# taz.de -- Journalismus in der Krise: Wege in den wehrhaften Journalismus
> Das Erstarken vom Faschismus und der AfD stellt den Journalismus vor
> Herausforderungen. Zu meistern sind diese nur mit antifaschistischem
> Journalismus.
(IMG) Bild: Seit Jahren kämpft die Medienbranche mit dem richtigen Umgang mit der AfD
Das Kernproblem zeigt sich auf den ersten Blick und erhält von Tag zu Tag
mehr Kontur: [1][Neofaschistische Bewegungen gewinnen an Boden.] Wie also
umgehen mit dem Fortschreiten der faschistischen Ideologien, den stetig
steigenden Umfragewerten einer teils gesichert rechtsextremen Partei, aber
auch der Übernahme ihrer Politiken bis in die Mitte? Diese Fragen werden
nicht nur im politischen Raum verhandelt, sondern auch in den Medien. Seit
Langem kämpfen deutsche Medien um einen angemessenen Umgang mit der AfD.
Der ist zuletzt durch soziale Medien und antidemokratische Agitatoren
komplexer geworden. Traditionsmedien bestimmen nicht mehr monolithisch
darüber, was berichtenswert ist und was nicht. War die öffentliche
Kommunikationsmatrix vor zehn Jahren noch im überschaubaren Wandel
begriffen, tummeln sich dort heute KI-Slop, staatliche Propaganda und
Bewegungen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.
Neben den Inhalten dieser Aufmerksamkeitskonkurrenten stellt auch der
Strukturwandel der Öffentlichkeit ein Medienproblem dar. Ausländische
Großkonzerne beschneiden durch Kommerzialisierung und Veralgorithmisierung
der Öffentlichkeit den journalistischen Kernauftrag: verschiedene Publika
zu erreichen, zu informieren und miteinander ins demokratische Gespräch zu
setzen. Das trifft auf ein themenbezogenes Medienmisstrauen sowie eine
zunehmende Nachrichten-, aber auch Weltmüdigkeit in der Bevölkerung.
All diese Grundbedingungen machen journalistische Medien relevanter denn
je, stellen sie aber auch vor umfassende Herausforderungen.
Herausforderungen, die nicht im Alleingang, sondern ausschließlich durch
gemeinsame Handarbeit und systemische Zusammenschlüsse vieler
Schlüsselakteure bewältigbar sind, trotz hohem Konkurrenzdruck und
überschaubarer Branchengröße.
## Die Rolle der Medien
In dieser Szenerie hat sich die Frage „Wie noch wirksam sein?“ als
Dauergast in Redaktionen etabliert. Die einen haben umwälzende Ideen,
kommen aber kaum damit durch. Andere verfallen in Aktionismus. Und dann
wäre da noch die große Fraktion des ewigen Weiter-so mit derselben
dysfunktionalen Programmatik, die sich bereits seit Jahren kontraproduktiv
erweist: der zum Scheitern verurteilte Versuch, Diskurszerstörer inhaltlich
zu stellen. [2][Die Arbeit mit Algorithmen und KI, die nicht immer
demokratiefest sind.] Oder auch die zunehmende Einbettung von als
„konservativ“ gelabelten populistischen und reaktionären Akteuren ins
Programm.
Was jedoch verhältnismäßig selten in den Mittelpunkt gerückt wird, ist die
Rolle deutscher Medien beim Erstarken des Faschismus. Bereits 2017
konstatierte Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez: „Die Resonanz des
Rechtspopulismus (ist) auch eine journalistische Konstruktion.“ Doch die
Mitverantwortung dieser Entwicklungen wird in Chefetagen selten die
gebotene Dringlichkeit zugewiesen. Da geht der Fingerzeig schnell in
Richtung Politik, richtet sich auf eine bestimmte Selektion von
Unzufriedenen oder verweist auf vermeintlich normale Pendelschläge
historischer Entwicklungen.
Zur Bestandsaufnahme gehört, dass das Narrativ der Neutralität und
Objektivität in deutschen Medien weiterhin mit einem Grad an Beharrlichkeit
umklammert wird, der in internationalen Fachdiskursen mit Befremden und
auch Belustigung wahrgenommen wird. Bereits 2014 forderte der Journalist
Jay Rosen, das Phantasma eines vermeintlich neutralen oder objektiven
Journalismus ad acta zu legen und stattdessen maximale Transparenz über die
eigene Position herzustellen.
