# taz.de -- Wahlen in Lateinamerika: Links vor rechts
> Kolumbien wählt am Sonntag einen neuen Präsidenten. Der progressive Iván
> Cepeda liegt in Umfragen vorn. Auch in den Nachbarländern dürfen Linke
> hoffen.
(IMG) Bild: Myriam Bregman, Spitzenkandidatin der argentinischen Linken, bei der Mai-Kundgebung auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires
Kolumbien: Drei Wege, ein Land
Am 31. Mai wählen 41 Millionen Kolumbianer*innen, wer künftig ihr Land
regieren wird. Drei der 13 Kandidat*innen haben die größten Chancen. In
den zuletzt veröffentlichten Umfragen liegt weiter Iván Cepeda vorn, der
linke Senator der Regierungskoalition Pacto Histórico. Jedoch mit
unterschiedlichem Abstand zu seinen Konkurrent*innen. Und dieser Abstand
schmolz zuletzt.
Auf Cepeda folgen in allen Umfragen mittlerweile [1][der ultrarechte
Outsider-Kandidat Abelardo de la Espriella] (Defensores de la Patria) und
die extremrechte Paloma Valencia (Centro Democrático). Der Abstand zwischen
ihnen variiert je nach Umfrage aber beachtlich.
Der 63-jährige Cepeda will die Politik des Pacto Histórico und des
Präsidenten Gustavo Petro fortführen. Petro gewann 2022 als erster Linker
die Präsidentschaftswahlen und versuchte sich an einer Politik des „totalen
Friedens“. Im kriegsgeprägten Kolumbien begann seine Regierung, dafür mit
allen verbliebenen bewaffneten Gruppen gleichzeitig Gespräche zu führen.
Doch die nutzten das Chaos dieses Prozesses aus, um in der Fläche und
personell zu wachsen.
Obwohl diese Friedenstaktik des Pacto Histórico heute als gescheitert gilt,
will Cepeda sie fortführen. Zudem strebt er Sozialreformen an, weil er in
Armut und Ungleichheit die Hauptgründe für die nicht endende Gewalt im Land
sieht. Daneben will er gegen Korruption vorgehen, Agrarreformen und die
Energiewende voranbringen.
Cepeda ist Menschenrechtsverteidiger, Philosoph und setzt sich als
Politiker schon seit Jahrzehnten für Frieden, die Aufklärung staatlicher
Verbrechen und deren Opfer ein. Deshalb ist Ex-Präsident Álvaro Uribe, der
Mentor der rechten Kandidatin Paloma Valencia, seit Jahren dessen
schärfster Gegner.
Unter Uribes Regierung begingen staatliche Sicherheitskräfte zahlreiche
Menschenrechtsverbrechen, teils in Zusammenarbeit mit Paramilitärs. Cepedas
Vater, der kommunistische Senator Manuel Cepeda, wurde schon in den 1990ern
ermordet. Dessen Partei Unión Patriótica und ihre Anhänger*innen wurden
systematisch vom Staat und seinen paramilitärischen Komplizen ausgerottet.
Zu diesem Urteil kam der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte.
Mehr als 6.000 Menschen fielen dieser Verfolgung zum Opfer.
Paloma Valencia firmiert auf vielen Wahlplakaten einfach nur als „die von
Uribe“. Sie setzt auf eine modernisierte Neuauflage der Politik ihres
Ziehvaters: keine Gespräche mit bewaffneten Gruppen, sondern harte Hand.
Sie bekämpft das historische Friedensabkommen zwischen Staat und
Farc-Guerilla sowie das Sondergericht für den Frieden, das nicht nur
Guerilleros, sondern auch staatliche Sicherheitskräfte verurteilt.
Den Kampf gegen die Drogen will Valencia mit US-Unterstützung
wiederbeleben. Und sie will, obwohl sie Kolumbiens erste Präsidentin werden
könnte, explizit keine Feministin sein. Sie ist gegen Abtreibung und auch
sonst konservativ, katholisch.
Noch weiter rechts als Valencia steht Outsider-Kandidat Abelardo de la
Espriella. Der Unternehmer und Anwalt glänzt mit Sexismus und attackiert
die Presse. Der selbstbenannte „Tiger“ möchte eine kolumbianische Version
von El Salvadors Diktator Nayib Bukele, Argentiniens
rechtspopulistisch-libertärem Javier Milei und US-Präsident Donald Trump
sein. Er setzt auf eine Mischung aus Patriotismus und religiösem
Personenkult, verspricht der Wählerschaft Sicherheit, Mega-Gefängnisse und
Militarisierung.
