# taz.de -- Kolumbien vor den Wahlen: Zwischen Actionfilm und Inklusion
       
       > Am Sonntag sind in Kolumbien Präsidentschaftswahlen. Cepeda, Kandidat der
       > Linken, muss wohl in die Stichwahl – gegen einen Ultrarechten.
       
 (IMG) Bild: Schwerpunkt Sicherheit: der extrem rechte Präsidentschaftskandidat Abelardo de la Espriella
       
       Als Bomben auf die Siedlung fallen, bricht das Publikum in donnernden
       Applaus aus. Die Menschen schwenken ekstatisch kolumbianische Flaggen und
       Luftballons. Es ist Wahlkampf in Kolumbien, und Präsidentschaftskandidat
       Abelardo de la Espriella begeistert mit seiner harten Seite. Zum
       Wahlkampfabschluss auf der Plaza de Lourdes in der Hauptstadt Bogotá, nur
       11 Tage vor der Wahl, sind ein paar Hundert Menschen gekommen.
       
       Zwischen einpeitschenden Jingles mit tanzenden Tigern wird ihnen zunächst
       [1][ein fünfminütiges Werbefilmchen] mit schnellen Schnitten, viel KI und
       martialischen Geigenklängen gezeigt: Ein künftiger Präsident Abelardo de la
       Espriella sitzt mit Polizei und Militär am Beratungstisch. Mit ernster
       Miene, Anzug, Einstecktuch, betrachtet er eine Karte, die das von Gewalt
       gebeutelte Departamento Valle del Cauca zeigt.
       
       Ziel der fiktiven Operation: „Mordisco“, der Anführer einer Splittergruppe
       der Guerillabewegung Farc, und seine Männer. Im Film schwärmen nun
       Düsenjäger aus, werfen Bomben auf die Siedlung der illegalen Kämpfer, die
       inmitten von Kokafeldern liegt. Bodentruppen fesseln die Männer und
       schubsen sie in Lastwagen. Mordisco liegt leblos auf der Erde.
       
       Als die gefesselten Männer und ein anderer Farc-Boss in einem in Rekordzeit
       aus dem Boden gestampften Megagefängnis verschwinden und ein letztes Mal
       zurückblicken, bricht wieder Jubel auf dem Platz aus. Die Panamericana,
       eine in den vergangenen Monaten von tödlichen Attentaten erschütterte
       Fernstraße, ist wieder sicher, Menschen weinen vor Freude. Happy End.
       
       ## Sicherheit mit aller Gewalt
       
       Die Botschaft ist klar: Abelardo de la Espriella wird für Sicherheit
       sorgen. Und zwar mit aller Gewalt.
       
       Vor der Bühne schießen jetzt Feuerfontänen aus dem Boden. Dann ist er
       endlich selbst da. Präsidentschaftskandidat Abelardo de la Espriella, der
       sich „Tiger“ nennt, steht angeleuchtet in einer Art Glaskasten, neben sich
       eine aufgeblasene Tigerpranke mit Krallen. Um ihn herum im Dunkeln die
       Personenschützer. Hinter der Bühne erhebt sich die Lourdes-Kirche.
       
       „Glaubt ihr, dass man das Verbrechen mit eiserner Hand bekämpfen muss?“ –
       „Ja!“, brüllen die Menschen auf dem Platz. „Dass man den Verbrecher, der
       sich nicht unterwirft, töten oder in eins der zehn Megagefängnisse bringen
       muss?“– „Ja!“ – „Glaubt ihr, dass man die Korrupten loswerden muss, wie
       Ratten?“ – „Ja!“ Immer wieder reißt der 47-jährige Unternehmer zackig den
       rechten Arm zum militärischen Gruß.
       
       Dann gibt’s einen Hauch Soziales: „Glaubt ihr, dass man das
       Gesundheitssystem retten muss, damit niemand aus Mangel an Medikamenten und
       Versorgung stirbt?“ – „Ja!“ Dazu verspricht er digitale Unis und
       Gratiscomputer für die Jugend, Förderung für alleinerziehende Mütter.
       Gleichzeitig will er den Staat um 40 Prozent schrumpfen.
       