## Mehr als „he said, she said“
Auch die zunehmende Verweigerung journalistischer Bewertung, insbesondere
in Teilen deutscher Nachrichtenmedien, belegt die Suchbewegung eines
Journalismus, der sich nicht mehr als machtkritische Infrastruktur
versteht, sondern als Wiedergabefenster politischer, wirtschaftlicher und
militärischer Aussendungen. Diese Praxis mag als temporärer Schutzschild
vor Angriffen oder zur Stabilisierung eigener Positionen dienen, schadet
aber dem Journalismus. Sie führt geradewegs in die Selbstabschaffung, kann
diese Form der Nacherzählung nach dem „He said, she said“-Skript doch
ebenso von einer KI umgesetzt werden.
Und über den aktiven Ausschluss bestimmter Themen, Personen und Inhalte
wurde zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gesprochen. Eine Praxis, die
Medienjournalist René Martens am vergangenen Montag [3][in der MDR-Kolumne
„Altpapier“] am konkreten Beispiel sichtbar macht: „Manchmal werden Fakten
der UN nicht einmal als ‚Meinungen‘ präsentiert, sondern gar nicht. Zum
aktuellen UN-Bericht zu gezielten Tötungen von Kindern in Gaza (…) findet
man zum Beispiel keine eigenständigen Meldungen bei tagesschau.de und
zdfheute.de.“ In internationalen Medien wird hingegen wall-to-wall
berichtet, Experten werden interviewt und die Rolle eigener Regierungen
debattiert.
Hinter diesen Praktiken leuchten in großen Lettern die zentralen Fragen
über das Selbstverständnis des Journalismus auf: Was bedeutet die aktuelle
mediale Topografie für eine Demokratie im Zielkreuz?
## Schluss mit „Weiter so“
Auf der diesjährigen re:publica hielt ich gemeinsam mit dem Professor
für Betriebswirtschaft Leonhard Dobusch einen Vortrag über „Ganz normale
Medien und ihr Beitrag zum Comeback des Faschismus“. In Abgrenzung zu
medialen Versagensmustern forderten wir einen Journalismus, der sich in
Gänze Menschenrechten und Machtkritik verschreibt und sich damit selbst
schützt in einer Zeit, in der er mehr denn je unter konzertierter Attacke
von außen und Unterminierung von innen steht. Von der Dauerproduktion von
Feindmarkierungen, Diffamierungen und Hasskampagnen gegen
Journalist*innen bis zum Einweben obrigkeitsstaatlicher Prinzipien wie
der Staatsräson in per se staatsferne Medien, wie [4][jüngst öffentlich
geschildert durch den Informationsdirektor des BR] im Rahmen einer
Podiumsdiskussion.
Die Zukunft gehört vor diesem Hintergrund jenen Medienschaffenden, die sich
journalism-as-usual verweigern. Die sich vorauseilendem Einknicken
verweigern und die Doppelstandards als berufstandsschädigend zurückweisen.
Die Medien stattdessen als wertschätzenden Austausch zwischen vielen
definieren. Und die auf dem festen Boden journalistischer Professionalität,
Integrität und Ethik der laufenden Faschisierung die Stirn bieten. Einige
nennen das „Aktivismus“, andere hingegen schlicht „Journalismus“.
Die Zukunft diskursiver Debatten gehört dabei aber auch jenen
nichtjournalistischen Akteuren, die ein humanistisch integeres
Selbstverständnis zur DNA ihrer täglichen Arbeit erheben. Die als
Einzelperson oder Kollektiv verengte Themenkorridore in legacy media
sichtbar machen. Die sich einer forscherisch belegten Orientierung an
politischen Elitendiskursen verweigern, den brain drain der Besten aus
Traditionsmedien auffangen und die verstehen, dass ein nach Orientierung
suchendes Publikum nicht mit Einbahnstraßenkommunikation zu gewinnen,
geschweige denn zu halten ist. Bereits jetzt zeichnet sich im
internationalen Raum ab, dass trennscharfe Grenzen in der Professionalität
beider Gruppen nicht mehr eindeutig greifen.
