# taz.de -- Estnische Grenzstadt Narva: Leben im möglichen Einfallstor für Putin
       
       > Das estnische Narva grenzt direkt an Russland. Wie lebt es sich in einer
       > Stadt, über die es immer wieder heißt, sie sei die nächste Kriegsfront?
       
 (IMG) Bild: Fast alle Menschen in Narva sprechen im Alltag russisch
       
       Nach Narva kommt man nicht zufällig. Es gibt nur eine Bahnlinie, die den
       Westen mit dem Osten Estlands verbindet. Der Zug aus Tallinn schiebt sich
       Dorf für Dorf durch die flache Landschaft – vorbei an ein paar wenigen
       Häusern, Kiefernwäldern, Mooren. Je näher man gen Osten kommt, desto
       geradliniger wird es. Lange Straßen, breite Alleen, gesäumt von grauen
       Plattenbauten.
       
       Es ist Mitte März 2026. Der Schnee ist weg, die Sonne steht noch winterlich
       tief. Auf den Straßen sind nur vereinzelt Menschen zu sehen, obwohl es rund
       52.000 sind, die hier leben. [1][Narva ist die östlichste Stadt Estlands],
       wird nur durch den gleichnamigen Fluss von Russland getrennt. Rund 95
       Prozent der Menschen sind russischsprachig. Die Stadt ist EU-Grenzposten,
       Nato-Ostflanke und steht immer wieder als mögliches Einfallstor für Putin
       im Fokus.
       
       Knapp die Hälfte der Menschen in Narva besitzt die estnische
       Staatsbürgerschaft, rund 30 Prozent die russische. Etwa 20 Prozent sind
       staatenlos oder haben andere Pässe. Die staatenlosen Menschen – die
       Inhaber:innen des sogenannten grauen Passes – sind überwiegend sowjetische
       Zuwander:innen. Für die estnische Staatsbürgerschaft müssten sie einen
       Sprach- und Integrationstest bestehen, der für viele eine große Hürde
       darstellt. Der graue Pass geht mit Wohnrecht, Sozialleistungen und
       visafreiem Reisen in den Schengen-Raum und nach Russland einher.
       
       Trotz des hohen Anteils estnischer Staatsbürger:innen ist Narva sprachlich
       und kulturell klar russischsprachig geprägt. Die Stadt ist somit weniger
       ein Ort verschiedener Lager, sondern einer des Arrangements. Sprache,
       Identität und Staatsbürgerschaft bilden eine komplexe Gemengelage.
       
       Mitte März wird greifbar, wie fragil dieses Arrangement sein kann:
       Pro-russische Kanäle rufen auf Plattformen wie Telegram und Vkontakte die
       „Volksrepublik Narva“ aus. Memes zeigen eine veränderte Grenzziehung, eine
       eigene Flagge. Sie propagieren die Einnahme der russischsprachig
       dominierten Städte Narva, Sillamäe und Kohtla-Järve. Die Rhetorik der
       Social-Media-Kampagne erinnert an die [2][Annexion der Krim 2014].
       [3][Eines der Bilder] trägt die Aufschrift: „Von Narva bis Püssi (im
       Nordosten Estlands; Anm. d. Red.) erstreckt sich das russische Land.“
       
       Die Betreiber:innen des estnischen Antipropagandablogs Propastop sprechen
       von gezielter Desinformation. Der estnische Auslandsgeheimdienstchef
       beschwichtigt, es gebe keine Hinweise auf konkrete Invasionspläne.
       Sicherheitsexpert:innen warnen dennoch vor einer volatilen Lage. Darunter
       Carlo Masala, Professor für Sicherheitspolitik an der Universität der
       Bundeswehr in München und Autor des Buches „Wenn Russland gewinnt. Ein
       Szenario“.
       
       Das Szenario: Russische Truppen erobern im März 2028 Narva. Masala wirft in
       seinem Buch Fragen nach einer unzureichenden Aufrüstung Europas auf und
       danach, wie die Nato auf diesen Angriff reagieren würde. Mitte März hält er
       die Kampagne im Gespräch mit der taz nicht für ein unmittelbares
       Angriffssignal, verweist aber auf steigende Unsicherheiten: „So eine
       Kampagne macht man natürlich nur, wenn es auch einen Resonanzraum dafür
       gibt.“
       
       Laut Masala ist sie Teil einer hybriden Kriegsführung Russlands und reiht
       sich in eine Reihe von Provokationen ein. Grenzbojen im Fluss Narva
       verschwinden, die Grenze im Fluss wird von russischen
       Grenzschutzbeamt:innen mit dem Boot überquert, immer wieder halten sich
       russische Kampfjets im estnischen Luftraum auf.
       