Die Stichwahl am 21. Juni scheint unausweichlich – voraussichtlich wird
kein*e Kandidat*in die nötigen 50 Prozent erreichen. Kolumbien steht
vor einer Richtungsentscheidung: für die Fortsetzung des progressiven
Projekts, für die harte Hand der alten Rechten oder für den populistischen
Aufsteiger von ganz rechts außen. (Katharina Wojczenko)
Peru: Zwischen Diktatorentochter und Castillo-Erbe
Am 7. Juni werden die Peruaner*innen entscheiden, ob Keiko Fujimori
oder Roberto Sánchez ihr Land regieren wird. Es ist eine Neuauflage der
Wahlen von 2021. Damals standen sich der linke Dorfschullehrer Pedro
Castillo und die Diktatorentochter Keiko Fujimori gegenüber. Castillo
gewann knapp und regierte mehr schlecht als recht eineinhalb Jahre, bevor
er nach einem Putschversuch vom Kongress abgesetzt wurde. Seitdem verbüßt
Castillo eine Gefängnisstrafe.
Roberto Sánchez war Abgeordneter und Außenhandelsminister unter Castillo.
Mit dem Segen Castillos und dessen Bauernhut versehen, sammelte er – obwohl
selbst Städter von der Küste – die Stimmen im indigen geprägten Süden Perus
ein, wo Castillo seine Hauptbasis hat.
Fujimoris Basis ist das städtische Peru an der Küste und im Amazonasgebiet.
Sie steht in der Tradition ihres Vaters Alberto Fujimori, der 1993 den
Neoliberalismus in der peruanischen Verfassung verankerte.
Sánchez möchte die staatliche Kontrolle über die Rohstoffe – Perus
wichtigste Einnahmequelle – zurückgewinnen, höhere Unternehmenssteuern und
eine neue Verfassung schreiben lassen. Als erste Amtshandlung will er
jedoch Pedro Castillo freisprechen.
Da [2][im ersten Wahlgang 36 Kandidaten] antraten, reichten Fujimori und
Sanchez zusammen 29 Prozent aller Stimmen, um in die Stichwahl zu kommen.
Die anderen 71 Prozent der wahlberechtigten Peruaner*innen müssen sich
jetzt also für einen Kandidaten entscheiden, den sie unter anderen
Umständen nicht wählen würden.
Fujimori hat zwar eingefleischte Anhänger, selbst in städtischen
Armenvierteln, aber auch erbitterte Gegner bis ins bürgerliche Lager. All
jene, die die Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Gleichschaltung
der Institutionen unter Alberto Fujimori nicht vergessen haben.
Sánchez entfacht außerhalb seiner Stammwählerschaft – anders als Castillo
2021 – keine große Begeisterung. Zu erratisch war die kurze Regierung
Castillos und zu traumatisch die letzten vier Jahre unter seinen
Nachfolgern: Ein Massaker von Polizei und Armee an 50 Demonstranten, der
Vormarsch der organisierten Kriminalität, drei Präsidentenwechsel mit den
dazugehörigen Personalrotationen in den Ministerien, die Zerstörung weiter
Landstriche durch illegale Goldgräber und Holzfäller.
Trotz Wirtschaftswachstum dank Rohstoffboom sind die Armutszahlen in Peru
zuletzt weiter angestiegen. Was das Land noch zusammenhält, ist eine
funktionierende Makroökonomie: Während Peru in den letzten 10 Jahren 8
Präsidenten hatte, sorgt seit 20 Jahren derselbe Chef der Notenbank für
einen stabilen Dollarkurs, eine niedrige Inflation und die Anhäufung von
Devisenreserven.
Die Kräfteverhältnisse im neu gewählten Kongress und Senat bilden die
Polarisierung der peruanischen Bevölkerung ab: Keine der Fraktionen hat
eine absolute Mehrheit, aber Fujimori stellt die meisten Volksvertreter und
kann jegliche Reformvorhaben blockieren.
In den letzten beiden Legislaturperioden hat ihre Fraktion – obwohl sie
nicht den Präsidenten stellte – im Verbund mit wechselnden Koalitionen, die
jeweiligen Präsidenten nach Belieben ab- und eingesetzt und Justiz und
Staat mit parteinahen Leuten besetzt. Dasselbe Schicksal, Blockade oder
sogar Absetzung durch Kongress und Senat, würde wohl einem Präsidenten
Sánchez blühen, der linke Reformen durchsetzen möchte.
