# taz.de -- Comedian über Nahostkonflikt-Witze: „Auch Satire hat ihre Grenzen“
> Der Comedian Bassem Youssef wurde durch seine Witze über die westliche
> Haltung gegenüber Israel weltbekannt. Am Donnerstag tritt er in Berlin
> auf.
(IMG) Bild: Kann auch über sich selbst lachen: Bassem Youssef bei einem Auftritt
taz: Herr Youssef, Ihr [1][hitziges Gespräch mit dem konservativen
britischen Moderator Piers Morgan], in dem Sie sich über seine Sicht auf
Israels Krieg in Gaza lustig gemacht haben, wurde seit Oktober 2023 mehr
als 23 Millionen Mal angeschaut. Warum, glauben Sie, hat es so [2][einen
Nerv getroffen]?
Bassem Youssef: Weil wir uns über die offizielle Darstellung und die
Propaganda lustig machen. Ich glaube, viele Leute haben da erst richtig
erkannt, wie sehr die westlichen Medien tatsächlich von Propaganda
durchdrungen sind. Die westlichen Medien unterscheiden sich nicht von der
Propaganda in den staatlich kontrollierten Medien in der arabischen Welt.
taz: Finden Sie?
Youssef: Ich glaube, die Medien in Europa und Amerika sind sogar noch
schlimmer. Und sie haben die Verbrechen eines bestimmten Landes vertuscht,
bei dessen bloßer Erwähnung man offensichtlich Ärger bekommen kann. Es ist
sehr interessant zu sehen, wie die Leute, die sich mit ihrer
Meinungsfreiheit brüsten, bei bestimmten Themen in Wirklichkeit überhaupt
[3][keine Meinungsfreiheit zulassen].
taz: Ist das nicht zu pauschal?
Youssef: Ich glaube, es ist sogar noch untertrieben. Ich meine, sehen Sie
sich Ihren Bundeskanzler an, sehen Sie sich ihre Regierung an – sie können
nicht darüber sprechen, was gerade in Gaza passiert. Sie können es nicht
als Völkermord bezeichnen, und sie können ein bestimmtes Land nicht
kritisieren.
taz: Sie verdanken Ihren weltweiten Erfolg auch Ihrer [4][scharfen Kritik
an Israel]. Ist das nicht eine Masche?
Youssef: Was meinen Sie mit „Masche“?
taz: Nun, Sie reiten schon ganz schön darauf herum, nicht?
Youssef: Finden Sie? Fänden Sie es besser, wenn ich mich über Deutschland
lustig mache? Oder meinen Sie, ich würde das übertreiben oder nur
vortäuschen? Die Tatsache ist: Wenn man ein Land nicht kritisieren darf,
dann werden die Leute es trotzdem tun. Und wenn man die Leute unter Druck
setzt und ihnen Angst macht, damit sie es nicht tun, werden sie es
ebenfalls weiter tun. Der Witz ist also eigentlich die Tatsache, dass es
andere nicht tun.
taz: Sie treten auf ihrer aktuellen Tour in großen Hallen wie der Royal
Albert Hall in London auf. Pro-Israel-Gruppen dort haben die britische
Außenministerin nun aufgefordert, Ihnen die Einreise zu verweigern. Wurden
Sie schon mal gecancelt?
Youssef: Nicht vom Publikum, aber von Organisationen, die offensichtlich
Angst haben. Und ich finde es schon komisch, dass [5][Comedy-Shows in
manchen Ländern abgesetzt werden können], nur weil man bestimmte Themen
anspricht. Das zeigt einem, wie viel Meinungsfreiheit es in diesen Ländern
gibt.
taz: Wurden schon Veranstaltungen mit Ihnen verhindert?
Youssef: Ja. Aus rechtlichen Gründen kann ich weder die Länder noch die
Veranstaltungsorte nennen. Aber wir mussten entweder den Veranstaltungsort
wechseln oder die Show ganz absagen.
[6][taz: Israels Minister für Diaspora-Angelegenheiten, Amichai Chikli,]
hat Sie auf eine Liste der gefährlichsten Antizionisten gesetzt, zusammen
mit Greta Thunberg. Sie haben gewitzelt, das sei eine Abschussliste und man
solle ihre Show besuchen, solange sie noch da sind. Sind solche
Anfeindungen letztlich Werbung für Sie?
Youssef: Ich weiß nicht. Vielleicht ist es Werbung für Greta Thunberg und
die anderen auf dieser Liste. Aber es ist traurig, das so zu betrachten,
und dass eine so schwerwiegende Anschuldigung wie Antisemitismus [7][von
der israelischen Regierung dazu benutzt wird, um sie als Waffe gegen
Menschen einzusetzen]. Ich betrachte es also nicht als Werbung. Ich finde
das sehr traurig.
taz: Das heißt, der Vorwurf des Antisemitismus macht Ihnen etwas aus?
