# taz.de -- Historiker Moshe Zimmermann über Israel: „Deutschland kann Druck aufbauen“
       
       > Der Historiker Moshe Zimmermann kritisiert ein falsches Verständnis
       > deutscher Staatsräson gegenüber Israels Regierung. Er fordert mehr
       > Entschiedenheit.
       
 (IMG) Bild: Laut Zimmermann ist Israel damals falsch abgebogen: israelische Truppen beobachten vor dem Angriff 1967 die Altstadt von Jerusalem
       
       taz: Herr Zimmermann, Israel erobert gerade Teile des libanesischen
       Staatsgebiets. Mit welchem Ziel? 
       
       Moshe Zimmermann: Israel hat schon zwei Mal versucht, mit Militär die
       Hisbollah im Libanon auszuschalten. Am Ende hat sich das israelische
       Militär zurückgezogen. Es spricht viel dafür, dass es diesmal wieder so
       kommen wird. Auch diese militärische Aktion führt nicht zum Ziel:
       Sicherheit für die israelische Bevölkerung, vor allem im Norden des Landes
       
       taz: Netanjahu will die Hisbollah endgültig zerstören. Ist das realistisch? 
       
       Zimmermann: Netanjahus Ziel ist es, im Amt zu bleiben. Dem dient auch
       dieser Krieg. Die Hisbollah ist abhängig vom Iran und somit Teil des großen
       Konflikts zwischen den USA und dem Iran. Wenn es eine Lösung gibt, dann
       wird sie politisch bewirkt, nicht vom israelischen Militär. [1][Wenn dieser
       sinnlose Krieg weitergeht, wird er einen hohen Preis haben] – nicht nur
       tote israelische Soldaten und unter Hisbollah-Beschuss geratenen Israelis
       im Norden des Landes, sondern auch die Zerstörung des Südens des Libanon
       und ein systematischer Angriff gegen die Zivilbevölkerung, nicht nur gegen
       Hisbollah-Kämpfer.
       
       taz: Ist dieser Krieg völkerrechtswidrig? Und sollte Deutschland dagegen
       protestieren? 
       
       Zimmermann: Ja, meines Erachtens ist er völkerrechtswidrig, so wie auch die
       Attacken der Hisbollah auf den Norden Israels völkerrechtswidrig sind. Die
       deutsche Regierung sollte gegen diesen Krieg vor allem protestieren, weil
       er keine Befriedung bringen wird. Zudem ist die blinde Unterstützung für
       Israels Vorgehen nachteilig für Deutschland, wie man bei der gescheiterten
       Bewerbung um einen Sitz im Sicherheitsrat sieht.
       
       taz: Wie sollte Deutschland denn gegenüber Israel auftreten? 
       
       Zimmermann: Entschiedener. Die israelische Regierung muss verstehen, dass
       sie etwas zu verlieren hat.
       
       taz: Sollte Deutschland keine Waffen mehr an Israel liefern? 
       
       Zimmermann: Das ist eher marginal. Israel bezieht die Waffen hauptsächlich
       aus den USA und produziert sie selbst.
       
       taz: Was sollte Deutschland dann tun? 
       
       Zimmermann: Deutschland kann Druck aufbauen, um Verhandlungen zwischen
       Israel und den Palästinensern zu ermöglichen. Das muss die Richtlinie
       deutscher Politik sein. Und das kann sie nur sein, wenn Deutschland nicht
       aus einer falschen verstandenen Deutung der Jahre 1933 bis 1945 und einer
       falsch verstandenen Staatsräson [2][die israelische Regierung schonen
       will].
       
       taz: Hat Deutschland, hat Europa überhaupt Einfluss auf Netanjahu? 
       
       Zimmermann: In Maßen ja. Der Handel mit der EU ist wichtig für die
       israelische Wirtschaft. Deutschland gibt viel Geld für die Palästinenser
       aus, das entlastet auch Israel. Politisch hat Europa beim
       Iran-Atom-Abkommen 2015 eine zentrale Rolle gespielt …
       
       taz: … das Trump zerstört hat … 
       
       Zimmermann: … ja, aber trotzdem hat das Iranabkommen gezeigt, dass Europa
       ein Mitspieler sein kann, wenn es einig und mit einer klaren Agenda
       auftritt. Die EU muss bereit sein, Risiken einzugehen, um Israel zur Räson
       zu bringen.
       
       taz: Etwa mit Wirtschaftssanktionen und der Aussetzung des
       EU-Israel-Assoziierungsabkommens? 
       
       Zimmermann: Sanktionen müssen gut überlegt sein und sollten möglichst nicht
       alle treffen, sondern Unterstützer der Siedlungspolitik.
       
       taz: Die Diskussion um weitreichende Sanktionen gegen Israel wird in
       Deutschland regelmäßig mit dem Argument beendet, dass dies an die
       Nazi-Politik „Kauft nicht bei Juden“ erinnert. 
       