Sowohl Fujimori als auch Sanchez müssen nun die Mehrheit der Peruaner, die
sie nicht gewählt haben, davon überzeugen, dass sie nicht die Politik
machen werden, für die sie von ihrer jeweiligen Basis gewählt worden sind.
(Hildegard Willer)
Chile: Kurze Flitterwochen
Zwei Monate ist [3][der rechtsextreme chilenische Präsident José Antonio
Kast] im Amt und macht seither klar, wessen Interessen seine Regierung
vertritt: die der wirtschaftlichen Eliten. Er senkt Unternehmensteuern und
kürzt Sozialausgaben. Die Budgets für Kultur, Wissenschaft und Gesundheit,
wo es ohnehin schon an öffentlichen Mitteln fehlt, sollen reduziert werden.
Selbst Programme wie das Mittagessen für Schulkinder – für viele Kinder die
einzige warme Mahlzeit am Tag – geraten unter Druck. Kast versucht nicht
nur den Zyklus der Proteste der vergangenen Jahre zu beenden, sondern
leitet eine neoliberale Restauration ein.
Dass er überhaupt gewählt wurde, hat auch mit den Fehlern linker und
progressiver Kräfte zu tun. Der ehemalige Präsident und Studentenführer
Gabriel Boric hatte große Hoffnungen auf Veränderungen geweckt, scheiterte
aber daran, die Proteste von 2019 in ein politisches Projekt zu übersetzen,
das die Mehrheit der Bevölkerung überzeugte. Mit der Ablehnung des
Verfassungsentwurfs 2022 blieben tiefgreifende Reformen aus.
Doch es wäre falsch, die vergangenen Jahre nur als Niederlage zu lesen. Im
sozialen Bereich wurden Veränderungen wie die Erhöhung des Mindestlohns
oder die Senkung der Wochenarbeitszeit institutionalisiert. Und dass die
Rechte so aggressiv auftritt, ist auch eine Reaktion auf die feministischen
Fortschritte der vergangenen Jahre. Patriarchale Gewalt, sexuelle
Belästigung oder Care-Arbeit sind heute zentrale Themen.
Die Bevölkerung des Landes ist geprägt von einem starken Misstrauen
gegenüber der Politik. Wenn sie sich von der Regierung getäuscht fühlt,
wendet sie sich sehr schnell von ihr ab. Kast wurde gewählt mit dem
Versprechen von Sicherheit und wirtschaftlichem Aufschwung. Doch statt der
Löhne steigen weiter die Lebenshaltungskosten.
Die Regierung gab jüngst die Benzinpreiserhöhung infolge des Irankriegs
vollständig an die Verbraucher*innen weiter. Und die
Sicherheitsministerin gab bei einem öffentlichen Auftritt zu, keinen
konkreten Plan gegen die Kriminalität im Land zu haben – wenig später
entließ Kast sie.
Die sogenannte luna de miel, die Phase hoher Zustimmung einer Regierung
nach Amtsantritt, ist bereits wieder vorbei. Der Umfrage Pulso Ciudadano
zufolge liegen die Zustimmungswerte von Kast nur noch bei knapp 30 Prozent
– mit einem ähnlichen Wert beendete Vorgänger Boric seine Amtszeit.
In Chile ist die Vorstellung weit verbreitet, dass Wohlstand von oben nach
unten „durchsickert“ – die neoliberale Idee, dass es letztlich allen besser
gehe, wenn Unternehmen und Reiche entlastet werden. Doch gerade jetzt wird
sichtbar, wie wenig diese Theorie mit der Realität zu tun hat. Darin zeigt
sich die Schwäche der Kast-Regierung. Sie hat zwar die Wahl gewonnen,
verfügt aber nicht über ein stabiles gesellschaftliches Projekt.
Für die Linke liegt darin eine neue Chance. Gleichzeitig steht auch sie vor
der Aufgabe, ein gesellschaftliches Projekt zu formulieren, das das Leben
der arbeitenden Bevölkerung konkret verbessert. (Sophia Boddenberg)
Brasilien: Keine schlafenden Geister wecken
Mitte Mai trat Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva vor die
Presse. Er stellte einen Aktionsplan sowie milliardenschwere Investitionen
vor, um die organisierte Kriminalität zu bekämpfen. „Sie werden bald über
kein Gebiet mehr herrschen“, versprach der Ex-Gewerkschafter.