       ## Linker liegt vorn
       
       Dreizehn Kandidat*innen treten am Sonntag bei der Präsidentschaftswahl
       in Kolumbien an. Der linke Kandidat Iván Cepeda (Pacto Histórico –
       Historisches Bündnis), aus dem aktuellen Regierungslager, [2][liegt in den
       Umfragen vorne] – gefolgt von dem ultrarechten de la Espriella (Defensores
       de la Patria – Verteidiger des Vaterlands), etwas abgeschlagen dahinter die
       Rechte Paloma Valencia vom Centro Democrático (Demokratisches Zentrum).
       
       Die nötigen 50 Prozent der Stimmen für einen Sieg in erster Runde wird wohl
       niemand erreichen. Dann geht es am 21. Juni in die Stichwahl. Dort könnte
       es knapp werden für Cepeda, der die Politik des ersten linken Präsidenten
       in der Geschichte des Landes fortführen will.
       
       [3][Der scheidende Präsident Gustavo Petro ist ungewöhnlich beliebt]. Seine
       Partei hat [4][bei den Parlamentswahlen im März] noch Sitze hinzugewonnen.
       Dabei gilt Petros größtes Projekt, der „totale Frieden“ (paz total) mit
       allen verbliebenen bewaffneten Gruppen, als gescheitert.
       
       Denn diese nutzten [5][das Chaos im Land], um Mitglieder und Territorium zu
       gewinnen. Es gibt heute nach Schätzungen von Expert*innen rund 27.000
       bewaffnete Kriminelle, die in fast der Hälfte der Gemeinden Einfluss
       ausüben. Und 14 aktive Kampfherde.
       
       ## „Totaler Frieden“
       
       Nur Iván Cepeda, der Kandidat der linken Regierungspartei, sieht die
       Verantwortung dafür woanders. Für ihn liegt der Grund für die Ausbreitung
       der bewaffneten Gruppen nicht bei dem Projekt „totaler Frieden“, sondern
       bei Petros rechtem Vorgänger Iván Duque.
       
       [6][Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes warnt], dass die
       humanitäre Situation in Kolumbien 2025 so schlimm war wie mindestens seit
       einem Jahrzehnt nicht mehr. Hunderttausende Binnenvertriebene – doppelt so
       viele wie im Vorjahr. Fast 1.000 Tote oder Verletzte durch Sprengkörper
       sowie Hunderte neue Fälle von verschwundenen Personen. 175.000 Menschen
       wurden von bewaffneten Gruppen unter Ausgangssperren gestellt.
       
       Die Sicherheitsprobleme prägen auch den Wahlkampf. Alle drei führenden
       Kandidat*innen haben Attentatsdrohungen gemeldet. [7][Zwei Mitglieder
       des Wahlkampfteams von de la Espriella] wurden Mitte Mai ermordet, [8][eine
       Wahlkämpferin des Centro Democrático] vor den Augen ihres Sohns erschossen,
       [9][der Konvoi eines linken Regierungssenators] beschossen, die linke
       Vizekandidatin Aida Quilcué wurde [10][zeitweise entführt]. Nicht zu
       vergessen das [11][Attentat auf den rechten Senator und
       Präsidentschaftsbewerber Miguel Uribe Turbay] im Jahr 2025, dem der
       Politiker später erlag. Kein Wunder, dass Sicherheit neben Korruption und
       Gesundheitswesen das wichtigste Thema im Wahlkampf ist.
       
       Auch wenn die Plaza de Lourdes, auf der Abelardo de la Espriella in Bogotá
       seine Wahlkampfveranstaltung gibt, eher klein ist und zwischen seinen
       Anhängern mit ihren Fankappen und Kolumbien-Trikots trotzdem großzügig
       Platz bleibt: de la Espriella, der selbst ernannte Outsider im Wahlkampf,
       der US-Präsident Donald Trump, El Salvadors Diktator Nayib Bukele und
       Argentiniens marktradikalen Libertären Javier Milei verehrt, könnte
       Kolumbiens nächster Präsident werden. Dabei beißt sich seine
       Selbstdarstellung zum Teil heftig mit der Realität.
       
