# taz.de -- Sicherheitsexperte über Baltikum: „Wir haben nicht den Luxus abzuwarten“
       
       > Sicherheitsexperte Marek Kohv ordnet die Bedrohungslage in den baltischen
       > Staaten ein und erklärt, warum manche Kriegsfolgen einkalkuliert werden
       > müssen.
       
 (IMG) Bild: Estland, 9. Mai: Selfie mit Protestplakat vor der Burg von Narva
       
       taz: Herr Kohv, wie bewerten Sie derzeit die Bedrohungslage in den
       baltischen Staaten?
       
       Marek Kohv: Unsere Sicherheit hängt sehr eng damit zusammen, wie es
       militärisch in der Ukraine läuft. Wenn wir also über heute oder dieses Jahr
       sprechen, können wir ziemlich sicher sein, dass Russland uns nicht
       angreifen wird. Aber: Russland ist ein autokratisches System und die dort
       getroffenen Entscheidungen sind nicht immer logisch oder folgen der
       westlichen Logik.
       
       taz: Was meinen Sie damit?
       
       Kohv: 2022 dachten die meisten westlichen Analysten, dass es für Russland
       aufgrund der wirtschaftlichen Folgen keinen Sinn ergibt, die Ukraine in
       vollem Umfang anzugreifen. Wie wir wissen, kam es anders. Aber wir sind
       jetzt in einer viel besseren Position als 2022. Estland hat viel in die
       Verteidigung investiert, wir sind uns der russischen Aktivitäten sehr wohl
       bewusst. Unsere Region ist vielleicht immuner gegen Russland und dessen
       Einflussoperationen als andere Teile Europas, weil wir dies bereits seit
       Anfang der 90er-Jahre erlebt haben.
       
       taz: Namhafte Expert:innen bemühen gerne das Narva-Szenario. Damit ist
       ein russischer Angriff auf die Grenzstadt oder Inseln im [1][Nordwesten
       Estlands] gemeint. Überbewertet?
       
       Kohv: Ziel dieser Analysen ist es auch, [2][die deutsche Gesellschaft
       darüber zu informieren,] dass es Bedrohungen gibt, die wir berücksichtigen
       müssen. Und natürlich muss man angesichts der schwierigen oder komplexen
       Geschichte des deutschen Militärs beziehungsweise der Militarisierung sehr
       vorsichtig sein. Sie können offenbar nicht direkt sagen, dass Deutschland
       von Russland angegriffen werden könnte. Dann ist es einfacher, auf Staaten
       zu verweisen, die weiter von Deutschland entfernt sind, aber dennoch Teil
       der Nato sind. Dabei werden aber einige Dinge vergessen.
       
       taz: Welche denn?
       
       Kohv: Die estnischen Streitkräfte bestehen auch aus einer Reservearmee. Es
       geht nicht darum, wie viele Offiziere oder Soldaten wir im aktiven Dienst
       haben, sondern um einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz. Tatsächlich
       sprechen wir in Estland von 100.000 Soldaten. Wie groß ist die Bundeswehr?
       Sie hat rund 180.000 Soldaten. Estland hat bei einer Bevölkerung von rund
       1,2 Millionen Menschen die Hälfte der Soldaten der Bundeswehr in der
       Reserve. Estland ist eines der wenigen Länder, das Mobilisierungsübungen
       durchführt. Wir üben jedes Jahr, wie schnell Reserveeinheiten einberufen
       werden können. Das ist eine Frage von Stunden, nicht von Tagen. Zum anderen
       sind unsere Nachrichtendienste sehr gut informiert über russische
       Aktivitäten innerhalb Estlands und an unseren Grenzen. Estland hat außerdem
       eine neue Militärstrategie. Falls Russland uns angreifen sollte, werden wir
       nicht warten, bis die Nato zu Hilfe kommt. Die neue Doktrin sieht vor, dass
       wir den Kampf sofort auf russisches Territorium tragen.
       
       taz: Die Gefahr durch Drohnenabstürze, Umweltverschmutzung an den Küsten
       durch den ukrainischen Beschuss russischer Ölraffinerien – diese Folgen des
       Krieges sind sichtbar. Ist es das wert? 
       