       Zimmermann: Das ist eine Gleichsetzung, die zeigt, dass man auch das
       Falsche aus der Geschichte lernen kann. Als am 1. April 1933 jüdische
       Geschäfte boykottiert wurden, gab es auch einen Boykott von Juden in aller
       Welt gegen Deutschland. Der Boykott der NS-Regierung gegen eigene Bürger
       war durch nichts zu rechtfertigen, der internationale Boykott gegen
       Deutschland sehr wohl, weil er dazu diente, auf die Zerstörung der
       Menschenrechte in Deutschland 1933 hinzuweisen. Es gibt legitime und nicht
       legitime Sanktionen und Boykotte. Druck auf die israelische Regierung
       auszuüben, um Frieden zu befördern, ist legitim.
       
       taz: Dennoch: Wer wirksame Sanktionen oder Maßnahmen gegen Israel fordert,
       hört oft den Vorwurf, das sei verkleideter Antisemitismus. Leuchtet Ihnen
       das ein? 
       
       Zimmermann: Nein, nicht unbedingt. Das sind Floskeln, die oft benutzt
       werden, um die israelische Regierung vor Kritik zu schützen. In dieser
       Sicht bedeutet Staatsräson die Pflicht, Waffen an Israel zu liefern, und
       Kritik an dem Krieg in Gaza, im Libanon, im Westjordanland abzuwehren. Ich
       halte das für eine falsche Interpretation des Begriffs Staatsräson. Auch
       bringt dies das Risiko mit sich, dass die Öffentlichkeit und Wähler
       irgendwann eine radikale Wende um 180 Grad fordern könnten, die das Ende
       Israels einschließt. Das ist nichts, was ich mir wünsche.
       
       taz: Boykottieren Sie Waren aus dem Golan und den illegal besetzten
       Gebieten im Westjordanland? 
       
       Zimmermann: Ich kaufe keine Produkte, die von Siedlern auf dem Golan oder
       in den besetzten Gebieten stammen. Das ist kein Verrat an meinem Volk,
       sondern ein Akt staatsbürgerlicher Anständigkeit.
       
       taz: Wie steht es um die Demokratie in Israel? 
       
       Zimmermann: Schlecht! Die rechtsextreme Regierung in Israel betreibt in den
       besetzten Gebieten eine Politik der Verachtung der Menschenwürde und des
       internationalen Rechts. Und sie ist dabei, die Grundlagen der
       freiheitlichen Demokratie im Kernland Israel zu zerstören. Deutschland
       sollte, auch aus historischer Verantwortung, die Kräfte unterstützen, die
       für die freiheitliche Demokratie stehen, auch in Israel.
       
       taz: Netanjahu zerstört die Demokratie in Israel? 
       
       Zimmermann: Eindeutig ja. Die Knesset soll mit einer numerischen Mehrheit
       alles entscheiden können, ohne Grenzen durch Justiz, Recht oder eine
       Verfassung. Die Regierung schüchtert Medien ein und grenzt arabische
       Israelis aus. Israel ist schon lange eine Art Avantgarde der globalen
       Entwicklung Richtung Abschaffung der freiheitlichen Demokratie.
       
       taz: Viktor Orbán hat in Ungarn Medien und Justiz gleichgeschaltet – und
       wurde trotzdem abgewählt. Der Autoritarismus ist also, solange es Wahlen
       gibt, umkehrbar. Ist das keine gute Nachricht für Israel? 
       
       Zimmermann: Ich fürchte nein. Wenn Israel in der EU wäre, hätten wir
       größerer Chancen die antidemokratische Transformation zu stoppen. Die
       EU-Sanktionen gegen Orbán hatten ja Wirkungen. Man sollte nicht zu
       optimistisch sein. Trotz aller Freude über die Wahl in Ungarn müssen wir
       abwarten, ob die Re-Demokratisierung dort gelingt. In Polen wurde die PiS
       abgewählt, aber seit der Wahl des rechten Präsidenten sind die Reformen,
       die die Gewaltenteilung wiederherstellen sollen, zum Stillstand gekommen.
       Insofern zeigen Polen und Ungarn, dass wir die Zerstörung der Demokratie in
       Israel jetzt stoppen sollten und nicht warten, dass alles noch schlimmer
       wird. Zudem geben die USA, die die israelische Rechte früher
       zurückgepfiffen haben, ihr unter Trump freie Hand und nicht nur in der
       Außenpolitik.
       
       taz: Für Netanjahu soll Israel ein modernes Sparta sein … 
       
       Zimmermann: … ein Super-Sparta, das militärisch stärker ist als alle Feinde
       – und fast die ganze Welt zum Feind hat. Dafür soll dieser Sparta-Staat
       wirtschaftlich autark sein.
       
       taz: Hat das noch etwas mit dem zionistischen Projekt Israel zu tun? 
       