Es war eine Ansage an die Bandenchefs, aber auch an die Wähler*innen, die
im Oktober an die elektronischen Wahlurnen gehen. Umfragen zufolge gilt die
Sicherheitslage inzwischen als größte Sorge der Bevölkerung.
Lange Zeit konnte Lula zuversichtlich auf die bevorstehende
Präsidentschaftswahl im Oktober dieses Jahres vorausblicken. Die
Wirtschaftszahlen sind halbwegs solide und der überaus charismatische
Präsident hat Brasilien wieder zurück auf die internationale Bühne geführt.
Doch die politische Realität bleibt kompliziert: keine parlamentarische
Mehrheit, viele Kompromisse. Große sozialpolitische Veränderungen blieben
bislang aus.
Im Wahlkampf greift also auch Lula zu politischen Kniffen. Er wendet sich
Themen zu, die traditionell eher von der politischen Rechten besetzt
werden. Zuletzt versuchte er gar, einen evangelikalen Richter an den
obersten Gerichtshof zu berufen – als Signal an die konservative und
schnell wachsende evangelikale Wählergruppe. Jedoch ohne Erfolg.
Die gesellschaftliche Linke hatte sich mehr von der Lula-Regierung erhofft.
Soziale Bewegungen und Gewerkschaften verhalten sich derzeit jedoch
auffallend passiv, organisieren keine größeren Proteste. Die Angst ist
groß, dass sich ein Szenario wie 2013 wiederholt. Damals gab es linke
Proteste gegen höhere Fahrpreise, die jedoch schnell von rechten Gruppen
vereinnahmt wurden. Am Ende standen Massenmobilisierungen, die schließlich
zur Absetzung der Sozialdemokratin Dilma Rousseff führten. Die Devise
vieler Linker also: bloß keine schlafenden Geister wecken.
Die brasilianische Rechte stand nach dem 8. Januar 2023 eigentlich mit dem
Rücken zur Wand. Tausende Anhänger von Jair Bolsonaro stürmten an diesem
Tag das Regierungsgebäude. Der Staat schlug hart zurück. Der Bolsonarismus
schien daraufhin seinen Schwung zu verlieren, auch weil Jair Bolsonaro
wegen des Verdachts eines versuchten Staatsstreichs verurteilt wurde.
Zwischenzeitlich im Gefängnis, steht der gesundheitlich angeschlagene
Ex-Präsident mittlerweile unter Hausarrest.
Als möglicher Ersatzkandidat rückte dessen ältester Sohn, Flávio Bolsonaro,
in den Fokus. Lange galt er als wenig charismatisch und zudem in mehrere
Skandale verstrickt. Und doch lagen Lula und er in Umfragen vor zwei Wochen
gleichauf.
Vergangene Woche deckte das Investigativmedium The Internet Brasil dann
auf, dass Flávio Bolsonaro versuchte, von einem mittlerweile inhaftierten
Ex-Banker Geld für einen Kinofilm über seinen Vater einzutreiben. Eine neue
Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Datafolha sieht Lula nun wieder mit
47 Prozent der Stimmen vor Bolsonaro mit 43 Prozent – im Falle einer
möglichen Stichwahl.
Gerade deshalb haben die Bolsonaristen ihre Angriffe in sozialen Netzwerken
massiv verstärkt. Innere Sicherheit bleibt dabei ihr Kernthema. Die
Forderung nach der „harten Hand“ verfängt bei vielen Wählern weiterhin.
„Brasilien erträgt keinen weiteren PowerPoint-Vortrag über organisierte
Kriminalität“, spottete Flávio Bolsonaro kürzlich über Lula. „01“, wie
Flávio Bolsonaro von seinem Vater in militärischer Manier nummeriert
genannt wird, wirbt stattdessen für Masseninhaftierungen nach dem Modell
von Nayib Bukele, dem autoritären Präsidenten von El Salvador.
Bis zu den Wahlen im Oktober kann noch viel passieren. Traditionell nimmt
der Wahlkampf in Brasilien erst im August richtig Fahrt auf. Dann wird auch
Lula sämtliche Vorteile des Präsidentenamts ausspielen können: die
Dauerpräsenz im Fernsehen, staatliche Programme kurz vor der Wahl und seine
enorme Bekanntheit.