       ## „Gebet fürs Vaterland“
       
       Er ruft gern zum militärischen „Gebet für das Vaterland“ auf – doch
       Militärdienst hat er selbst nicht absolviert. In den vergangenen Jahren hat
       er mit seiner Familie in Miami und Italien gelebt. In den USA darf er nicht
       als Anwalt arbeiten, weil sein Diplom da nicht anerkannt ist, aber mit
       seiner Kanzlei hat er dort ein Heidengeschäft gemacht – vor allem als
       Vertreter von Drogenhändlern und anderen Kriminellen, die er laut Wahlkampf
       eigentlich mit „Klauen und Zähnen“ verfolgen will. Reiche und politische
       Gruppen stünden nicht hinter ihm, behauptet er gerne – dabei gehört der
       Char-Clan aus Barranquilla zu seinen Unterstützer*innen.
       
       Kolumbianische Journalist*innen haben das alles belegt – auch
       Ungereimtheiten in der Wahlkampffinanzierung. Er überzog
       Journalist*innen daraufhin mit mehr als Hundert Klagen, wenn ihm die
       Berichterstattung nicht passte – und beleidigte Journalistinnen
       frauenfeindlich. Auf der Plaza de Lourdes verspricht er jetzt, Frauen zu
       beschützen.
       
       „Ich bin kein Politiker, ich bin Unternehmer. Wir halten unser Wort“,
       wiederholt er in jener Nacht. „Ich bin nicht der perfekte Kandidat – nur
       Gott ist perfekt. Aber ich bin das, was viele von euch sich gewünscht
       haben.“
       
       Auch der 54-jährige Oscar, der seinen Nachnamen nicht in den Medien lesen
       will, ist hier, ganz in Tiger-Merch gewandet. Käppi, T-Shirt. Der stämmige
       Mann mit den kurzen Haaren ist Unternehmer und macht mit seinen Freunden
       Werbung für de la Espriella. Die meisten in seiner Familie wollen auch
       Abelardo wählen.
       
       ## Viel Gewalt erlebt
       
       „Dieses Land ist von traditionellen Politikern regiert worden, die
       überwiegend korrupt waren“, sagt er. „Wir brauchen einen Unternehmer, der
       für Ordnung sorgt, sich um die Finanzen unserer Nation kümmert, um
       Sicherheit und Entwicklung in unserem Land.“
       
       Oscar stammt aus Usme in der Nähe von [12][Sumapaz] – im ländlichen Süden
       von Bogotá. Die Gegend war seinerzeit ein Rückzugsgebiet und Korridor der
       Farc-Guerilla. „Wir haben damals viel Gewalt erlebt“, sagt Oscar.
       
       Vor 20 Jahren hätten sie die Straßen nicht benutzen können, weil die
       Guerilla dort Menschen entführte. Aber: „Auch heute haben wir viel
       Drogenhandel und Gewalt auf der Straße.“ Manche seiner Freunde müssten
       Schutzgeld zahlen. „Mit Petro hat die Gewalt zugenommen“, sagt Oscar. „Ich
       habe Angst, entführt zu werden, wenn ich das Stadtgebiet verlasse.“
       
       Kolumbien ist stark polarisiert in rechts und links. Linke werden von der
       Rechten teils immer noch mit der Guerilla gleichgesetzt – dasselbe gilt für
       die arme, oft indigene Landbevölkerung. In der Vergangenheit hat der
       kolumbianische Staat in Zusammenarbeit mit Paramilitärs linke
       Politiker:innen und Aktivist:innen verfolgt und im Falle der Unión
       Patriótica, eine linke Partei, die sich für Frieden einsetzte, samt ihrer
       Anhängerschaft förmlich ausgelöscht. Dass 2022 mit Gustavo Petro mit Hilfe
       der sozialen Bewegungen zum ersten Mal ein linker Präsident und eine
       „Regierung des Wandels“ an die Macht kam, war eine enorme Veränderung.
       
