# taz.de -- Jüdische Siedler zu Einmarsch in Libanon: „Das Land wurde uns verheißen“
> Während Israels Armee in Libanon vorrückt, träumen radikale jüdische
> Siedler davon, sich dort niederzulassen. Aus der Politik spüren sie
> Rückenwind.
(IMG) Bild: Israelische Siedler im völkerrechswidrig besetzten Jordantal vergnügen sich im Wasser
Von einem Berg nahe der jüdischen Siedlung Karnei Schomron im von Israel
besetzten Westjordanland aus blickt die Israelin Anna Sloutskin in die
Ferne. Die Nachrichten vom [1][Vorrücken der israelischen Armee im Süden
Libanons] lassen den Traum der 37-Jährigen von einem Leben in diesem Gebiet
aufleben – und damit ist sie nicht allein.
Die von ihr mitgegründete [2][Gruppe „Uri Tzafon“ („Wach auf, Nordwind!“)]
habe zuletzt stark an Mitgliedern gewonnen, sagt die Biologin, und umfasse
heute Dutzende Familien. Sie gehen davon aus, dass sich die israelische
Nordgrenze bis mindestens zum Fluss Litani im Süden Libanons erstrecken
müsste – und damit etwa 30 Kilometer weiter nördlich als völkerrechtlich
festgelegt. Ziel der Gruppe ist der Bau von jüdischen Siedlungen auf dem
Stück Land, das zu Libanon gehört.
Dort hat die israelische Armee in ihrem Kampf gegen die proiranische
Hisbollahmiliz in Libanon bereits eine Pufferzone eingerichtet, um den
Norden Israels vor Angriffen der Hisbollah zu schützen. Trotz einer
[3][Waffenruhe mit der libanesischen Regierung in Beirut] – die von der
Hisbollah abgelehnt wird – greift die israelische Armee dort massiv an und
zerstört viele Häuser. Eine Million Libanesen mussten wegen israelischer
Angriffe in ihrem Land bereits flüchten.
## Landkarten weisen den Weg
„Die Idee ist, dass der Großteil der Bevölkerung flieht, wir verschieben
die Grenze und wir lassen diese Menschen nicht zurückkehren. Das Land wird
dann per Erklärung ein Teil des Staates Israel“, erläutert Sloutskin die
Pläne ihrer Bewegung. Ihre Siedlung Karnei Schomron liegt [4][im Norden des
Westjordanlandes, das völkerrechtlich gesehen palästinensisches Gebiet
ist], aber von Israel militärisch besetzt wird. Die israelischen Siedlungen
dort werden von der UNO als völkerrechtswidrig eingestuft. [5][Die
jüdischen Siedler] stört das nicht. Im Süden Libanons wollen sie ähnlich
vorgehen.
In einer Whatsapp-Gruppe mit mehr als 600 Mitgliedern tauscht Sloutskin mit
Gleichgesinnten Einladungen zu Treffen und Landkarten aus, die angebliche
alte jüdische Siedlungen in Libanon zeigen. Auf Telegram hat die Gruppe
mehr als 900 Follower.
Das gegenwärtige Vorrücken der israelischen Armee in Libanon stimmt
Sloutskin euphorisch. „Die Armee geht hinein, erobert und räumt auf“, sagt
die Siedlerin. „Danach dürfen wir uns nicht zurückziehen, sondern uns dort
niederlassen“, fügt sie hinzu.
## Ein Siedlungsaktivist aus den USA
Die israelische Regierung baut zwar die Siedlungen im besetzten
Westjordanland aus. Außerdem [6][fordern die rechtsextremen Minister im
Kabinett] von Regierungschef Benjamin Netanjahu immer wieder [7][eine
Annexion des Palästinensergebiets]. Doch weder die Armee noch die Regierung
haben bislang eine Besiedelung Libanons als Ziel ausgegeben.
Ori Plasse bedauert das. Er arbeitet als Saisonarbeiter in der
Landwirtschaft, stammt aus den USA, wohnt in Nordisrael und hat sich
bereits an Siedlungsaktivitäten im Westjordanland und im Gazastreifen
beteiligt. Bei Uri Tzafon war der 51-Jährige von Anfang an dabei.
Zusammen mit einem weiteren Siedlungsaktivisten fuhr er vor rund anderthalb
Jahren illegal über die Grenze nach Libanon. Seine Absicht sei gewesen,
Bäume zu pflanzen und „etwas zu starten, das an Dynamik gewinnt“, sagt er.
Zwar sei er wenig später von israelischen Soldaten zurückgebracht worden,
die Erfahrung sei aber „erstaunlich“ gewesen. „Du fühlst dich wie zu Hause.
Du hast das Gefühl, dass es dein Land ist“, schwärmt Plasse.
## Traum aus dem Alten Testament
In seinem Garten öffnet er voller Begeisterung einen alten Schiffscontainer
mit Ausrüstung für den Siedlungsbau. Unter den Matratzen und Plastikplanen
ist auch ein Buch mit Landkarten, auf denen sich das alte, biblische Israel
vom heutigen Ägypten bis Irak erstreckt. „Jeder, der sich mit dem Alten
Testament beschäftigt, sollte wissen, dass uns das Land Israel vom Nil bis
zum Euphrat verheißen ist“, sagt Plasse.
Vor den in diesem Jahr [8][anstehenden Parlamentswahlen in Israel] hoffen
die radikalen Siedler auf weiteren Aufwind für ihre Bewegung und auf
Unterstützung durch Politiker für ihre Bewegung Uri Tzafon, auch wenn die
Unterstützung laut Plasse bisher nur „vage“ sei. Sloutskin zufolge genieße
ihre Gruppe aber die Unterstützung vieler Parlamentarier und sogar von
Ministern. „Manche sagen es offen, manche sagen es still und leise, aber es
gibt definitiv Unterstützung.“
Der Traum der Besiedlung Libanons ist am ultranationalistischen Rand der
israelischen Gesellschaft vertreten. Aber Sloutskin und Plasse sind sich
sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die Idee ausbreitet.
„Letztlich müssen es die Leute wollen“, sagt Sloutskin. „Das Volk muss
vorangehen.“ (afp)
1 Jun 2026
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