# taz.de -- Lichtblicke bei der Klimapolitik: Erneuerbare machen Worst Case unrealistisch
> Die UNO beschließt eine bahnbrechende Resolution. Gleichzeitig halten
> Experten das Szenario bei den Emissionen für nicht mehr plausibel.
(IMG) Bild: Kenia. Windkraftanlagen auf den Ngong-Bergen bei Nairobi
Die Vereinten Nationen haben den Klimaschutz verstärkt: In der Nacht zum
Donnerstag beschloss die [1][Generalversammlung in New York] eine
Resolution, die – vereinfacht gesagt – den Klimaschutz als Menschenrecht
deklariert. Der Resolution 12760 stimmten 141 Länder zu, 8 stimmten
dagegen, darunter Israel, Russland, Saudi-Arabien, Iran und die USA. Zudem
enthielten sich 28 Staaten, darunter Ölstaaten wie Bahrain, Katar oder
Kuwait, aber auch Tschechien als einziges EU-Mitgliedsland.
Der Entwurf für die Resolution stammt von Vanuatu. Der Inselstaat aus dem
Pazifik hatte den Internationalen Gerichtshof (IGH) der Vereinten Nationen
angerufen, vor einem Jahr erging der Richterspruch: Auch die Menschenrechte
verpflichten Staaten dazu, die Klimaerhitzung zu bekämpfen.
Die Richter in Den Haag stellten fest, dass es „rechtswidrig“ sei, wenn
Staaten ihre Klimaschutzverpflichtungen vernachlässigten – beispielsweise
aus den „Nationalen Klimaschutzprogrammen“, den [2][NDCs], die gemäß
Paris-Protokoll alle Staaten an die UNO melden mussten. Außerdem urteilten
sie, dass ein Staat, der gegen seine Klimaverpflichtungen verstößt,
verpflichtet werden kann, „den geschädigten Staaten vollständigen
Schadensersatz zu leisten“.
Allerdings war die ursprüngliche Fassung der Resolution im Laufe der
Verhandlungen abgeschwächt worden, die im Entwurf enthaltene Forderung nach
einem „internationalen Klimaschadensregisters“ wurde aus dem nun
verabschiedeten Text gestrichen. In dem Register sollten Beweise für
klimabedingte Schäden und Verluste gesammelt werden.
Trotzdem sind Klimaschützer begeistert, beispielsweise sprach Viviane
Raddatz, Klimachefin beim WWF Deutschland, von einem „historischen
Beschluss“. Zwar bewirkt die Resolution nicht, dass Vanuatu jetzt die USA
verklagen kann. Allerdings „begrüßt“ die Generalversammlung den
Richterspruch als wichtigen Beitrag zur Klärung des geltenden Völkerrechts.
Daraus lassen sich wiederum Verantwortlichkeiten der Staaten herleiten.
## Vier Szenarien in der Klimawissenschaft
Ein zweiter bemerkenswerter Schritt kommt vom „[3][Coupled Model
Intercomparison Project“ (CMIP]): Das Gremium hält das schlimmste
Schreckensszenario der Erderwärmung nicht mehr für plausibel. „Vorhersagen
sind schwierig“, hatte der Komiker Karl Valentin einmal gesagt, „besonders
wenn sie die Zukunft betreffen“.
Deshalb arbeitete die Klimawissenschaft stets mit vier Szenarien, die vom
CMIP entwickelt worden waren: Das beste Szenario nennt sich RCP 2.6, das
schlechteste RCP 8.5. Dazwischen liegen die Szenarien 4.5 und 6.0.
Es geht um den „Strahlungsantrieb“, also um die Frage, wie viel mehr
Sonnenenergie zum Ende des Jahrhunderts auf der Erde verbleibt: 8.5
bedeutet, dass es durch den Klimawandel 8,5 Watt je Quadratmeter mehr sein
werden – verglichen mit der vorindustriellen Zeit, bei 2.6 sind es
entsprechend 2,6 Watt mehr.
Im schlimmsten Szenario 8.5 hätte sich die Konzentration der Treibhausgase
von derzeit 430 ppm (Teilchen pro Million) im Jahr 2100 mehr als
verdreifacht, was einen Anstieg der durchschnittlichen
Oberflächentemperatur um 4,8 Grad unausweichlich macht.
## Neues Rahmenwerk
Jetzt hat CMIP, eine Fachgruppe des [4][Weltklimaforschungsprogramms
(WCRP)], ein neues Rahmenwerk [5][veröffentlicht], in dem es RCP 8.5 nicht
mehr für plausibel hält. „Dieses Szenario war immer mit der Annahme
‚geringe Eintrittswahrscheinlichkeit mit hohem Risiko‘ verbunden“, erklärt
Detlef P. Van Vuuren, Professor an der Universität Utrecht und einer der
Leitautoren. In einer 8.5-Welt würden 12 Milliarden Menschen auf der Erde
leben, die ihren Energiehunger ausschließlich fossil decken, so die
Projektion.
„Wir sehen, dass in den letzten Jahren, der Zubau der Erneuerbaren deutlich
vor dem Neubau von fossilen Kapazitäten liegt“, sagt der deutsche
Klimaforscher Mojib Latif der taz: „Die tatsächlich gemessenen Emissionen
der letzten Jahre bewegen sich in der Mitte der 2.6- und 8.5-Szenarien.“
Deshalb sei es sinnvoll, nicht mehr mit dem Extremfall zu arbeiten.
„Allerdings kann es überhaupt keine Entwarnung geben“, so Latif, die
Menschheit bewege sich aktuell auf einem Pfad, der die Welt auf drei Grad
bis Ende des Jahrhunderts aufheizt. „Es gibt Kippelemente im
Weltklimasystem, die oberhalb von 2 Grad zusammenbrechen“, erklärt Latif.
Beispielsweise sterben 99 Prozent aller Korallen weltweit, wenn die
Zwei-Grad-Marke erreicht wird.
## „FALSCH! FALSCH!“
Deshalb sei jetzt, wo es noch Gelegenheit gibt den Temperaturanstieg zu
begrenzen „wichtig, den Klimaschutz zu verstärken“, statt ihn zu schwächen.
„Entscheidend für die Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs wird sein,
wie lange der globale ‚Rollback‘ in der Klima- und Energiepolitik anhält“,
sagt Latif. Und meint damit ausdrücklich auch die Politik der
Bundesregierung.
Gleichzeitig nutzen rechte Kräfte weltweit die gute Nachricht, um Stimmung
gegen den Klimawandel zu machen. Aus dem Weißen Haus hieß es via X: „Nach
15 Jahren, in denen die Demokraten versprochen haben, dass der
‚Klimawandel‘ den Planeten zerstören wird, hat der oberste Klimaausschuss
der Vereinten Nationen gerade eingeräumt, dass seine eigenen Prognosen
(RCP8.5) FALSCH waren! FALSCH! FALSCH!“ Währenddessen nutze in Deutschland
die AfD die Entscheidung gegen das Worst-Case-Szenario, um [6][im
Bundestag] gegen den Klimaschutz zu hetzen.
21 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Und-jetzt-alle-zusammen-Annalena-Baerbock-for-President/!6076015
(DIR) [2] https://unfccc.int/process-and-meetings/the-paris-agreement/nationally-determined-contributions-ndcs
(DIR) [3] https://wcrp-cmip.org/
(DIR) [4] https://www.wcrp-climate.org/
(DIR) [5] https://gmd.copernicus.org/articles/19/2627/2026/
(DIR) [6] https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw21-de-aktuelle-stunde-klimapolitik-1178878
## AUTOREN
(DIR) Nick Reimer
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