       ## Politik auf Konfrontationskurs
       
       Narvas Bürgermeisterin Katri Raik zeigte sich noch vor wenigen Wochen
       ermüdet von den erneuten Spekulationen über einen möglichen bevorstehenden
       militärischen Konflikt. [4][Auf Facebook schreibt sie], die
       Desinformationskampagne löse in ihr und der Stadtgesellschaft
       Unverständnis, Trotz und Abscheu aus, zugleich wachse Unmut darüber, dass
       das Ereignis medial noch verstärkt werde. Denn „eigentlich sorgen sich die
       Narvaner vor allem um ihr tägliches Auskommen, steigende Preise, den Mangel
       an Arbeit.“
       
       Seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine ist Estlands Politik
       gegenüber Russland sowie den russischen Staatsbürger:innen in Estland
       deutlich konfrontativer geworden: Sowjetische Denkmäler wurden aus dem
       öffentlichen Raum entfernt, [5][eine Schulreform wird den Unterricht
       vollständig auf Estnisch umstellen], [6][nicht europäische
       Staatsbürger:innen], also auch die mit „grauem Pass“, sollen ihr
       Kommunalwahlrecht verlieren.
       
       Bürgermeisterin Raik, die eine klare proestnische Haltung vertritt, steht
       seit ihrer knappen Wiederwahl im Dezember 2025 unter Druck. Oppositionelle
       Kräfte, darunter Vertreter:innen der russischsprachigen Bevölkerung Narvas
       – versuchten wiederholt, die Machtverhältnisse im Rat zu kippen. Sie werfen
       Raik unter anderem vor, die Belange der estnischen Bürger:innen stärker in
       den Blick zu nehmen als die der russischen. Im März 2026 steht Raik für ein
       Gespräch nicht zur Verfügung, sagt kurz per SMS ab: „Sehr schwere
       politische Situation“, sie müsse sich entschuldigen.
       
       Die Kampagne zur „Volksrepublik Narva“ erinnert an den Sommer 1993: Die
       Lage in Ida-Virumaa, dem Landkreis Estlands zu dem auch Narva gehört, ist
       damals angespannt. Die Regierung unter Maart Laar setzt eine strikte
       Staatsbürgerschaftspolitik um, die viele Zuwander:innen aus der ehemaligen
       UdSSR ausschließt und Unmut auslöst; ehemalige Funktionäre wollen Einfluss
       zurück.
       
       ## Referendum für die Autonomie
       
       Im Narvaer Stadtrat wird daraufhin ein Referendum initiiert: Mitte Juli
       soll in Narva und Sillamäe eine Volksabstimmung stattfinden – mit dem Ziel,
       den Städten Autonomie zu gewähren. Auch in Kohtla-Järve ist eine Abstimmung
       geplant. Die lokalen Behörden verweigern sich. Wie ein dunkler Schatten
       hängt über Estland die Frage: Könnte sich ein Teil von Ida-Virumaa
       abspalten und erneut in den Einflussbereich Russlands geraten?
       
       Wenige Wochen später beteiligen sich knapp über die Hälfte der Menschen in
       Narva an der Volksabstimmung. 97 Prozent von ihnen stimmen für die
       Autonomie. In Sillamäe sind die Zahlen ähnlich. Der Oberste Gerichtshof in
       Estland erklärt das Referendum für verfassungswidrig – nur das estnische
       Parlament dürfe über eine regionale Autonomie entscheiden.
       
       Und jetzt die Kampagne zur „Volksrepublik“. Wieder Narva, Sillamäe und
       Kohtla-Järve. Masala meint, Narva sei heute ein anderes als noch vor
       einigen Jahren: „Bis ungefähr 2023 hätte ich immer gesagt, ‚Narva is
       next.‘“ Über die vergangenen anderthalb Jahre habe die estnische Regierung
       aber sehr viel getan, um Narva und die Grenze abzusichern.
       
