# taz.de -- Energiepolitik und Energiewende: Reiches Rollback nimmt Fahrt auf
> Die Wirtschaftsministerin will ihre Gesetze für eine neue Energiepolitik
> rasch durch den Bundestag bringen. Den Auftakt macht das neue
> Heizungsgesetz.
(IMG) Bild: Katherina Reiche (CDU) besucht ein LNG-Terminal in Wilhelmshaven
Auf der Fahrbahn vor [1][Katherina Reiches Bundeswirtschaftsministerium] an
der Berliner Chausseestraße geht es stadtauswärts nur noch in eine
Richtung: rechts ab. Den Weg geradeaus und die Abbiegespur der Gegenseite
versperrt eine große Baustelle.
Außer denen, die sowieso nach rechts wollen, sind alle verstimmt:
Autofahrende, die geradeaus wollen; Radfahrende und Fußgänger:innen
kommen sich auf dem schmalen Bürgersteigstreifen neben der Baustelle in die
Quere. So ähnlich ist es auch mit der Energiepolitik der Ministerin, die
hier im ehemaligen Gebäude des Vattenfall-Konzerns residiert. Fast alle
sind verärgert.
Anders als das schwedische Energieunternehmen macht sich Reiche nicht auf
den Weg in eine fossilfreie Zukunft. Im Gegenteil. Die Ministerin spricht
immer wieder von einer „Neuausrichtung“ der Energiewende, einer besseren
Steuerung, mehr Kosteneffizienz.
Ihre Instrumente: [2][die Entkernung des Heizungsgesetzes der Ampel], der
Bau einer immensen Gaskraftwerk-Infrastruktur, das Aus der Förderung von
Dachsolaranlagen oder schlechtere Finanzierungsbedingungen für Windräder.
Den einen Teil dieser Vorhaben will sie noch vor der Sommerpause durch den
Bundestag, den anderen immerhin durchs Kabinett bringen.
## Kritiker:innen sehen eine neofossile Agenda
In den Augen ihrer Kritiker:innen ist das eine neofossile Agenda, ein
massives Rollback. „Wir befinden uns in kritischen Wochen für die
Energiewende“, sagt der grüne Bundestagsabgeordnete Michael Kellner,
früherer Staatssekretär in Robert Habecks Wirtschaftsministerium. Er
fürchtet ein „brutales Ausbremsen“ der Energiewende, falls Reiche sich
tatsächlich durchsetzt. „Wichtige Jahre drohen verloren zu gehen“, sagt er.
Werden die Pläne der Ministerin Wirklichkeit, werde es nach ihrer Amtszeit
„viel Kraft brauchen, die Energiewende wieder flottzumachen“.
In der kommenden Woche geht ein wichtiges Projekt auf die Zielgerade: das
Gebäudemodernisierungsgesetz, mit dem das Heizungsgesetz der Ampel entkernt
wird. Noch vor der Sommerpause soll das hochumstrittene Gesetz durch den
Bundestag und den Bundesrat – wobei die Länderkammer es nicht blockieren
kann.
## Kritik und Prüfung juristischer Schritte
Der federführend von Reiche verantwortete Gesetzentwurf kassiert das
Ablaufdatum für Gas- und Ölheizungen, die nach jetziger Rechtslage
spätestens 2045 ihren Betrieb einstellen sollen. Dann will Deutschland
klimaneutral sein. Neue Gas- und Ölheizungen müssen allerdings zu
bestimmten Prozentsätzen mit sogenannten Biobrennstoffen betrieben werden.
Woher die erforderlichen Mengen kommen sollen, ist unklar. Die Industrie
fürchtet, dass durchs Verheizen Biobrennstoffe noch teurer werden, die für
die klimaneutrale Umstellung der Produktion erforderlich sind.
Nicht nur Umweltschützer:innen lehnen den Gesetzentwurf ab, auch
Sozial- und Mieter:innenverbände. Sie erwarten, dass die Kosten fürs Heizen
gerade für Mieter:innen enorm steigen werden. Vermieter:innen
bestimmen alleine über die Art der Heizung. Für sie ist der Einbau einer
Gasheizung vergleichsweise günstig, die hohen Betriebskosten müssen die
Mieter:innen tragen. Fachleute prognostizieren, dass die Gaspreise
aufgrund höherer Abgaben und der Marktentwicklung in den kommenden Jahren
stark steigen. Auch die vorgesehene Quote für Biobrennstoffe wird wegen der
Knappheit zu höheren Kosten führen. Vermietende sollen sich teilweise daran
beteiligen müssen, an den Ausgaben für Gas aber nicht.
Einen „roten Teppich für die Gaslobby durch die Vordertür“ sieht die
Linkspartei-Bundestagsabgeordnete Violetta Bock in Reiches Entwurf. Durch
den Weiterbetrieb fossiler Heizungen über 2045 hinaus werde das
Geschäftsmodell der Gasbranche erhalten – auf Kosten etwa von Mieter:innen.
Die Regierung sende das Signal: Macht einfach weiter wie bisher. „Sie
erklärt nicht, wie sie so die Klimaziele erreichen will, und legt keine
Berechnungen zu den Auswirkungen vor“, kritisiert sie.
## Staat darf Klimaschutzstandards nicht zurücknehmen
Möglicherweise reicht die Regierung das im Gesetzgebungsverfahren noch
nach. Wenn nicht, verletzt sie ihre Pflichten gegenüber den Abgeordneten.
„Wir prüfen sehr ernsthaft eine Klage“, sagt Bock. Auch an anderer Stelle
könnte das Bundesverfassungsgericht Probleme sehen. Dem sogenannten
Rückschrittsverbot zufolge darf der Staat einmal erreichte Standards im
Klimaschutz nicht zurücknehmen. Doch genau das geschieht, wenn Reiches
Entwurf unverändert durch den Bundestag geht, sagt die Abgeordnete.
Zahlreiche Verbände prüfen ebenfalls juristische Schritte. Nach einem neuen
Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags im Auftrag des
Grünen Michael Kellner wirft die Novelle verfassungsrechtliche Fragen auf.
Die haben auch manche aus Reiches eigenen Reihen. [3][Ein Kurzgutachten der
KlimaUnion,] eines Zusammenschlusses ökologisch orientierter
Christdemokrat:innen, stellt ebenfalls die verfassungsrechtliche
Zulässigkeit infrage.
20 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Katherina-Reiche/!t6100268
(DIR) [2] /Beschluss-des-Kabinetts/!6178818
(DIR) [3] https://table.media/assets/climate/kurzgutachten-gmodg.pdf
## AUTOREN
(DIR) Anja Krüger
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