# taz.de -- Gescheiterte Initiative in Berlin: Warum wir Werbung so lieben
> Reklame will uns beherrschen – trotzdem entscheidet sich Berlin gegen
> eine werbefreie Stadt. Das liegt auch daran, was Werbung uns gibt.
(IMG) Bild: Werbung, der Spiegel und semiotische Wasserstandsmelder der Gesellschaft
„Ich bin ein arischer Übermensch, viel zu besessen von meinem Spiegelbild,
um mich mit irgendwem oder irgendetwas zu beschäftigen, das nicht in mein
Weltbild passt“, sagt der Mann im schwarzen Rollkragenpullover. Der Satz
stammt nicht etwa aus „Mein Kampf“, sondern aus dem [1][Eat-the-Rich-Film
„Triangle of Sadness“].
Der affektierte Model-Coach erklärt damit einer Gruppe oberkörperfreier
Jungs, wie sie teure Mode bewerben sollen – und zwar mit faschistischer
Herablassung. Denn Luxusmarken – im Film ist es [2][Balenciaga] – verkaufen
Überlegenheit.
Auch im öffentlichen Raum blicken heute permanent schöne Gesichter übergroß
auf uns herab: von Fassaden, von Bannern, aus Bildschirmen. Das war der
[3][Initiative Berlin Werbefrei] unangenehm aufgefallen. Ein Volksbegehren
wurde auf den Weg gebracht, um in der Hauptstadt ein bisschen aufzuräumen.
Doch es kam anders. Zu wenige Berliner:innen unterschrieben bis Anfang
Mai für die Aktion, der Plan scheiterte.
Böse Zungen mögen behaupten, Berlin sei einfach zu faul, zu blöd, zu
desinteressiert. Die Menschen verstünden nicht, dass Reklame sie
manipulieren und beherrschen soll. Dass Werbung als Teil der
Kulturindustrie festlegt, was gesellschaftlich sichtbar und legitim wird –
und damit die bestehende kapitalistische Ordnung stabilisiert, wie Adorno
und Horkheimer es ausdrücken würden.
## Marken enthalten oft Kritik an sich selbst
Aber stimmt das? Des Internets liebster lispelnder Philosoph Slavoj Žižek
hätte noch eine andere Antwort parat: Wir brauchen Werbung, weil sie im
Hyperkapitalismus Bedeutung organisiert. In unserer postpostmodernen Zeit,
in der Patriarchat, Religion und Fußballgucken nicht mehr das sind, was sie
mal waren, dienen uns Marken als sinntragende Ankerpunkte.
Žižek bezieht sich dabei auf ein Konzept des französischen
Psychoanalytikers Jacques Lacan. Marken fungieren heute wie
„Herrensignifikanten“. Das sind privilegierte sprachliche Bausteine mit
unklarem Inhalt, die unsere chaotische Welt ordnen, uns mit Gemeinschaft,
Lebenszielen oder einem Feindbild versorgen. Das kann so etwas sein wie
„der Staat“, „die Revolution“ oder aber auch „Apple“ oder „Coca-Cola“.
Der wahre Inhalt dieser Begriffe bleibt unklar. Obwohl Nike-Klamotten keine
dieser Eigenschaften wirklich selbst enthalten, wirbt der
Sportartikelhersteller seit Jahren mit „Fitness“, „Zielstrebigkeit“ und
„Erfolg“ – manchmal bereits ironisch überhöht. Die meisten werden wissen,
dass sie nur die Nike-Shorts nicht zu Cristiano Ronaldo macht und dass man
sie durch Werbung zum Kauf verführen will. Trotzdem identifizieren sie sich
gerne mit [4][„Just do it!“.]
Marken enthalten dabei oft schon die Kritik an sich selbst. Die
Kaffeewerbung, die mit glücklichen Arbeiterinnen auf idyllischen
Kaffeefeldern wirbt, nimmt das schlechte Gewissen vorweg. Fairtrade- oder
Biosiegel ermöglichen mir, trotz ihres (manchmal) realen Nutzens für Mensch
und Umwelt, auch meine ethischen Werte durch Konsum auszudrücken.
Wer sich seine Balenciaga-Sneakers in der Schlange vorm Berghain platt
tritt, gibt viel Geld dafür aus, sich ein bisschen überlegen zu fühlen –
und nein, ich glaube nicht, dass das alles Faschisten sind. Wir lieben
Marken, weil sie unsere Identifikation organisieren – ob mit oder ohne
Ironie. Und bis wir uns was Besseres ausgedacht haben, wird das wohl leider
auch so bleiben.
2 Jun 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Fabian Schroer
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