       Kohv: Warum nimmt die Ukraine russische Ölraffinerien ins Visier? Unsere
       Sanktionen aus dem Westen sind schwach. Wir setzen die Sanktionen nicht so
       um, wie sie eigentlich gedacht sind. Und jetzt, wo wir sehen, dass die USA
       tatsächlich einige Sanktionen gegen die russische Ölindustrie aufheben,
       dann verstehe ich vollkommen, warum die Ukraine das tut. Wenn die russische
       Ölindustrie boomt, dann hat Russland mehr Geld für seine Kriegsmaschinerie.
       Russland kümmert sich nicht um ökologische Fragen. Das haben wir in der
       Ukraine gesehen. Sie haben Farbenfabriken bombardiert, die, wenn sie
       brennen, sehr giftige Gase ausstoßen. Im Krieg hat man eigentlich nur zwei
       Optionen. Entweder versucht man, den Gegner so zu beeinflussen, dass er die
       Kämpfe einstellt, oder man akzeptiert, dass er die eigenen Gebiete besetzt,
       und dann wird der ökologische Schaden noch schlimmer sein.
       
       taz: Die baltischen und nordischen Staaten verstärken ihre Zusammenarbeit.
       Eine Reaktion auf den sukzessiven Rückzug der USA aus der Nato? 
       
       Kohv: In der Nato gab es schon immer so etwas wie kleine Insiderclubs. Es
       geht vor allem um fünf Länder, die an Russland grenzen. Das sind Finnland,
       die baltischen Staaten und Polen, und diese fünf Länder arbeiten so eng
       zusammen, dass im Falle eines Angriffs auf eines dieser Länder alle fünf
       gleichzeitig reagieren werden. Wir haben nicht den Luxus abzuwarten, bis
       Artikel 5 in Kraft tritt. Wir werden also von der allerersten Minute an
       kämpfen. Wenn wir über Finnland sprechen, sind natürlich auch Schweden und
       Norwegen miteinbezogen. Estland hat zudem bilaterale Abkommen und außerdem
       Streitkräfte aus Großbritannien und Frankreich hier, also Atommächte. Dann
       haben wir Litauen, wo eine deutsche Brigade stationiert ist. Also ist auch
       Deutschland mit einbezogen. Wir haben fast die Hälfte Europas automatisch
       mit dabei.
       
       taz: Also keine Spaltung?
       
       Kohv: Nein. Auch die Länder, die nicht so viel für Verteidigung ausgeben,
       sind Verbündete. Wir haben italienische Kampfflugzeuge hier, die
       reagierten, als russische Kampfflugzeuge den estnischen Luftraum verletzt
       haben. Wir haben spanische Kampfflugzeuge hier und ungarische, die
       ebenfalls im Rahmen der Luftüberwachung in der Region tätig sind. Also
       leisten alle Verbündeten einen Beitrag.
       
       taz: Estland gibt mehr als 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für
       Verteidigung aus. Zugleich fehlen Investitionen in Bildung, Gesundheit oder
       Pflege. Warum gibt es dennoch keine Debatte?
       
       Kohv: Das ist ziemlich einzigartig. In Estland im Vergleich zu anderen
       Nato-Ländern gibt es eine allgemeine Zustimmung zu Verteidigungsausgaben.
       Wir wissen, wie es ist, von Russland besetzt zu sein. Meine Frage an alle
       Länder in den westlichen Bündnissen, wenn es zum Worst Case kommt: Wollt
       ihr mit hohen Gehältern, guten Renten und tollen Straßen in einen Dritten
       Weltkrieg ziehen oder wollt ihr mit einer sehr gut vorbereiteten
       Gesellschaft und Streitmacht in diesen Krieg ziehen?
       
       taz: Haben Sie Verständnis für Kritik an Militarisierung?
       
       Kohv: Natürlich. In Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern hattet
       ihr eure Friedensphase, die wir hier eigentlich nie erlebt haben, selbst
       als wir unsere Unabhängigkeit wiedererlangten. Russische
       Einflussoperationen begannen bereits in den 90er-Jahren. Wir erlebten
       hybride Aktivitäten aus Russland, noch bevor der Begriff „hybrid“ geprägt
       wurde. Es braucht Zeit, um die Denkweise der Gesellschaften zu ändern,
       damit sie verstehen, dass sich die Sicherheitslage in der Welt verändert
       hat und wir nicht mehr zu einem „Business as usual“ zurückkehren können.
       
       taz: Wäre es Zeit für eine europäische Armee?
       
       Kohv: Das ist eine verrückte Idee, die überhaupt keinen Bezug zum
       wirklichen Leben hat. Woher soll man diese Einheiten nehmen? Die meisten
       unserer Länder sind Teil der Nato und die Nato hat auch keine eigene Armee.
       Es geht doch bei der Diskussion eher darum, was wir tun sollten, wenn die
       USA nicht mehr so stark involviert sind. Die europäischen Länder könnten
       zum Beispiel mehr in ihre Verteidigung investieren oder ihre Waffensysteme
       auf einen einheitlichen Standard bringen, sodass wir nicht so viele
       verschiedene Waffentypen haben. Zum Beispiel bei Artilleriegeschützen oder
       gepanzerten Fahrzeugen.
       
       taz: Und die Ukraine? Sollte sie [3][Teil der Nato] und der EU sein?
       
