# taz.de -- Debatte über Luigi Pantisano: Klassenkonferenz an der Problemschule
       
       > Im Bundestag soll sich die Linke für die „Faschismus“-Äußerungen ihres
       > Co-Chefs rechtfertigen. Ines Schwerdtner nutzt das zum Gegenangriff.
       
 (IMG) Bild: Hat mit einer Äußerung für Ärger gesorgt: Luigi Pantisano, neuer Co-Chef der Linken, vor einer Fraktionssitzung im Bundestag
       
       Dreimal fragten verschiedene Abgeordnete der Union nach. Doch Martin
       Reichardt, AfD-Chef in Sachsen-Anhalt, blieb stur. Das Foto, auf dem er mit
       erhobenem linkem Arm zu sehen ist und über das am Mittwoch zuerst das
       [1][Nachrichtenportal Politico] berichtet hatte, zeige keinen Hitlergruß.
       „Das kann sich die Staatsanwaltschaft gerne anschauen, da bin ich völlig
       sorgenfrei“, sagt er. Das sei eine „von der Presse aufgebaute
       Unsinnskampagne“, sagt Reichardt und verweist darauf, dass er Offizier der
       Bundeswehr war.
       
       Eigentlich sollte es auch gar nicht um ihn gehen, sondern um den neuen
       Linken-Chef Luigi Pantisano. Dieser hatte mit der Aussage, die Union
       betreibe „faschistische Politik“ und sei deshalb nicht mehr von der AfD zu
       unterscheiden, für Empörung gesorgt. [2][Für diese Aussage hat er sich
       entschuldigt], sie sei „falsch“ gewesen. Doch der Union reichte das nicht,
       weshalb sie gemeinsam mit der SPD [3][eine Aktuelle Stunde im Bundestag
       beantragte], die für den Mittwochnachmittag angesetzt wurde.
       
       Zur Eröffnung trug CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann mit gravitätischer
       Stimme die Namen von CDU-Politikern vor, die zum Gründerkreis seiner Partei
       gehört und die NS-Zeit im „Zuchthaus“ oder im Konzentrationslager überlebt
       hatten. „Wir sind die Partei Konrad Adenauers“, hob Linnemann hervor, und:
       „Wir sind auch die Partei von Walter Lübcke“, der 2019 von einem
       Rechtsextremisten ermordet wurde. Es sei „infam, geschichtsvergessen und
       niederträchtig“, der CDU Faschismus vorzuwerfen. Pantisanos Entschuldigung
       könne er nicht annehmen, da sie nicht aufrichtig gewesen sei.
       
       ## Hufeisenvorwurf und Steilvorlage
       
       Andere Unionspolitiker stimmten denselben Ton an. So bemühte die Berliner
       Abgeordnete Ottilie Klein den Hufeisenvorwurf, um eine Nähe der Linkspartei
       zur „in Teilen gesichert rechtsextremen AfD“ zu unterstellen. Die Linke
       stehe ebenfalls „am extremen Rand des politischen Konsens“, sei „keine
       normale Partei“ und es könne „keine Zusammenarbeit“ mit ihr geben. Das
       hatte kurz zuvor schon CDU-Chef Friedrich Merz in einer
       [4][Regierungsbefragung] gesagt. Die AfD hatte ihn gefragt, ob es nach der
       Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September zu einer Koalition oder anderen
       Formen der Zusammenarbeit seiner Partei mit der Linken kommen werde.
       
       Für die AfD war die Aktuelle Stunde eine Steilvorlage, um sich selbst als
       verfolgte Unschuld zu gerieren und staatsmännisch zu geben. Der
       Brandenburger Abgeordnete Götz Frömming stellte Die Linke als Erbe der SED
       dar, die „mit der kriminellen Antifa“ paktiere und auf die nationalen
       Symbole Deutschlands „spucke“. Es sei „ein historischer Fehler“ gewesen,
       sie – anders als die NSDAP – nicht nach dem Ende der DDR zu verbieten.
       Damit setzt er die beiden Diktaturen indirekt gleich. Helmut Kohl würde
       sich im Grabe umdrehen und Franz Josef Strauß würde ihr die Leviten lesen,
       weil sie sich mit solchen Leuten verbünde, sagte Frömming in Richtung der
       Union. Seine Botschaft: Wir sind die wahren Konservativen.
       