       Estland investiert massiv in seine Sicherheit – errichtet eine
       Verteidigungslinie mit Bunkern und Panzersperren entlang der Grenze zu
       Russland, plant einen neuen Militärstützpunkt in Narva. Seit dem
       Nato-Beitritt Finnlands und Schwedens sind zudem neue Möglichkeiten für die
       Verstärkung des Baltikums im Krisenfall jenseits der traditionellen Route
       durch die [7][Suwałki‑Lücke] entstanden, dem schmalen Korridor zwischen
       Polen und Litauen. „Im Ostseeraum hat sich die Sicherheitsarchitektur
       zugunsten der Nato verändert“, so Masala. Dennoch müsse man unbedingt
       wachsam bleiben.
       
       Doch wie sind die geopolitischen Spannungen im Alltag der Narvaner:innen
       spürbar? Was spaltet die Menschen? Und was bringt sie zusammen?
       
       Sergei Poljatšihhin ist zuständig für Bürgerdialog am Vaba Lava, dem freien
       Theaterhaus in Narva. „Interessanterweise erinnern sich viele hier gar
       nicht mehr an das Referendum von damals. Aber heute, über dreißig Jahre
       später, sind diese ganzen Fragen immer noch da“, sagt er. Die Fragen, die
       Poljatšihhin meint, sind solche nach Identität und geografischen Grenzen,
       Fragen nach der Zukunft. Und sie sind lauter denn je. Hier am freien
       Theaterhaus haben sie deshalb gerade einen Dokumentartheaterabend aus
       historischen Dokumenten und persönlichen Erinnerungen über das Referendum
       von 1993 entwickelt. „Kuum Suvi ’93“.
       
       Sergei Poljatšihhin trägt eine schwarze Brille, Pulli, Turnschuhe und wirkt
       wie jemand, der die Themen der Stadt aufmerksam beobachtet. Er kommt aus
       der estnischen Universitätsstadt Tartu, wo er 1989 in eine
       russischsprachige Familie geboren wird. „Russisch ist meine Muttersprache.
       Das macht es hier leicht für mich.“ Nur wenige Monate nach dem russischen
       Überfall auf die Ukraine arbeitete Poljatšihhin am Projekt „100% Narva“ des
       deutschen [8][Theaterkollektivs Rimini Protokoll] mit. Das Projekt
       versammelte hundert Einwohner:innen Narvas auf der Bühne, die zu ihren
       Haltungen und Lebenserfahrungen befragt wurden.
       
       „In einer der Proben haben wir gefragt: Unterstützt ihr die Aggression
       Russlands gegen die Ukraine – ja oder nein?“, erinnert sich Poljatšihhin.
       Die Situation eskaliert. „Die Menschen waren verärgert, verstanden nicht,
       warum sie diese Frage beantworten sollten. Viele sind dann erst mal raus,
       zum Rauchen. Wir dachten, okay das war’s. Aber sie haben zu Ende geraucht
       und kamen zurück auf die Probe.“ Das Team verallgemeinert die Frage, löst
       sie vom konkreten Konflikt. Stattdessen wollen sie wissen, ob die
       Teilnehmer:innen es gutheißen, dass politische Entscheidungen durch
       Aggression gegen andere Länder durchgesetzt werden: „Niemand von ihnen hat
       das unterstützt.“
       
       Vor dem Krieg gegen die Ukraine hätten sie hier oft mit Regisseur:innen aus
       Russland zusammengearbeitet, sagt Poljatšihhin. Das sei vorbei. „Es fühlt
       sich für uns ethisch nicht vertretbar an.“
       
       Die Grenze zwischen Estland und Russland verlaufe längst auch zwischen den
       Menschen: „Du lebst im selben Haus, isst zusammen an einem Tisch. Aber dann
       kommt das Thema Russland auf und da ist dieser tiefe Graben. Die russische
       Invasion in die Ukraine ist ein völkerrechtswidriger Angriff. Und die große
       Frage, die mich beschäftigt, ist: Wie konnten wir zu so unterschiedlichen
       Ansichten und Perspektiven kommen?“ In Narva ist russische Propaganda für
       viele Menschen Teil des Alltags. Über das Fernsehen, Radio und die sozialen
       Netzwerke sind sie an die politische Einflusssphäre Russlands angedockt.
       
