# taz.de -- Russisch-belarussisches Manöver: „Krieg der Nerven“
> Erstmals haben Russland und Belarus eine gemeinsame Nuklearübung
> durchgeführt. Offiziell zu „Vorbereitung und Einsatz von
> Atomstreitkräften im Fall einer Aggression“.
(IMG) Bild: Ein Militär-Lkw verlässt ein Depot während Übungen der Nuklearstreitkräfte an einem nicht näher bezeichneten Ort in Belarus, 21. Mai 2026
Parallel [1][zum Besuch von Kremlchef Wladimir Putin in Peking] hat
Russland diesen Dienstag ein dreitägiges Großmanöver mit Zehntausenden
Soldaten und Übungen seiner Nuklearkräfte begonnen. Beteiligt waren
dreizehn U-Boote der russischen Marine, mehr als siebzig Kriegsschiffe,
Hunderte strategischer Raketenkomplexe und 64.000 Soldaten. Was einem
unbeteiligten Beobachter wie der Beginn eines schrecklichen Szenarios der
Geschichte erscheinen könnte, waren in Wirklichkeit die umfangreichsten
Militärübungen Russlands und Belarus' zur Anwendung von Atomwaffen seit dem
Ende der Sowjetzeit.
Zum ersten Mal in der Geschichte des unabhängigen Belarus hat die Armee des
Landes an einem solchen Manöver teilgenommen. Der Grund: Russland hat vor
drei Jahren [2][taktische Atomwaffen auf dem Territorium seines Verbündeten
stationiert] und dabei festgelegt, dass es die volle Kontrolle über deren
Einsatz behält. Das Schema ähnelt dem europäischen der nuklearen Teilhabe,
bei dem die USA ihre Atomwaffen in Deutschland und anderen Nato-Staaten
stationieren.
Der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko beharrt zwar darauf, dass
er selber den roten Knopf drücken werde, sollte jemand seine persönliche
Macht infrage stellen. Doch Experten halten seine Äußerungen für einen
Bluff. Eine Woche vor Beginn des Manövers hat man in 19 belarussischen
Regionen das Betreten von Waldgebieten an den Grenzen zu Polen, der Ukraine
und den baltischen Staaten verboten, angeblich wegen der Gefahr saisonaler
Waldbrände.
## Schlimmste Kriegsbefürchtungen im Vorfeld
Russische und belarussische Militärbehörden hatten sich in Bezug auf das
bevorstehende Manöver in Schweigen gehüllt und Analysten gingen angesichts
der Sperrung der Grenzgebiete vom Schlimmsten aus. So wurde spekuliert,
Russland könnte die Ereignisse von vor vier Jahren wiederholen und erneut
von belarussischem Gebiet aus in die Ukraine einmarschieren. Gründe für
solche Schlussfolgerungen gab es – Lukaschenko hatte in letzter Zeit
wiederholt erklärt, man bereite sich auf einen Krieg vor.
Dieses Mal wurde allerdings keine nennenswerte Konzentration russischer
Streitkräfte auf belarussischem Staatsgebiet festgestellt.
Nach Ansicht von Kamil Kłysiński, einem Experten des [3][polnischen
Zentrums für Oststudien], könnte die Sperrung der Wälder ein Hinweis des
offiziellen Minsk auf mögliche militärische Provokationen gegenüber den
Nachbarstaaten sein – eine Drohung, aber kein reales Aggressionsszenario.
## Gründe des Kremls für das Manöver
Aber warum war ausgerechnet jetzt eine Demonstration der atomaren Macht
nötig? Einer der Gründe sind die Misserfolge der russischen Truppen im
Südosten der Ukraine. Ihre Verluste übersteigen die Zahl der neu
eingezogenen Soldaten. Das liegt vor allem an den Tausenden ukrainischer
Kampfdrohnen, die die Frontlinie kontrollieren. Die russische Gesellschaft
ist zunehmend unzufrieden mit den Folgen des Krieges, und [4][der Kreml
brauchte eine lautstarke PR-Aktion], in diesem Fall ein Nuklearmanöver, zur
Motivation seiner Anhänger.
Ein weiterer Grund dafür, dass der Kreml gerade jetzt die Spannungen
verstärkt, ist das sich abzeichnende Machtvakuum in Europa. Dies ist eine
Folge davon, dass die USA nicht mehr als Garant für die europäische
Sicherheit fungieren und ihre militärische Präsenz auf dem Kontinent
reduzieren, [5][während die Atommacht Frankreich] die politische und
militärische Führung in Europa übernehmen will.
Vor einem Monat vereinbarten Warschau und Paris die Durchführung eines
gemeinsamen Manövers an der Nato-Ostflanke, bei dem der polnischen
Luftwaffe Aufklärungs- und Feuerschutzaufgaben für französische Flugzeuge
zukommen, die den Einsatz von Atomwaffen gegen einen fiktiven Gegner
simulieren. Das neue polnisch-französische Militärbündnis hat die Generäle
in Moskau in Schrecken versetzt. Am 20. Mai erklärte Russlands
Vize-Außenminister Sergei Rjabkow, Russland könne die nukleare Aufrüstung
der Nato nicht ignorieren und werde, so seine Darstellung, „angemessen und
verhältnismäßig“ reagieren.
Auch für Minsk gibt es durch das gemeinsame Manöver mit Russland
außenpolitische Vorteile. Das belarussische Militär hat sich dadurch vom
„Nachtwächter“ fremder Atomwaffen zum Mitgestalter der Planung eines großen
Krieges entwickelt. Lukaschenko wiederum hoffte, den Politikern in
Warschau, Kyjiw, Vilnius und Brüssel auf die Nerven zu gehen.
## Rutte spricht von „verheerenden“ Reaktionen der Nato
Die westlichen Demokratien ließen sich nicht einschüchtern.
Nato-Generalsekretär Mark Rutte versprach, dass im Falle eines russischen
Einsatzes von Atomwaffen gegen die Ukraine die Reaktion des Bündnisses
„verheerend“ sein würde. Und der polnische Staatssekretär Jakub Stefaniak
erklärte am Mittwoch auf einer Pressekonferenz, dass dieses
russisch-belarussische Manöver Teil eines hybriden Krieges, eines „Kriegs
der Nerven“, sei. „Ruhe und Wachsamkeit – das ist die Taktik Europas“,
fügte der polnische Analyst Kamil Kłysiński hinzu.
„Die Welt wird nie mehr so sein wie zuvor“, kommentieren Nutzer sozialer
Netzwerke das Manöver, das am Donnerstag zu Ende ging. Und sind sich einig:
Europa müsse sein eigenes Verteidigungspotenzial stärken und entschlossen
auf Provokationen derer reagieren, die nur die Sprache der Macht verstehen.
Aus dem Russischen Gaby Coldewey
21 May 2026
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