In Brasilien wählen viele Menschen eher Persönlichkeiten als
Parteiprogramme. Der 80-jährige Lula, der mit Fitnessstudiovideos
regelmäßig seine Vitalität demonstriert, könnte es also noch einmal
schaffen. Was danach kommt, bleibt allerdings offen: Eine Figur, die Lula
langfristig ersetzen könnte, zeichnet sich bislang nicht ab. (Niklas
Franzen)
Argentinien: Die beliebteste Trotzkistin des Landes
Glaubt man den jüngsten Umfragen des renommierten Meinungsinstituts Atlas
Intel, dann ist [4][Myriam Bregman derzeit Argentiniens beliebteste
Politikerin]. Bregman, 54 Jahre alt, Rechtsanwältin, ist Mitglied der
trotzkistischen Partido de los Trabajadores Socialistas (PTS) und sitzt
[5][als Abgeordnete des Linksbündnisses Frente de Izquierda y de
Trabajadores im Parlament].
„Ich habe es zuerst auf der Straße gespürt“, sagt sie. Die
Arbeitsrechtsreform habe einen Stimmungsumschwung bewirkt. Ende Februar
hatte der Kongress mit Stimmen [6][aus allen politischen Lagern eine
umfassende Flexibilisierung des bisherigen Arbeitsrechts beschlossen. Dafür
wurde viel geschachert]. Abgeordnete, die sich zuvor gegen die Reform
ausgesprochen hatten, stimmten plötzlich dafür.
Einzig die vier Abgeordneten der Frente de Izquierda y de Trabajadores
blieben geschlossen beim Nein. Für viele Argentinier*innen hatte die
Zustimmung einen Vorher-Nachher-Effekt, sie begannen, sich nach politischen
Alternativen umzusehen.
Bregman ist seit Jahrzehnten eine führende Persönlichkeit im Kampf gegen
staatliche Repression und für Menschenrechte. [7][Als Anwältin vertritt sie
die Opfer der Militärdiktatur.] Einer breiten Mehrheit der Bevölkerung
wurde sie aber erst bei der Präsidentschaftswahl 2023 bekannt.
Als eine von fünf Kandidat*innen nahm sie an der TV-Debatte vor dem
ersten Wahlgang teil. Schlagfertig, witzig bis ironisch, aber stets mit gut
unterfütterten Argumenten vertrat sie als Einzige linke Positionen. Auch
wenn sie im ersten Wahlgang mit nur 2,7 Prozent ausschied, war sie für
viele die große Gewinnerin der Debatte.
Die argentinischen Präsidentschaftswahlen sind ähnlich denen in den USA vor
allem Persönlichkeitswahlen. Hinter den Personen stehen allerdings
Wahlbündnisse aus Parteien oder Parteifraktionen. Bregman steht für eine
Politik von unten und lehnt Koalitionen rechts ihres Linksbündnisses
kategorisch ab. Dass sie bei der nächsten Präsidentschaftswahl im Oktober
2027 die nötigen Stimmen für einen Wahlerfolg zusammenbekommt, scheint
deshalb unmöglich.
Allerdings war dies bei Milei ähnlich. Und auch seinen Wahlsieg hatte Atlas
Intel vorausgesagt. Als Rechts-Libertärer hatte Milei jedoch das
wirtschaftliche Establishment hinter sich.
„Können Sie sich vorstellen, dass die Argentinier mehrheitlich eine
Trotzkistin wählen?“, wurde sie kürzlich gefragt. „Warum nicht?“, so ihre
Gegenfrage. „Ich glaube nicht an Erlöser und nicht an Individualismus.
Niemand rettet sich allein, aber auch niemand rettet alle anderen.“ Die
Erzählung von einem argentinischen Heilsbringer sei eine von oben
verordnete Tradition. „Was wir brauchen, ist etwas Kollektives, das von
unten nach oben umgesetzt wird.“
Bregmans Hoffnung ist eine große soziale Protestwelle wie jene während der
tiefen politischen und wirtschaftlichen Krise von 2001. Diese erwirkte
unter anderem die Aufhebung der Amnestiegesetze, welche Militärs vor der
Strafverfolgung ihrer Verbrechen während der Diktatur von 1976 bis 1983
schützten. „Ohne das Jahr 2001 wäre das nicht geschehen. Dasselbe
politische Personal, das die Amnestiegesetze aufrechterhalten hatte,
stimmte später für deren Aufhebung“, sagt Bregman.
Heute brauche es ein Programm für einen anderen Weg aus der Krise – und
vielleicht eine verfassungsgebende Versammlung. (Jürgen Vogt)
31 May 2026
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