       ## Nicht war weiter rechts
       
       Jahrelang gab es nichts im Land, was weiter rechts stand, als das Centro
       Democrático des mächtigen Ex-Präsidenten Álvaro Uribe. Unter dessen
       Regierungen begingen staatliche Sicherheitskräfte schwere
       Menschenrechtsverbrechen – alles im Namen der sogenannten „demokratischen
       Sicherheit“, die das Land vom Drogenkrieg befreien sollte. Die Rechte
       beschönigt oder leugnet das bis heute, etwa die „falsos positivos“ –
       unschuldige, arme Menschen, die von der Armee ermordet und als getötete
       Guerilleros ausgegeben wurden, um Quoten zu erfüllen und Prämien zu
       kassieren.
       
       Doch für diejenigen, denen selbst das rechte Centro Democrático zu sehr
       Establishment ist, gibt es jetzt de la Espriella. Und Centro Democráticos
       Kandidatin Paloma Valencia (48), die auf vielen Wahlplakaten einfach nur
       „die von Uribe“ heißt, muss l[13][aut den meisten aktuellen Umfragen]
       ernsthaft um den Einzug in die Stichwahl fürchten.
       
       Dabei ist Senatorin Paloma Valencia eine der härtesten Gegnerinnen von
       Präsident Gustavo Petro. Bei der Schlussveranstaltung zum Abschluss ihres
       Wahlkampfes in der Movistar-Arena in Bogotá bastelt sie sieben Tage vor der
       Wahl an ihrem Image als einende Mutter der Nation – und kämpft um die
       Mitte.
       
       „Die erste Frau Präsidentin“ – „Wir spalten nicht, wir verbinden“ –
       „Ordnung, Entschlossenheit, Mut“. So steht es auf Bannern. Während de la
       Espriellas Fans fürs Vaterland beten, wird hier die Hymne gesungen.
       
       Valencias größter Trumpf ist ihr Vizepräsidentschaftskandidat Juan Daniel
       Oviedo. Der hat seine eigene Kandidatur aufgegeben und sich ihr
       angeschlossen. Der offen schwule Bogotaner mit grauem gewelltem Haar, der
       homophobe Sprüche von de la Espriella abbekam, entpuppt sich als
       Publikumsliebling.
       
       ## Als Schnösel verschrien
       
       Lange war er wegen seiner näselnden Sprechweise als Schnösel der
       Oberschicht verschrien. Dabei stammt er von unten, die Aussprache geht auf
       einen Unfall zurück. Sein Leben habe ihn gelehrt: Man könne nicht Opfer
       seiner eigenen Beschränkungen sein, ruft er auf der Bühne. Das kommt hier
       gut an. „Vize! Vize! Vize!“ schreit die Arena.
       
       „Der Hass der Populisten der extremen Linken und der extremen Rechten hat
       mich hierhergebracht, den will ich besiegen“, sagt Oviedo. „Wer diesen Hass
       besiegen will, muss Paloma Valencia wählen.“
       
       Die Kandidatin erscheint ganz in weiß, strahlendes Lächeln, noch rauhere
       Stimme als sonst. „Ich möchte eine Präsidentin sein, die auf der Seite der
       Bürger steht. Die sie umarmt. Die sie berührt. Die ein starkes Team hat und
       regiert, um Kolumbien zu verändern.“
       
       Nach all den Dankes- und Lobeshymnen kommt sie zum rechten Kerngeschäft.
       Mit ihr werde es kein „neokommunistisches Regime“ geben. Mit ihr an der
       Spitze werden alle Haftbefehle gegen das „Kartell des totalen Friedens“
       wieder in Kraft gesetzt, die die linke Regierung für Verhandlungen
       ausgesetzt hatte. Die kriminellen Gruppen werde sie „wie Ratten jagen“,
       brüllt sie. Ein Veteranentrupp tritt auf die Bühne. Deren Sprecher bittet
       sie: „Retten Sie das Vaterland!“
       
       Doch der laute Jubel, der durch die Arena wabert, täuscht: Von den rund
       3000 Plätzen bleiben einige leer – oder leeren sich im Laufe der
       Veranstaltung.
       