       Zimmermann: Ich hoffe, dass das zionistische Projekt, so wie es konzipiert
       war, als Ausdruck des jüdischen Anspruchs auf nationale Selbstbestimmung,
       wiederbelebbar ist. Aber man muss skeptisch sein. Nationalismus und
       Rassismus gibt es nicht erst, seitdem Rechtsextreme in der israelischen
       Regierung sind. Das ist das Ergebnis eines langen Prozesses.
       
       taz: Ist dieses Antidemokratische und Rassistische aus der zionistischen
       Idee entstanden – oder ist es eine Deformation dieser Idee? 
       
       Zimmermann: Auf diese Frage gibt es nur eine dialektische Antwort. Der
       Zionismus war von Beginn an der Name der jüdischen Nationalbewegung, die
       wie die anderen Nationalbewegungen im Kern diesen Webfehler von Anfang an
       in sich trug. Andererseits waren diese Webfehler nicht dominant. Ich bin
       ein Schüler des Historikers Jacob Talmon, der diese Dialektik in seinem
       Buch „Die Ursprünge der totalitären Demokratie“ aufgezeigt hat. Die
       Französische Revolution schuf die freiheitliche Demokratie, aber auch den
       Terror, die totalitäre Demokratie. Vergleichbare Widersprüche gibt es auch
       im Zionismus – einerseits jene, die die Verständigung mit den Arabern
       gesucht haben, und andererseits die, die Konfrontation mit den Arabern
       suchten. Die Stimme der Erstgenannten wurde schon vor der Gründung Israels
       schwächer. Danach hat der Zionismus vornehmlich auf Waffen und Macht
       gesetzt.
       
       taz: Der Historiker Tom Segev hat gesagt: Israel ist falsch abgebogen, als
       es 1967 das Westjordanland und Ostjerusalem nicht wieder geräumt hat. Sehen
       Sie das auch so? 
       
       Zimmermann: Ja, das war ein entscheidender Wendepunkt in die falsche
       Richtung. Israel hatte damals auch den Sinai erobert, dort Siedlungen
       gebaut, aber dann den Sinai ohne allzu tiefe mentale Schäden geräumt. Das
       Westjordanland hat Israel hingegen schrittweise annektiert, weil es zu der
       religiösen und romantischen Idee des ganzen Israel zählt. Weil sich Israel
       „from the river to the sea“ erstrecken soll.
       
       taz: Es gab einen [3][Beschluss der niedersächsischen Linkspartei], die den
       Zionismus „als einen wesentlichen Hinderungsgrund für eine friedliche
       Zukunft für alle Menschen in der Region“ und in Gänze verurteilt. Halten
       Sie das für den Ausdruck eines neuen Antisemitismus in Deutschland? 
       
       Zimmermann: Der Beschluss beruht auf Ignoranz. Was mit Zionismus
       ursprünglich gemeint war, habe ich gerade erklärt. Wenn man nur Juden das
       Recht auf nationale Selbstbestimmung verweigert, ist man im Bereich des
       Antisemitismus angekommen. Gleichzeitig muss ich als
       Antisemitismus-Historiker bedauerlicherweise feststellen, dass zu viele
       Benutzer dieses Begriffs nicht wissen, ihn richtig zu definieren. Auch muss
       ich feststellen, dass Israels Politik dazu beiträgt, dass sich
       antiisraelische Attitüden entwickeln, in die sich antisemitische Elemente
       mischen. Umgekehrt weiten die israelische Botschaft und der Zentralrat der
       Juden den Vorwurf Antisemitismus auf alles aus, was negativ über Israel
       gesagt wird. Bei beidem hilft nur Aufklärung.
       
       taz: Das israelische Holocaustmuseum Yad Vashem will die Deutschen mit zwei
       Filialen in München und Leipzig über den Holocaust aufklären. Ist das eine
       gute Idee? 
       
       Zimmermann: Yad Vashem ist eine israelische Institution. In München soll
       die Filiale von Yad Vashem unweit vom Dokumentationszentrum NS-Geschichte
       eröffnet werden. Das ist nicht nur absurd, sondern auch kontraproduktiv.
       Der Oberlehrer aus Israel zeigt den Deutschen mit erhobenem Zeigefinger,
       wie man sich an diese Geschichte zu erinnern hat. Die Erinnerungsarbeit der
       Deutschen muss von Deutschen betrieben werden. Yad Vashem in Jerusalem
       kann, wie bisher, als Ratgeber fungieren. Yad Vashem auf deutschem Boden
       ist fehl am Platz, wenn nicht kontraproduktiv.
       
       7 Jun 2026
       
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