       Kohv: Ja, obwohl die Ukraine im Krieg ist. Sie gehört dazu. Aber im Moment
       sollten wir vor allem die ukrainische Verteidigungsindustrie unterstützen.
       Die Ukraine hat bewiesen, dass sie sehr effizient bei der Entwicklung und
       Herstellung sehr effektiver Waffensysteme sein kann. Die Nato-Verbündeten
       können tatsächlich sehr viel von der Ukraine lernen. Aber man muss immer
       bedenken, dass echte Innovation an der Front stattfindet. Russland und die
       Ukraine sind also derzeit diejenigen, die am innovativsten sind.
       
       taz: Der [4][Krieg in der Ukraine geht ins fünfte Jahr.] Glauben Sie noch
       an eine diplomatische Lösung?
       
       Kohv: Ich glaube nicht, dass der Krieg dieses Jahr zu Ende geht. Weil
       Russland nicht genug Druck von der internationalen Gemeinschaft spürt. Ich
       meine nicht nur die EU oder die USA, sondern auch China. Wenn China
       Russland nicht unterstützen würde, könnte Russland diesen Krieg nicht
       fortsetzen. Das ist also das diplomatische Spiel, das in den Händen der
       höheren politischen Mächte liegt. Die USA haben bewiesen, dass sie keinen
       Druck auf Russland ausüben können. Deshalb bin ich ziemlich pessimistisch,
       was ein diplomatisches Ergebnis in diesem Jahr angeht.
       
       21 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Feierlichkeiten-zum-9-Mai-in-Estland/!6177574
 (DIR) [2] /Buch-ueber-Putins-imperiale-Strategie/!6097078
 (DIR) [3] /Tagung-des-Nato-Rates/!6111535
 (DIR) [4] /Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine/!t5008150
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tanja Tricarico
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Estland
 (DIR) Litauen
 (DIR) Lettland
 (DIR) Sicherheitspolitik
 (DIR) Nato
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Norwegen
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Lettland
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Litauen
 (DIR) Russland
 (DIR) Katastrophenschutz
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Longread
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Beistandsklausel vereinbart: Norwegen rückt unter Frankreichs nuklearen Schutzschirm
       
       Frankreich und Norwegen verstärken ihre Zusammenarbeit: Neben einem
       Beistandsabkommen erhält Norwegen Zugang zu Frankreichs nuklearem
       Schutzschirm.
       
 (DIR) Russlands Raketen auf Kyjiw: Däumchen drehen für den Frieden
       
       Ein heißer Sommer droht in der Ukraine und im Baltikum. Aber Europa findet
       keine angemessene Antwort auf Russlands militärische Eskalation.
       
 (DIR) Nach Streit um Luftraumverletzung: Lettland einigt sich auf neue Regierung
       
       Eine Koalition aus vier Parteien soll Lettland regieren. Doch das
       Wahlbündnis des grünen Regierungschefs Kulbergs ist eher
       rechtspopulistisch.
       
 (DIR) Russisch-belarussisches Manöver: „Krieg der Nerven“
       
       Erstmals haben Russland und Belarus eine gemeinsame Nuklearübung
       durchgeführt. Offiziell zu „Vorbereitung und Einsatz von Atomstreitkräften
       im Fall einer Aggression“.
       
 (DIR) Drohnenalarm in den baltischen Staaten: Einschüchterungsversuche an der Nato-Ostflanke
       
       Luftalarm in Litauen, in Lettland fallen Abi-Prüfungen aus, in Estland wird
       eine Drohne abgeschossen. Die Nato wird auf die Probe gestellt.
       
 (DIR) Gasleitung nach China: Putins Rohrkrepierer
       
       Russland möchte eine weitere Gaspipeline nach China bauen. Doch
       Fortschritte gab es dazu beim Gipfel in Peking nicht. Putin rennt die Zeit
       davon.
       
 (DIR) Katastrophenschutz an der Ostflanke: Blaue Dreiecke und Verteidigungsunterricht
       
       In den baltischen Staaten sind Vorbereitungen auf den Angriffsfall viel
       extensiver als im Rest Europas. Auch aus Angst vor dem Nachbarn Russland.
       
 (DIR) Eskalierende Angriffe im Ukrainekrieg: Ukrainische Drohnen erreichen Moskau
       
       Die Sorgen vor einer weiteren russischen Eskalation wachsen, nachdem die
       Ukraine erstmals große Treffer im Umland der russischen Hauptstadt
       erzielte.
       
 (DIR) Estnische Grenzstadt Narva: Leben im möglichen Einfallstor für Putin
       
       Das estnische Narva grenzt direkt an Russland. Wie lebt es sich in einer
       Stadt, über die es immer wieder heißt, sie sei die nächste Kriegsfront?