       Einer [9][Umfrage der estnischen Regierung] aus dem Jahr 2023 zufolge
       unterstützen vier bis acht Prozent der jüngeren russischsprachigen Menschen
       in Estland den Krieg gegen die Ukraine, bei älteren sind es sechs bis
       fünfzehn Prozent. 36 Prozent von ihnen gaben an, darauf nicht antworten zu
       wollen.
       
       Trotz der Gräben, die sich durch manche Familien ziehen, glaubt
       Poljatšihhin nicht, dass die Menschen einen Konflikt wollen: „Die wollen
       einfach ihr Leben leben. Zur Arbeit gehen, Zeit mit ihrer Familie
       verbringen. Viele sind mit der estnischen Regierung nicht zufrieden, aber
       niemand braucht Russland hier. Die Leute wollen kein Spielball der Politik
       sein. Sie wollen einfach ihre Ruhe.“
       
       Narva ist eine Stadt, aus der die Zukunft abwandert. Nach der Schule gehen
       viele an die Universitäten in Tallinn, Tartu oder gleich ins Ausland – und
       kommen selten zurück. Narva schrumpft, weil die Jobs fehlen. Die
       Arbeitslosenquote ist mit 11,3 Prozent so hoch wie in keiner anderen Region
       des Landes.
       
       ## Geschichte eines Niedergangs
       
       Dabei war Narva mal ein bedeutender Industriestandort: Die ansässige
       Textilfabrik Kreenholm mit ihrer Baumwollspinnerei und Weberei gehört im
       19. Jahrhundert zu den größten Industrieunternehmen Europas. In
       Spitzenzeiten arbeiten hier 10.000 Menschen an den Spindeln und Webstühlen.
       
       Doch es ist still geworden. Zwischen Backsteinfassaden mit zerbrochenen
       Fenstern rankt Efeu, wuchern Büsche.
       
       Die Kreenholm-Manufaktur wird 1857 von dem Bremer Kaufmann Ludwig Knoop
       gegründet, sie produziert Baumwoll- und Leinenstoffe. Ihre Blütezeit erlebt
       die Fabrik zwischen 1880 und 1910: Rund die Hälfte der Einwohner:innen
       Narvas ist in der Fabrik beschäftigt, darunter über zwei Drittel der
       weiblichen Bevölkerung.
       
       Auch Olga Homakova hat in Kreenholm gearbeitet. Von 1988 bis 1990 stellte
       sie in der Fabrik Textilien her. Ihr Haar ist kurz, sie trägt eine Brille
       mit markantem schwarzen Rahmen und die Spuren eines Arbeitslebens, das früh
       begonnen hat. Als Homakova anfing, war sie erst 14. In Kreenholm sei sie
       schnell erwachsen geworden, sagt sie heute: „Ich habe dort meine erste
       Zigarette geraucht, als ich mit den Mädchen in die Pause ging. In Kreenholm
       habe ich verstanden, was Arbeit bedeutet. Ich habe begriffen, was es heißt,
       eigenes Geld zu verdienen.“
       
       Über Generationen hinweg arbeiten mehrere Frauen aus ihrer Familie in der
       Fabrik. „Meine Tante und meine Großmutter waren in Kreenholm. Du konntest
       dort Mutter sein und trotzdem arbeiten.“ Auf dem Fabrikgelände gibt es
       Kindergärten, ein Krankenhaus und Kulturhäuser – eine Stadt in der Stadt.
       
       Inzwischen ist Olga Homakova 51 Jahre, pendelt tageweise zwischen Narva und
       Tallinn. In Tallinn arbeitet sie in der Produktion von Abschminkpads, in
       Narva kümmert sie sich um ihre Mutter. Die Zeit in Kreenholm ist ihr immer
       noch sehr präsent: „Wenn die Leute morgens aus den Bussen ausstiegen, war
       das wie eine große Wolke, die über das Gelände zog und in der Fabrik war es
       laut, staubig. Es war Knochenarbeit.“
       
       Während der Sowjetzeit ist Kreenholm die einzige Textilfabrik, die
       exportiert. Wenn Homakova mit ihrem Hund an Kreenholm vorbeigeht, überkommt
       sie Melancholie: „Man spürt diesen Verlust in der Stadt noch immer.“
       
