# taz.de -- Slapp-Klagen: Wie viel Freiheit braucht Meinung?
> Absolute Meinungsfreiheit würde die Pressefreiheit stärken, indem sie
> strategische Klagen gegen Medien unmöglich macht. Doch die Sache hat
> einen Haken.
(IMG) Bild: „Die Wahrheit kann nur in einem herrschaftsfreien Diskurs entstehen“ schrieb Jürgen Habermas
Seit Jahren werden Meinungsredakteurinnen, Kommunalpolitiker und Onkel Uwe
im Internet nicht müde, jeden, der es hören will, zu warnen, dass die
Meinungsfreiheit gefährdet sei. Schuld daran sind meist die am jeweils
entgegengesetzten politischen Spektrum – und die bösen Fake News. Die
deshalb verboten gehören!
Doch was, wenn wir auch schlimme Falschmeldungen in einer gerechten
Gesellschaft eigentlich aushalten müssten? Denn wer entscheidet eigentlich,
was stimmt? „Die Wahrheit kann nur in einem herrschaftsfreien Diskurs
entstehen“, [1][schrieb Jürgen Habermas einmal].
Zu einem Beispiel: Immer wieder sorgen Slapp-Klagen – [2][„strategic
lawsuits against public participation“] – für Aufsehen. Rosinenzählerisch
pickt sich etwa ein Konzern eine Passage aus einem kritischen Artikel
heraus – die mit zwei zugedrückten Augen vielleicht unwahr sein könnte. Ob
die Kernthese des Textes stimmt, ist dabei egal. Oft schert sich der Kläger
nicht mal darum, ob die Klage erfolgversprechend ist. Hauptsache, die
beklagte Journalistin kriegt Schiss – und ist erst mal beschäftigt, Geld
für den Anwalt zusammenzukratzen.
Für „üble Nachrede“, wenn ich also jemanden herabwürdige oder verächtlich
mache und man dann beweisen kann, dass ich nicht die Wahrheit gesagt habe,
kann ich bis zu zwei Jahre ins Kittchen wandern. Öffentliche und
vorsätzliche „Verleumdung“ wird noch härter bestraft.
Menschen, die ihre Meinung sagen, machen sich so erpressbar – und zensieren
sich aus Angst dann selbst. Totale Meinungsfreiheit würde dieses Problem
lösen.
## Falschaussagen im freien Diskurs
Um das zu fordern, muss man kein wildgewordener Rechtslibertärer und auch
keine Anarchistin sein. Auch für den eher liberalen Habermas gehörten
Falschaussagen zu einem freien Diskurs – sie sollen im gemeinsamen Gespräch
widerlegt werden, um herauszufinden, was denn nun stimmt.
Solche Aushandlungsprozesse waren für den Frankfurter Philosophen der
Schlüssel für Demokratie und Gerechtigkeit. Dass Gerichte einfach über wahr
und falsch entscheiden, sah er problematisch, denn sie sind korrumpierbar
und abhängig von Machtstrukturen und ersetzen keinen „herrschaftsfreien
Diskurs“.
Doch genau hier liegt der Knackpunkt. Natürlich gilt das auch für
Journalist:innen. Medien, Politikerinnen und Prominente haben eine
Meinungsmacht, die Normalsterbliche nicht besitzen. Wenn der nette
Zeitungskonzern von nebenan Lügen über mich als kleinen Bürger verbreitet,
dürfte es schwierig werden, darüber gleichberechtigt zu streiten.
Zudem erzeugt eine [3][Falschmeldung fast immer mehr Aufmerksamkeit] als
die Wahrheit. Eine Studie der Berliner Stiftung Neue Verantwortung kam 2020
zu dem Schluss, dass in neun von zehn Fällen Fake News mehr Menschen
erreichen als ihre Richtigstellungen.
Auch Habermas trennt zwischen kommunikativem und strategischem Handeln.
Reine Diffamierung anderer, die nur die eigenen Interessen durchsetzen,
Macht, Geld oder Kontrolle sichern soll, ist für ihn kein berechtigter Teil
des Diskurses. Am Ende muss dann doch irgendwer entscheiden, was in der
Debatte zulässig ist.
Wie schwierig diese Entscheidung ist, zeigt sich auch am bisher hilflosen
Umgang des Staates mit Slapp-Klagen. Gegen die rechtsmissbräuchlichen
Praktiken trat im November 2024 eine EU-Richtlinie in Kraft. Bis zum 7. Mai
hätte sie in deutsches Recht umgesetzt werden sollen – doch das ist noch
nicht passiert. Ein entsprechender Gesetzesentwurf wurde von der
Anlaufstelle „No Slapp“ bereits als unzureichend kritisiert.
20 May 2026
## LINKS
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(DIR) [2] /Bedrohte-Pressefreiheit/!6076037
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## AUTOREN
(DIR) Fabian Schroer
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