# taz.de -- Politische Kämpfe in Lateinamerika: Wenn das Pendel wieder schwingt
       
       > Erlebt Lateinamerika gerade einen Rechtsruck? Oder steht der Kontinent
       > vor einer progressiven Wende? Für beides gibt es Indizien. Doch es geht
       > um mehr.
       
 (IMG) Bild: Will Kolumbiens nächster linker Präsident werden: Iván Cepeda bei einem Wahlkampfauftritt in Pitalito am 11. April 2026
       
       Viele sprechen derzeit von einem Rechtsruck in Lateinamerika. Das ist
       verständlich. Arme und Arbeiter:innen, die einst progressive Projekte
       unterstützten, wählten zuletzt vermehrt rechte und rechtsautoritäre
       Regierungen, die Ordnung, Sicherheit und Wirtschaftswachstum versprachen.
       [1][In Argentinien siegte 2023 der rechts-libertäre Javier Milei mit seiner
       sozialpolitischen Kettensäge.]
       
       In Chile regiert mit José Antonio Kast seit diesem März zum ersten Mal seit
       dem Ende der Militärdiktatur ein Pinochet-Verehrer. Bei der in wenigen
       Tagen bevorstehenden Stichwahl in Peru tritt Diktatorentochter Keiko
       Fujimori an. In Kolumbien konkurrieren am Sonntag gleich zwei
       aussichtsreiche rechtsextreme Kandidat*innen gegen einen Progressiven
       um das Präsidentschaftsamt.
       
       Und doch führen in Brasilien Lula da Silva und in Mexiko Claudia Sheinbaum
       die zwei bevölkerungsreichsten Staaten des Kontinents mit progressiven
       Projekten an. In Argentinien sinken die Zustimmungswerte für Milei. Und
       aktuelle Prognosen sehen die progressiven Kandidaten auf die
       Präsidentschaftsposten in Peru und Kolumbien vorn. Rückt Lateinamerika also
       wirklich nach rechts – oder gar nach links? Ganz so einfach ist das nicht.
       
       Der Kontinent hat in den vergangenen Jahrzehnten starke politische
       Richtungswechsel erlebt: Militärdiktaturen, Guerillabewegungen, neoliberale
       Schocktherapien. Die 1970er Jahre waren dabei ein entscheidender
       Wendepunkt. Diktatoren putschten sich an die Macht, neoliberale Ideen
       gewannen an Einfluss. Unter Erfahrungen wie der Pinochet-Diktatur in Chile
       wurde Lateinamerika zum Labor marktradikaler Reformen.
       
       ## Die rosarote Welle
       
       Als Gegenreaktion entstand später die sogenannte marea rosa („rosarote
       Welle“), eine Welle links-progressiver Regierungen. Viele Linke
       projizierten in den Kontinent deshalb ihre Hoffnungen auf den Aufbau einer
       gerechten Gesellschaft, der von den Unterdrückten und Ausgebeuteten
       angeführt und gestaltet wird: Arbeiter:innen, Indigene, Frauen.
       
       Nach dem [2][Wahlsieg von Hugo Chávez in Venezuela 1998] wurden in vielen
       Ländern links-progressive Regierungen gewählt: Luiz Inácio Lula da Silva in
       Brasilien, Néstor Kirchner in Argentinien, Evo Morales in Bolivien – das
       nach dessen Sturz 2019 und einer linken Rückkehr nun erstmals seit 20
       Jahren wieder rechts regiert wird – und Rafael Correa in Ecuador. Ziel
       dieser Regierungen war es, die Folgen des neoliberalen Umbaus der 1980er
       und 1990er Jahre abzufedern, soziale Ungleichheit zu reduzieren und
       staatliche Kontrolle über natürliche Ressourcen zurückzugewinnen.
       
       Innerhalb der „rosaroten Welle“ gab es jedoch unterschiedliche Strömungen.
       Während Länder wie Venezuela, Bolivien und Ecuador neue Verfassungen
       ausarbeiteten, der indigenen Bevölkerung politische Mitsprache garantierten
       und Rohstoffunternehmen verstaatlichten, verfolgen die Regierungen in
       Chile, Brasilien und Uruguay eher moderate Projekte, die den
       Neoliberalismus lediglich eindämmten.
       
       Lateinamerika ist reich an Rohstoffen und hängt von ihrem Export ab: Erdöl,
       Kupfer, Soja. [3][Die progressiven Regierungen profitierten vom
       Rohstoffboom der 2000er Jahre] und finanzierten durch die Einnahmen
       Sozialprogramme, die Millionen Menschen aus der Armut holten. Gleichzeitig
       scheiterten viele Projekte daran, ein alternatives Wirtschaftsmodell
       aufzubauen, das die Abhängigkeit vom Rohstoffexport überwindet.
       
       Mit der Wirtschaftskrise 2008 begann das Modell der durch Exporteinnahmen
       finanzierten Sozialprogramme zu bröckeln. Gleichzeitig nahmen in vielen
       Ländern Gewalt, organisierte Kriminalität und das Gefühl eines staatlichen
       Kontrollverlustes zu.
       
       Chile ist ein Land, das in den vergangenen Jahrzehnten besonders häufig von
       links nach rechts gependelt ist. Das lässt sich nicht durch
       Wahlkampfdynamiken erklären, sondern ist Ausdruck eines tiefen
       gesellschaftlichen Konflikts: Chile blieb auch nach der Rückkehr zur
       Demokratie im Kern ein neoliberales Land.
       