       Die 20-jährige Isabella Villate will dennoch für Valencia stimmen. Sie ist
       Mitglied der Partei Nuevo Liberalismo, die Paloma Valencias Kandidatur
       unterstützt. Ihr Vater komme aus prekären Verhältnissen in Bogotá, erzählt
       sie. Als er ein kleiner Junge war, hätten bewaffnete Gruppen manche seiner
       Freunde im Viertel rekrutiert. Isabellas Großmutter entschloss sich, in
       einen anderen Stadtteil zu ziehen, um ihren Sohn davor zu schützen – und
       musste bei Null anfangen. Später ging Isabellas Vater wegen dieser
       Erfahrung zur Luftwaffe. „Er wollte etwas für sein Land tun.“
       
       ## „Ich will nicht, dass meine Kinder sowas erleben müssen“
       
       Isabella Villate sagt, dass Sicherheit deshalb für sie ein wichtiges Thema
       sei. „Ich bin in einer absolut privilegierten Situation“, betont sie. Sie
       konnte auf eine internationale Schule gehen, ist mehrsprachig, studiert
       Kommunikations- und Politikwissenschaft. „Ich will nicht, dass meine Kinder
       eines Tages so etwas erleben müssen – und das Land ist an einem Punkt, wo
       mir das nicht weit entfernt erscheint.“ Sie habe Familie in Cauca, dem Ort,
       an dem die Attentate kein Ende nehmen.
       
       Als Frau, die sich politisch engagiert, hoffe sie auf eine Präsidentin.
       „Damit sie uns Frauen repräsentiert und zeigt, wozu wir fähig sind.“ Neben
       ihren Plänen für die Sicherheitspolitik gefällt ihr besonders ihr
       Versprechen, alleinerziehende Mütter zu fördern, gerade auf dem Land. „Ohne
       Feministin zu sein packt sie damit ein grundliegendes Problem an.“
       
       Dass Iván Cepeda ein Guerillero sei, dass Kolumbien wie Venezuela enden
       könnte, ein kommunistisches Land zu werden drohe, wie es viele in der
       extremen Rechten sagen, das glaubt Isabella nicht. Aber in Cepedas Konzept
       fürs Land vermisse sie eine starke Sicherheitspolitik.
       
       Auf dem Plaza de Bolivar in der Altstadt von Bogotá hat sich an diesem
       Freitagabend ein anderes, deutlich bunteres Kolumbien versammelt, um Cepeda
       zu sehen. Alte Menschen, viele junge Menschen, Menschen mit bunt gefärbten
       Haaren. Straßenverkäufer*innen, Intellektuelle, Studierende, Rentner*innen,
       Betuchtere, Schwarze, und vor allem auch Indigene, die bei Paloma Valencia
       gerade einmal in einem Werbespot auftauchten. Auch die Gewerkschaften und
       sozialen Bewegungen, die die erste linke Regierung in der Geschichte ins
       Amt brachten, sind wieder gekommen.
       
       ## Ungerechtigkeit und Mord
       
       Als eine indigene Band die Hymne der Indigenen Wache anstimmt, ein Lied des
       Widerstands gegen Rassismus und historische soziale Ungerechtigkeit und
       Mord, singen alle aus voller Kehle mit. Egal, ob indigen oder nicht.
       
       Cepeda hat die indigene Senatorin Aida Quilcué als Vize gewonnen. Ihr Mann
       wurde von der Armee ermordet – vollkommen unschuldig, wie später bewiesen
       werden konnte. In Teilen der Rechten wird er dennoch als Guerillero
       verunglimpft. Hier auf der Plaza de Bolívar wird Aida Quilcué verehrt. „Wir
       wurden über 500 Jahre ausgeschlossen“, erinnert Quilcué an die
       Unterdrückung von Indigenen, als sie auf der Bühne zur Menge spricht.
       Kandidat Cepeda, lobt sie, habe unermüdlich für Versöhnung, die Opfer und
       den Frieden gekämpft.
       