Youssef: Nein, nicht mehr. Ich glaube, dass der Vorwurf missbraucht und
dadurch entwertet wurde. Und ich glaube, dass das den Menschen, die
tatsächlich von Antisemitismus betroffen sind, schadet – und auch die
Tatsache, dass die israelische Regierung das als Mittel einsetzt, um Druck
auszuüben und die Meinungsfreiheit einzuschränken. Das ist es, was wirklich
wehtut.
taz: Wo verläuft für Sie die [8][Grenze zwischen Kritik an Israel und
Antisemitismus]?
Youssef: Das ist doch ganz offensichtlich. Ich meine, es gibt doch einen
großen Unterschied zwischen Kritik an einer Regierung und an Leuten, die
behaupten, im Namen des Judentums zu sprechen – und auf der anderen Seite
an jüdischen Menschen, die selbst darunter leiden. Das Problem ist, dass
manche Leute sehr viel Zeit und Energie aufwenden, um zu versuchen, beides
miteinander zu vermischen.
taz: Gibt es Dinge, über die Sie keine Witze machen würden?
Youssef: Man kann über alles Witze machen, aber es kommt darauf an, wie man
darüber scherzt. Es geht darum, ein Gespür für die Stimmung zu haben und
den Raum zu lesen, in dem man auftritt. Jeder hat seine eigenen Grenzen und
jeder hat seine eigene Art. Und letztlich wollen wir ja, dass die Leute
Spaß haben, und sie nicht vor den Kopf stoßen.
taz: Also hat auch Satire ihre Grenzen?
Youssef: Ja. Ganz klar. Hundert Prozent.
taz: Sie haben Ägypten 2014 in Richtung USA verlassen, weil Sie [9][durch
Ägyptens Militärregime verfolgt] wurden. Nun sind Sie nach über einem
Jahrzehnt ins ägyptische Fernsehen zurückgekehrt. Was hat sich geändert?
Youssef: Es scheint, als hätte sich die Lage etwas entspannt. Und ich
glaube, wir haben im Moment einen gemeinsamen Feind, der sich in der Region
wie ein Tyrann verhält. Deshalb denke ich, dass es vielleicht an der Zeit
ist, dass sich die Menschen gegen diesen gemeinsamen Feind
zusammenschließen. Ich meine, [10][welche Probleme ich auch immer mit der
ägyptischen Regierung hatte] – das ist jetzt zwölf Jahre her. Ich habe
heute ein anderes Leben. Also nehme ich das nicht mehr so schwer wie
früher. Die Dinge ändern sich eben.
taz: Ist es schwer, in diesen Zeiten seinen Humor zu bewahren?
Youssef: Ja, leider. Aber was sollen wir anderes tun?
taz: Denken Sie manchmal daran, aufzugeben?
Youssef: Ja. Oft. Aber wir müssen weitermachen.
9 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=4idQbwsvtUo
(DIR) [2] /Aegyptischer-Comedian-Bassem-Youssef/!6001804
(DIR) [3] /Meinungsfreiheit-in-Deutschland/!6177455
(DIR) [4] /Aegyptischer-Comedian-Bassem-Youssef/!6001804
(DIR) [5] /Abgesetzter-US-Talker-Jimmy-Kimmel/!6110533
(DIR) [6] /Deutsch-israelische-Konferenz/!5989743
(DIR) [7] /Konferenz-in-Jerusalem/!6074544
(DIR) [8] /Antisemitismus-in-Deutschland/!6016479
(DIR) [9] /Aegyptischer-Satiriker-hoert-auf/!5038292
(DIR) [10] /TV-Show-aus-dem-Programm-genommen/!5055760
## AUTOREN
(DIR) Daniel Bax
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Nahost-Debatten
(DIR) Gaza-Krieg
(DIR) Ägypten
(DIR) USA
(DIR) Humor
(DIR) Comedy
(DIR) Satire
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Comedy
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Historiker Moshe Zimmermann über Israel: „Deutschland kann Druck aufbauen“
Der Historiker Moshe Zimmermann kritisiert ein falsches Verständnis
deutscher Staatsräson gegenüber Israels Regierung. Er fordert mehr
Entschiedenheit.
(DIR) Letzte Folge „The Late Show“ mit Colbert: Der Witz zieht nicht mehr
„The Late Show“ mit Stephen Colbert endet nach 10 Jahren. Satiresendungen
funktionieren nicht mehr – die Realität trifft längst härter als Pointen.
(DIR) Comedienne Parshad Esmaeil: „Ich bin laut, ich bin viel, ich bin aktiv“
Comedienne Parshad Esmaeili wurde online bekannt und hat heute eine eigene
TV-Show. Ein Gespräch über ihre Kindheit, Frauen in der Szene und Hessisch.