       Die Pinochet-Diktatur schuf ein Gesellschaftsmodell, das den sozialen
       Zusammenhalt aushöhlte und auf individuellen Aufstiegserzählungen basiert –
       Erfolg als persönliche Leistung, Scheitern als individuelle Verantwortung.
       Chile zeigt, dass der große Triumph des Neoliberalismus nicht
       wirtschaftlicher, sondern politischer und kultureller Natur ist.
       
       Mexiko ist ein Gegenbeispiel zum politischen Pendel in Lateinamerika.
       Während in vielen Ländern rechte oder rechtspopulistische Kräfte an Stärke
       gewinnen, gelang es der links-progressiven Regierungspartei Morena, ihre
       Macht kontinuierlich auszubauen und zugleich die extreme Rechte weitgehend
       kleinzuhalten.
       
       Andrés Manuel López Obrador gewann 2018 mit dem Versprechen, den Staat
       wieder auf die Seite der armen Bevölkerung zu stellen. Der Mindestlohn hat
       sich seitdem verdoppelt, die soziale Ungleichheit ist gesunken,
       Gewerkschaften und Arbeitsrechte wurden gestärkt. Millionen von Menschen
       aus der Arbeiter:innenklasse spüren diese Verbesserungen unmittelbar
       im Alltag.
       
       So gelang es Morena, eine stabile soziale Basis weit über urbane linke
       Milieus hinaus aufzubauen. Gerade in ländlichen Regionen und unter armen
       Bevölkerungsgruppen entstand dadurch eine Loyalität, die viele andere
       progressive Regierungen Lateinamerikas verloren hatten.
       
       ## Auch Mexiko nicht frei von Widersprüchen
       
       Claudia Sheinbaum, die Nachfolgerin von López Obrador, regiert mit
       konstanten Zustimmungswerten von über 70 Prozent und ist damit eine der
       beliebtesten Präsidentinnen Lateinamerikas. Morena regiert inzwischen mit
       starker institutioneller Macht: Die Partei kontrolliert den Kongress und
       die Mehrheit der Bundesstaaten.
       
       Sheinbaum hat vor Kurzem ein ambitioniertes sozialpolitisches Projekt
       angekündigt: den Aufbau eines universellen öffentlichen Gesundheitssystems,
       das allen Mexikaner:innen unabhängig von Versicherungsstatus oder
       Beschäftigung Zugang zu medizinischer Versorgung ermöglichen soll.
       
       Das bedeutet allerdings nicht, dass Mexiko frei von Konflikten und
       Widersprüchen wäre. Zentrale Grundpfeiler des Neoliberalismus wie das
       Steuersystem hat die Regierung bisher nicht angetastet. Kritiker:innen
       beobachten autoritäre Tendenzen der Regierung, eine zunehmende
       Machtkonzentration und eine starke Militarisierung des Staates.
       
       Gleichzeitig bleiben Gewalt, organisierte Kriminalität und Drogenkartelle
       ein zentrales Problem des Landes. Mexiko zeigt dennoch, dass progressive
       Regierungen dort dauerhaft hegemoniefähig werden können, wo sie spürbare
       Verbesserungen für die arbeitende Bevölkerung schaffen.
       
       ## Ungelöste Bedürfnisse nach Gerechtigkeit, Teilhabe, Stabilität
       
       Die bevorstehenden Wahlen in Kolumbien und Peru sowie die aktuellen
       Proteste in Bolivien zeigen, vor welchen politischen Herausforderungen
       Lateinamerika steht. In Kolumbien wird sich entscheiden, ob das progressive
       Projekt von Gustavo Petro weiterhin Bestand haben kann oder ob mit dem
       rechtsextremen Anwalt Abelardo de la Espriella ein Nachahmer von Milei an
       die Macht kommt.
       
       In Peru tritt ein Kandidat bei der Stichwahl an, der die marginalisierte
       und indigene Landbevölkerung des andinen Südens repräsentiert – seine
       Gegnerin ist Keiko Fujimori, die Tochter des Ex-Diktators Alberto Fujimori.
       Peru zeigt, wie tief die Spaltung zwischen urbanen Eliten und
       ländlich-indigenen Bevölkerungen geblieben ist.
       
       In Bolivien, wo mit Rodrigo Paz zum ersten Mal nach 20 Jahren der linken
       und indigenen MAS-Regierung ein rechter Präsident regiert, protestieren
       indigene und ländliche Bewegungen gegen den Versuch, den plurinationalen
       und sozialstaatlichen Charakter des Landes zurückzudrängen.
       
       Lateinamerika pendelt nicht einfach zwischen links und rechts, sondern
       zwischen unterschiedlichen Antworten auf die ungelösten Bedürfnisse nach
       sozialer Gerechtigkeit, demokratischer Teilhabe und wirtschaftlicher
       Stabilität. Wo progressive Regierungen das Leben der arbeitenden
       Bevölkerung konkret verbessern, gewinnen sie dauerhaft Rückhalt – das
       zeigen Mexiko und Brasilien. Genau darin liegt die Hoffnung der Linken.
       
       30 May 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [3] https://www.fdcl.org/publication/2023-12-11-neuer-rohstoffboom-in-lateinamerika-in-zeiten-von-krieg-und-klimakrise/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sophia Boddenberg
       
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