       Als Cepeda 31 war, wurde sein Vater, ein kommunistischer Senator der Unión
       Patriótica, von Paramilitärs im Auftrag des Militärs ermordet. Sein Sohn
       gründete Movice, die Bewegung der Opfer von Staatsverbrechen. Als Politiker
       engagiert er sich seit Jahren für Aufklärung und Friedensprozesse. Auf der
       Plaza de Bolivar steht immer wieder ein Satz: „Die Macht der Wahrheit“.
       
       Jackeline Guaitarilla (36) hat spastische Zerebralparese und benutzt einen
       Rollstuhl. Auf ihren lila Haaren sitzt eine Kappe von Cepedas Pacto
       Histórico. Zwei Freundinnen unterstützen sie, damit sie heute dabei sein
       kann. Sie stammt aus Pasto im Südwesten Kolumbiens. Die Juristin ist
       Aktivistin für die Menschenrechte von Menschen mit Behinderung, speziell
       Frauen.
       
       Sie lächelt übers ganze Gesicht. „Ich freue mich so über die Menschenmasse,
       weil es hier einfach alles gibt: trans* Personen, Personen von anderswo,
       ohne und mit Bildung, groß, dick, dünn, einfach wunderbar. Diversität ist
       der größte Reichtum des Universums. Wie toll, dass wir alle zusammen hier
       sein können für eine gemeinsame Sache, die soziale Gerechtigkeit.“
       
       ## Menschen mit Behinderung immer ignoriert
       
       Und noch etwas lässt sie euphorisch werden: „Iván Cepeda ist der erste in
       der Geschichte, der uns Menschen mit Behinderung im Wahlkampf erwähnt.“ Im
       Wahlprogramm stünden sie als Teil der Gesellschaft, der Kandidat spreche
       von Ableismus – alles ein Novum in Kolumbien.
       
       Dass Paloma Valencia oder Abelardo de la Espriella die Wahl gewinnen
       könnten, macht ihr Angst. „Paloma Valencia behauptet, Gender gäbe es nicht,
       es sei Ideologie, und dass wir versuchen würden, alle zu Homosexuellen zu
       machen. Was wird aus unseren Organisationen und Kämpfen, wenn sie gewinnt?
       Woher sollen wir zum Beispiel Ressourcen nehmen, wo sollen wir freie Räume
       finden, um uns zu äußern, wenn sie Minderheiten nicht anerkennt?“
       
       Valencia wie de la Espriella bedeuteten ihrer Ansicht nach eine Rückkehr in
       die Vergangenheit. „Sie kommen aus ihrer privilegierten Blase und sehen
       andere Realitäten nicht, wo Menschen hungern, Frauen Gewalt ausgesetzt
       sind, Menschen mit Behinderung keinen Zugang zu Bildung haben, keine Arbeit
       bekommen“, sagt Guaitarilla.
       
       Im Gegensatz zu den inszenierten Showeinlagen seiner Gegner hat der Senator
       und Philosoph Iván Cepeda das Auftreten eines bedachten Professors:
       Strickjacke, bis zum Hals zugeknöpftes Hemd mit Rundkragen. Seine Rede
       liest der 63-Jährige langsam vom Blatt ab: „Für das Wohl aller, zuerst für
       die Armen“ heißt sie. Jubel auf der Plaza.
       
       Sein Ton ist eher erklärend als kämpferisch. „Der Uribismus ist
       faschistisch. Er verkörpert in all seinen Facetten eine Ideologie der
       Verachtung gegenüber anderen Menschen: Rassismus, Klassendenken,
       Frauenfeindlichkeit, Homophobie, die Ausbeutung der Natur und den Hass auf
       den Frieden.“
       
       Immer wieder geht es um die einfachen Leute und die Ausgegrenzten, denen er
       zur Seite stehen wolle. Er zählt eine Liste an Sozialprojekten auf, mit
       denen so ziemlich jede benachteiligte Gesellschaftsgruppe aufgefangen
       werden soll – um den „Schaden von Jahrzehnten Neoliberalismus“ zu
       reparieren. Wie er das alles finanzieren will, zumal ihm sein Vorgänger
       Petro ein Finanzloch hinterlässt – das sagt er nicht.
       