       Nach dem Zerfall der Sowjetunion passt sich die Wirtschaft an den
       Kapitalismus an, ganze Industriezweige bauen Arbeitsplätze ab. Da ist
       Homakova 16 Jahre alt: „Ich habe diese politischen Umstände damals nicht
       verstanden. Meine Großmutter hat fast 47 Jahre lang als Weberin gearbeitet.
       Es war sehr schwer für sie, ihre Arbeit zu verlieren. Wir haben gute Arbeit
       geleistet. Immer.“
       
       1994 wird Kreenholm privatisiert. Über die Jahre schrumpft die Belegschaft
       durch Übernahmen und Insolvenzen erst auf 500 später auf 31 Beschäftigte.
       Narva verliert damit seinen industriellen Mittelpunkt und den gemeinsamen
       sozialen Bezugspunkt, der die Stadt über Generationen geprägt hat. Wo
       früher Fabrikalltag eine Identifikation stiftete, ist eine Lücke
       entstanden. An Kreenholm wird sichtbar, wie eng in Narva der
       wirtschaftliche Systemwechsel nach 1991 mit Fragen von Identität und
       Zugehörigkeit verknüpft ist.
       
       ## Kirche mit tragischer Geschichte
       
       Wer von Narvas Stadtzentrum nordwärts der Landstraße folgt, immer am
       Grenzfluss Narva entlang, erreicht den kleinen Kurort Narva‑Jõesuu. Die
       Strecke kennt Daniil Doronin auswendig. In seinem orangefarbenen Fiat Punto
       hängt Jesus neben dem Duftsäckchen am Rückspiegel. Und hat offenbar schon
       bessere Tage gesehen. „An seinen Lenden ist ein Stück herausgebrochen.
       Deshalb konnte ich das Kruzifix nicht woanders verwenden.“
       
       Doronin gestikuliert beim Reden, nimmt den Blick von der Straße, die Hände
       vom Lenkrad, gibt Gas, dreht die Musik auf: Der Chor der Heiligen
       Dreifaltigkeit des Kyjiwer Ioninsky-Klosters unter der Leitung von Dmitry
       Bolgarsky.
       
       Daniil Doronin ist Priester der estnisch-orthodoxen „Kirche der Kasaner
       Ikone der Gottesmutter“ in Narva‑Jõesuu, die zur russisch-orthodoxen Kirche
       des Moskauer Patriarchats gehört.
       
       1992 wird er in Kyjiw geboren, schlägt dort zunächst eine Laufbahn als
       klassischer Musiker ein, studiert Violine. Nach dem Studium nimmt Doronin
       eine Assistentenstelle in einem orthodoxen Kloster an, verfolgt seinen
       ursprünglichen Plan, Priester zu werden. Dann kommt das Jobangebot aus
       Narva‑Jõesuu. „Das war Wunder Nummer eins“, erzählt er. Elf Jahre ist das
       jetzt her.
       
       Den Fiat Punto hat er auf Facebook gefunden, sein Wunder Nummer zwei: „600
       Euro“, sagt er begeistert. „Wegen der Kinder brauchten wir ein zweites
       Auto. Als sie nur zum Kindergarten mussten, hat ein Auto gereicht. Aber
       jetzt spielen sie Schach, Fußball, gehen schwimmen.“ Mit seiner Frau, einer
       Tierärztin, hat er hier innerhalb von zehn Jahren vier Kinder bekommen.
       Eine Tochter, drei Söhne.
       
       Daniil Doronin hält am Straßenrand, steigt aus, zieht sich seine braune
       Steppjacke über das schwarze Riasa, das bodenlange Priestergewand. „Ich
       wollte immer Priester sein. Schon als Kind. Und dann kam ich 2015 aus Kyjiw
       hier an und dachte, wo sind all die Menschen hin?“ Narva-Jõesuu wirkt
       dörflich, fast abgeschieden. Doronin deutet auf ein Blockhaus in
       Kirchenform. Es hat Bauplanen in den Fenstern, steht zwischen den Fichten:
       „Das ist meine Kirche.“
       
       Doronins Kirche hat eine tragische Geschichte. Zweimal steht sie in Brand.
       Im Februar 2021 das erste Mal. Die Ermittler gehen von Brandstiftung aus.
       Teile des Innenraumes werden schwer beschädigt. Die mutmaßlichen Täter
       können fliehen. Nur wenige Monate später, im Juni desselben Jahres, bricht
       ein zweites Feuer aus. Die Holzkonstruktion des Daches wird zerstört.
       Wieder wird Brandstiftung vermutet. „Die Polizei konnte die Täter nie
       überführen“, berichtet Doronin. Die Fallakte wird schließlich geschlossen.
       