## Einheitliche leitmediale Blickrichtung
Die größte Herausforderung für machtkritische Journalist*innen und
Publizist*innen bleibt derweil, dass deutsche Leitmedien sich vor allem
gegenseitig referenzieren – in einem enggezirkelten Kreis, der nur eine
kleine Auswahl etablierter Medienmarken mit Vertrauenskapital umschließt.
Investigativleistungen neuer Publizisten oder kleinerer Medien, [5][wie
jüngst über KI-generierte Reden in der Politik], werden nicht registriert,
nicht berücksichtigt oder falls doch, immer wieder auch von ihrer medialen
Herkunft entkoppelt. Die leitmediale Blickrichtung folgt so eingespielten
Bahnen und schließt jene aus, die weniger Reichweite und Renommee
aufweisen. Der Effekt: Bestehendes wird stabilisiert. Wahre Pluralität
würde indes beinhalten, die eigens geschaffene Komfortzone nicht nur
auszuweiten, sondern von Zeit zu Zeit ganz zu hinterfragen.
Machtkritischen Medien bieten sich derweil abseits dieser Dynamiken
verschiedene Möglichkeiten, Qualitätsinhalte zu produzieren und an das
Publikum zu bringen. Angefangen von Finanzierungsmodellen durch Community
über die gegenseitige Sichtbarmachung im fairen Kampf um das bessere
Argument bis hin zur Etablierung medienübergreifender Debatten. Die
spannendsten Formate entstammen zunehmend Räumen, in denen ein Gleichklang
medialer Konsonanz durchbrochen wird, sich stattdessen neue Expert*innen
und Blickweisen entfalten können. Und in denen das wichtigste
Kulturinstrument des Homo sapiens zum Einsatz kommt: die Frage. Das
fragende Ringen um Fakten, um Erkenntnis – gemeinsam statt gegeneinander,
selbst wenn am Ende Dissens steht.
Denn nichts steht Populismus, Autoritarismus und Faschismus mehr entgegen
als ein humanistisches Nachfragen. Ein Nachfassen, das sich nicht
zufriedengibt mit völkischem Gedankengut und einfachen Feindbildern.
Der letzte Satz meiner pro-journalistischen Intervention schließt an diese
fragende Grundhaltung an und ist spiegelgleich zum letzten Satz des
re:publica-Vortrags. Er zelebriert ein universelles journalistisches
Prinzip und mahnt damit jene, die dagegen verstoßen, während es jene
validiert, die es einlösen. Der Satz ankert im Pressekodex, wurzelt im
Medienstaatsvertrag und bekennt sich damit unumstößlich zu Grundgesetz,
Völkerrecht und Menschenwürde. „Und das bringt uns zum journalistischen
Imperativ unserer Zeit: Journalismus ist antifaschistisch – oder er ist
kein Journalismus.“
6 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Der-Begriff-Faschismus/!6187401
(DIR) [2] /KI-und-Journalismus/!6188122
(DIR) [3] https://www.mdr.de/altpapier/das-altpapier-gaza-journalismus-palaestina-israel-100.html
(DIR) [4] https://jonpeaceman.substack.com/p/kas-event-zu-israel-und-%20medien-am)
(DIR) [5] https://fragdenstaat.de/artikel/exklusiv/2026/06/ich-trete-in-das-vermachtnis-eines-anspruchs/
## AUTOREN
(DIR) Nadia Zaboura
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Antifa
(DIR) Konstruktiver Journalismus
(DIR) Journalismus
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
(DIR) Schwerpunkt Pressefreiheit
(DIR) nord-kolumnen
(DIR) Die Linke
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) NSU-Aufklärung in Hamburg: Antifa hilft Bundesanwaltschaft auf die Sprünge
Hamburger Bündnis gegen Rechts veröffentlicht Akten, die die
Bundesanwaltschaft nicht herausrücken will. Dabei hängt davon die
Aufklärung ab.
(DIR) Debatte über Luigi Pantisano: Klassenkonferenz an der Problemschule
Im Bundestag soll sich die Linke für die „Faschismus“-Äußerungen ihres
Co-Chefs rechtfertigen. Ines Schwerdtner nutzt das zum Gegenangriff.