       Aber die Finanzierung spielte bei der Konkurrenz auf der Bühne auch keine
       Rolle. Wen die Kolumbianer*innen für glaubwürdiger halten, wird sich
       spätestens in der Stichwahl zeigen.
       
       29 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.instagram.com/reels/DX5On6sNmEX/
 (DIR) [2] https://cnnespanol.cnn.com/2026/05/24/colombia/encuestas-favoritos-elecciones-cepeda-espriella-valencia-orix
 (DIR) [3] https://www.bbc.com/mundo/articles/cx21xzrr4xro
 (DIR) [4] /Wahlen-in-Kolumbien/!6160910
 (DIR) [5] https://www.lasillavacia.com/silla-nacional/la-cuota-de-cepeda-en-el-fracaso-de-la-paz-total/
 (DIR) [6] https://www.icrc.org/en/publication/report-humanitarian-situation-colombia-2025
 (DIR) [7] https://www.lasillavacia.com/en-vivo/defensoria-alerta-por-violencia-tras-asesinato-de-miembro-de-campana-de-abelardo/
 (DIR) [8] https://www.eltiempo.com/colombia/cali/nuevo-detalles-sobre-el-asesinato-de-la-presidenta-del-concejo-de-obando-mileidy-villada-tenia-medidas-preventivas-por-amenazas-de-2020-y-3554217
 (DIR) [9] https://www.france24.com/es/minuto-a-minuto/20260520-atentan-a-tiros-contra-un-senador-en-colombia-a-menos-de-dos-semanas-de-las-elecciones
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 (DIR) [11] /Attentat-auf-kolumbianischen-Politiker/!6090060
 (DIR) [12] https://archivobogota.secretariageneral.gov.co/noticias/patrimonio-archivos-y-conflicto-armado-reconocimiento-sumapaz-v%25C3%25ADctima-del-conflicto-armado
 (DIR) [13] https://www.lasillavacia.com/en-vivo/ponderador-de-encuestas-cepeda-y-abelardo-con-un-pie-en-segunda-vuelta/?utm_source=substack&utm_medium=email
       
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       Wahlgang. Der linke Iván Cepeda wird mit 3 Prozentpunkten Rückstand
       Zweiter.
       
 (DIR) Stichwahl in Kolumbien: Linker Senator gegen rechten Anwalt
       
       Die Entscheidung über Kolumbiens nächsten Präsidenten fällt erst in der
       Stichwahl. Einer Richtungswahl zwischen links und rechts.
       
 (DIR) Wahlen in Lateinamerika: Links vor rechts
       
       Kolumbien wählt am Sonntag einen neuen Präsidenten. Der progressive Iván
       Cepeda liegt in Umfragen vorn. Auch in den Nachbarländern dürfen Linke
       hoffen.
       
 (DIR) Politische Kämpfe in Lateinamerika: Wenn das Pendel wieder schwingt
       
       Erlebt Lateinamerika gerade einen Rechtsruck? Oder steht der Kontinent vor
       einer progressiven Wende? Für beides gibt es Indizien. Doch es geht um
       mehr.
       
 (DIR) Präsidentschaftswahl in Kolumbien: Gemischte Bilanz
       
       Vier Jahre Gustavo Petro: Korruption und Skandale einerseits, andererseits
       zaghafte sozialpolitische Fortschritte. Der linke Kandidat hat Chancen.
       
 (DIR) Einen Monat vor Präsidentschaftswahl: Mehrere Tote bei Bombenanschlag im Westen Kolumbiens
       
       Ein Anschlag auf einen Kleinbus erschüttert Kolumbien. Die Tat fällt in
       eine Phase zunehmender Gewalt wenige Wochen vor der Präsidentenwahl.
       
 (DIR) Kolumbien kommt nicht zur Ruhe: Ex-Rebellen im Visier von Rebellen
       
       Die Gewalt rivalisierender bewaffneter Gruppen löst in Kolumbien eine
       Massenflucht aus. Präsident Petro kündigt den Notstand an.