       Inzwischen seien sie in den letzten Zügen der Sanierungsarbeiten. Solange
       die Kirche nicht fertig ist, arbeitet Daniil Doronin in dem kleinen
       Häuschen nebenan: Er hat sich provisorisch eingerichtet – ein Altar,
       goldene Kerzenständer, Kreuze und Ikonen. Der Raum ist klein, kann nur eine
       Handvoll Menschen fassen.
       
       ## Probleme mit dem Glauben
       
       Landesweit gehören 16 Prozent der Bevölkerung in Estland zu den orthodoxen
       Christ:innen. Die meisten von ihnen zur russisch-orthodoxen Kirche des
       Moskauer Patriarchats. In Narva ist es fast jeder Zweite. In Narva‑Jõesuu
       sind es etwas weniger. Die russisch-orthodoxe Kirche ist traditionell die
       Heimatreligion der russischsprachigen Menschen, die während der Sowjetzeit
       kamen.
       
       Und doch stellt Doronin fest: „Hier gibt es viele Leute, die Probleme mit
       ihrem Glauben haben. Das bezieht sich nicht mal auf eine bestimmte
       Glaubensrichtung. Die Sowjetvergangenheit hat in Estland eine tiefe Narbe
       hinterlassen. Ich spüre, dass es kein Fundament gibt – wie ein Haus, das
       auf Sand gebaut ist.“
       
       In der Sowjetunion herrscht eine aggressive Politik des Staatsatheismus.
       Kirchen, Moscheen und Synagogen werden zerstört, Geistliche verfolgt,
       religiöses Leben in den Untergrund gedrängt.
       
       Doronin berichtet, seit dem russischen Angriff auf die Ukraine, bewege er
       sich in seiner Arbeit als Priester auch zwischen politischen Fronten. Er
       versuche, eine Gemeinde zusammenzuhalten, in der Menschen gegensätzliche
       Haltungen zum Krieg vertreten: „Meine Kirche ist eine Insel. Ich muss die
       Politik draußen lassen, sonst kann ich es nicht“, sagt er. „Ich bin
       Ukrainer. Die Kirche ist der Ort, an dem wir die Grenze zwischen
       politischen Ansichten und Nationalitäten brechen müssen.“
       
       Wenn er die Menschen in gut und böse einteilen würde, dann sei das nicht
       das Prinzip Gottes. „Und ja, es ist schwer und man fragt sich, wie die
       Liebe von Gott dieselbe sein kann, hier und da.“ Doronin zeigt in Richtung
       der anderen Flussseite.
       
       ## Fragiler Ort der Verständigung
       
       In seiner Kirche kämen Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammen. „Ich
       habe letztes Jahr auf Englisch, Deutsch, Estnisch, Russisch und Slowenisch
       getauft und beerdigt. Es ist wichtig, dass die Menschen ihre Sprache hören,
       dass sie mich verstehen – eine Gemeinschaft zu schaffen, unabhängig von der
       Herkunft.“
       
       Doronins Kirche ist ein fragiler Ort der Verständigung, während im Außen
       die Spannungen schwer aufzulösen sind. „Meine Kinder haben mich neulich
       gefragt: ‚Haben wir auch bald überall Löcher von den Bomben, so wie in der
       Ukraine?‘ Jeden Abend sprechen wir mit den Kindern zu Gott. Wir beten, dass
       der Krieg in der Ukraine endet und in Estland nicht anfängt.“
       
       Jetzt muss er los, steigt in seinen Fiat Punto. „Wenn es hier ruhig bleibt,
       ist das ein schöner Platz zum Leben.“ Doronin fährt davon.
       
       „Was macht Narva für dich besonders?“: An einer der Hauptverkehrsstraßen
       Narvas steht Kirill Bagrin und stellt Passant:innen die immer gleiche
       Frage. Die Menschen sprechen ins Mikrofon und ziehen dann weiter – Bagrin
       hält ihre Gedanken in Videos für den Instagram-Kanal [10][„SeeOnNarva“]
       fest.
       
