausbau billiger
erneuerbarer Energien [7][zu bremsen, anstatt das Stromnetz schneller
auszubauen]. Auch für die Versorgung mit Wasserstoff ist ihr Haus
verantwortlich.
„Ich hatte die Hoffnung, dass wir in den Austausch kommen, um die beste
Lösung zu erarbeiten“, sagte Martin Lass nach der Veranstaltung. Der
Biogas-Unternehmer aus Schleswig-Holstein ist CDU-Mitglied und sagt, er
habe „inhaltlich nicht viel mitgenommen“.
„Die Gründe für die hohen Energiepreise sind wenig zur Sprache gekommen“,
kritisierte er. In der Gasversorgung sei Deutschland nach dem russischen
Angriff auf die Ukraine „schlagartig von der Realität eingeholt“ worden,
„das konnte nur eine destruktive Wirkung haben“, sagte Lass. Jetzt für die
hohen Energiepreise „den Erneuerbaren den schwarzen Peter zuzuschieben,
finde ich unverständlich.“
Erst nach knapp drei Stunden kam ein Klimawissenschaftler zu Wort: Der
Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar
Edenhofer, sprach sich ebenfalls dafür aus, bei einem künftigen Anstieg des
CO₂-Preises für die Industrie dämpfend einzugreifen. Aber „wir sollten
aufhören mit der Zieldebatte und anfangen, Instrumente für Wachstum und
Klimaschutz zu entwickeln“, fügte er an und erhielt dafür den längsten
Applaus des Abends.
Dennis Radtke, Vorsitzender des CDU-Sozialflügels, zeigte sich zufrieden:
„Die unterschiedlichen Standpunkte sind deutlich geworden“, sagte er der
taz. Aus der Debatte solle nun eine Beschlussfassung fürs Parteipräsidium
entstehen.
25 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Regierung-bricht-Versprechen/!6093108
(DIR) [2] /Auf-fossiler-Energiekonferenz-in-Texas/!6165526
(DIR) [3] /Hitzewelle-in-Deutschland/!6188436
(DIR) [4] https://www.mit-bund.de/content/arbeitsplaetze-mittelstand-und-industrie-sichern-wettbewerbsfaehigkeit-staerken
(DIR) [5] /Entschaerfter-Antrag-fuer-Parteitag/!6148937
(DIR) [6] https://www.umweltbundesamt.de/themen/wirtschaft-konsum/wirtschaft-umwelt/wirtschaft-fuer-umwelt-klimaschutz/greentech-atlas-2025
(DIR) [7] /Umstrittene-Energiepolitik-der-Regierung/!6186120
## AUTOREN
(DIR) Jonas Waack
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) CDU/CSU
(DIR) Klimaschutzziele
(DIR) CO2-Kompensation
(DIR) GNS
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Heizungsgesetz
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Wirtschaft
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Extrem-Temperaturen: Wo die Hitzeanpassung scheitert
Bis Ende Juli sind schon über 10.000 Menschen in Deutschland wegen der
Hitze gestorben. Das Land ist überfordert von den Temperaturen. Aber warum?
(DIR) Urteil zum Heizungsgesetz: Zack-Zack-Gesetzgebung ist erlaubt
Das Bundesverfassungsgericht hat die selbst erzeugten Erwartungen nicht
erfüllt. Es gebe kein Tempolimit gegen allzu hektische Gesetzgebung.
(DIR) Tödliche Hitzewelle: Grüne fordert Gedenktag für die Hitzetoten
Die Juni-Hitzewelle tötete mehr Menschen als je eine Naturkatastrophe in
Deutschland. Grünen-Politikerin Badum fordert einen Gedenktag für die
Opfer.
(DIR) Rekordschäden an den Fahrbahnen: Hitzewelle ramponiert Autobahnen
Die deutschen Fahrbahnen kommen mit der Klimakrise nicht klar: 42
Abschnitte wurden im ersten Halbjahr durch Hitze beschädigt. Das sind 32
mehr als im Rekordjahr 2019.
(DIR) Hitze in den Ozeanen: Rekordtemperaturen in den Meeren steigern Angst vor El Niño
Heißer als 2026 waren die Ozeane im Juni seit Messbeginn noch nie. Für
Forscher kommt das nicht überraschend: Schuld ist ein Wetterphänomen.
(DIR) Unterstützung für Klimaschutz: Mehrheit will, dass Industrie für Klimaverschmutzung zahlt
Eine knappe Mehrheit der Deutschen unterstützt den europäischen CO2-Preis
für die Industrie. In Brüssel wird derweil fleißig dagegen lobbyiert.
(DIR) Folgen des Klimawandels: Tempo 30 auf der Autobahn
Die Hitzewelle dauert an. Mit Folgen für Schwangere, Vorerkrankte, Alte,
den Wasserverbrauch und den Asphalt auf den Autobahnen.
(DIR) Nach Erdrutschen auf Sumatra: Wie der Klimawandel den seltensten Menschenaffen auslöscht
Der lässige Tapanuli-Orang-Utan ist extrem selten. Wohl jeder zehnte
seiner Art kam bei Erdrutschen um, die der Klimawandel wahrscheinlicher
machte.
(DIR) Irankrieg schwächt Konjunktur: Weniger Aufträge für die deutsche Industrie
Die Wirtschaft spürt die Folgen des Irankriegs. Unternehmen im In- und
Ausland bestellen weniger, weil sie hohe Energie- und Rohstoffpreise
belasten.
(DIR) Lichtblicke bei der Klimapolitik: Erneuerbare machen Worst Case unrealistisch
Die UNO beschließt eine bahnbrechende Resolution. Gleichzeitig halten
Experten das Szenario bei den Emissionen für nicht mehr plausibel.