       Die SPD nahm es auf sich, dieses Bild zu korrigieren. Die AfD habe ein
       „Faschismusproblem“, das sich nicht nur an „Schuldkult“-Formulierungen
       zeige, sagte Helge Lindh. Der Innenpolitiker Sebastian Fiedler warf der
       Partei vor, es sei doch kein Zufall, dass sie ihren Parteitag in Erfurt nur
       wenige Kilometer von dem Ort entfernt abhalte, an dem die NSDAP hundert
       Jahre zuvor ihren Reichsparteitag veranstaltet habe.
       
       Die Grünen nahmen sich dagegen stärker die Linke zur Brust. Irene Mihalic
       warf ihr vor, der Nahostkonflikt sei für sie lediglich „Mittel zum Zweck“,
       und Marlene Schönberger befand, dem jüdischen Staat einen Genozid
       vorzuwerfen, diene allein der „Entlastung“. Das sei ein „Spiel mit dem
       Antisemitismus“.
       
       ## Merz sollte sich entschuldigen, sagt Schwerdtner
       
       Linken-Chefin Ines Schwerdtner ließ diese Kritik an sich abprallen. Ihr
       Co-Chef habe sich entschuldigt, „das hat Größe“, befand sie. Ihre Partei
       trenne außerdem klar zwischen dem Schutz jüdischer Menschen und einer
       rechtsextremen israelischen Regierung. Das habe sie auf dem Parteitag sehr
       deutlich gemacht.
       
       Anschließend ging Schwerdtner zum Gegenangriff über. Diese Debatte sei ein
       „Ablenkungsmanöver“, sagte sie, und wenn jemand Grund zur Entschuldigung
       habe, dann sei das Friedrich Merz: Er habe Migrantenkinder als „kleine
       Paschas“ herabgesetzt, Flüchtlingen aus der Ukraine „Sozialtourismus“
       unterstellt, mit seinen [5][Stadtbildäußerungen] Ressentiments geschürt und
       einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg als „Drecksarbeit“ bezeichnet. Das
       sei „eine echte Entgleisung, die eines Kanzlers nicht würdig“ sei, rief
       Ines Schwerdtner in den nur spärlich besetzten Plenarsaal.
       
       Das Ganze sei „eine schlechte Show, und das wissen Sie“, teilte sie in
       Richtung Union aus. Ihr [6][Co-Chef Luigi Pantisano], um den es die ganze
       Zeit über ging, betrachtete das Spektakel von seiner Abgeordnetenbank aus.
       
       Ein wenig war diese Debatte im Bundestag tatsächlich ein inszeniertes
       Ritual: ein Scherbengericht mit vorgefassten Rollen. Sie erinnerte an eine
       Klassenkonferenz an einer Problemschule, die wegen eines Schülers
       einberufen wird, der sich in den Augen der Lehrer und seiner Mitschüler
       danebenbenommen hat, weil er etwas Unpassendes gesagt hat. Ein anderer
       Schüler, der offen mit Nazisymbolik gespielt hat, wird dagegen lediglich
       ermahnt. Irgendwie symptomatisch.
       
       24 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.politico.eu/podcast/inside-afd/der-hitlergrus-des-afd-landeschefs/
 (DIR) [2] /Neuer-Linkspartei-Chef/!6189659
 (DIR) [3] /Nach-Interview-Aeusserung/!6190052
 (DIR) [4] /Befragung-des-Kanzlers/!6190411
 (DIR) [5] /Stadtbild-Aeusserung-des-Kanzlers/!6121879
 (DIR) [6] /Neue-Linken-Spitze-ueber-Klassenpolitik/!6187787
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Bax
       
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