       „Meine Mutter lebt hier, sonst nichts.“ „Wir haben einen sehr guten
       Hausmeister und ein ruhiges Treppenhaus.“ „Ich arbeite hier. Die Leute sind
       nett.“ „Wahrscheinlich, dass Russland ganz in der Nähe ist.“
       
       Bagrin ist 23 Jahre alt, Videoproduzent, spricht ruhig und bedacht. Erst
       seit letztem September betreibt er mit seinem Kollegen Daniil Volotskoi den
       Kanal. „Was ich hier sehe, ist, dass die Menschen nach Osten – Richtung
       Russland – schauen. Mit unserem Projekt wollen wir herausfinden, warum
       Narva so anders ist als alle anderen estnischen Städte. Wir fragen die
       Leute zum Beispiel: ‚Was denkst du, was in Narva fehlt?‘ Wir wollten auch
       die jüngeren Altersgruppen erreichen. Und wir wurden schnell sehr
       erfolgreich.“
       
       Kirill Bagrin ist hier geboren. Seine Familie ist russischsprachig, seine
       Mutter stammt aus Narva. „Mein Vater hatte den russischen Pass, aber er hat
       Estnisch gelernt, um estnischer Staatsbürger zu werden. Zu Hause haben wir
       russisch gesprochen. Uns war aber immer klar, wenn wir hier in Estland
       bleiben wollen, dann müssen wir uns anpassen. Das war das Mindset in meiner
       Familie. Aber zuallererst bin ich ein russischsprachiger Este.“
       
       Zwischenzeitlich hat Bagrin in Tallinn gewohnt. Seine Perspektive auf Narva
       hat das geschärft: „Ich sehe die Unterschiede zwischen anderen Orten in
       Estland und Narva – wie die Menschen leben, wie die Atmosphäre in der Stadt
       ist.“ Für Narva findet er deutliche Worte: „Wir brauchen uns nichts
       vormachen. Wenn es zu einem militärischen Angriff kommt, dann ist hier die
       Frontlinie. Das ist uns allen klar.“
       
       Narva, das nächste Ziel eines russischen Angriffs? So berechtigt es ist,
       diese Frage zu stellen, so sehr wirft sie in Narva selbst auch die Frage
       nach journalistischer Verantwortung auf: Welche Geschichten werden erzählt
       und welche Perspektiven dadurch möglicherweise verengt? „Ich würde mir
       wünschen, dass Journalisten aufhören, die immer gleichen Fragen zu stellen.
       Über eine mögliche Invasion, über einen möglichen Krieg, über unsere
       Beziehung zu Russland. Weil es die Haltung in den Köpfen der Menschen
       verstärkt, die sich sowieso schwer tun, nicht mehr zu Russland zu gehören“,
       sagt Kirill Bagrin. Es sei wichtig, den Blick nach vorn zu richten:
       „Journalisten könnten stattdessen fragen, was Narva zu Europa beizutragen
       hat, wie es einen Weg in eine gute Zukunft finden kann.“
       
       Vielleicht zeigt sich gerade an gespaltenen Orten wie Narva, was es
       braucht, um die Menschen zusammenzuhalten: einen gemeinsamen Dialog,
       Arbeit, Zukunftsperspektiven und Orte der Begegnung. „Die
       russischsprachigen Menschen, die hier aufgewachsen sind, sind viel mehr
       estnisch als russisch“, glaubt Bagrin. Es fehle an vermittelnden Strukturen
       im Alltag, an Stadtteilprojekten, Integrationsarbeit, die helfen können
       Lebenswelten zusammenzuführen: „Es gibt so viel mehr, das Esten und Russen
       hier verbindet, als das sie trennt. Das Problem ist, dass der Mittelsmann
       fehlt, der ihnen sagen könnte, wie ähnlich sie sich eigentlich sind.“
       
       Schon bald wird der tiefe Graben zwischen Estland und Russland so sichtbar
       sein wie selten im Jahr: Wenn in Narva und der gegenüberliegenden
       russischen Stadt Iwangorod der 9. Mai begangen wird. An diesem Tag feiert
       Russland den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland. Für Estland
       markiert dieser Tag den Beginn einer erneuten sowjetischen Besatzung. Vom
       russischen Ufer aus werden Militärmusik und Reden über den Fluss Narva
       schallen. Am estnischen Ufer wird man den Europatag feiern – als Zeichen
       für Frieden und Zusammenarbeit zur Überwindung von Kriegen in Europa.
       
       4 May 2026
       
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