# taz.de -- ÖR-Sender vs. Tech-Plattformen: Zurück zur aufgeklärten Öffentlichkeit
       
       > Die öffentlich-rechtlichen Sender tun sich schwer dabei, gegen die
       > Algorithmen der Plattformen und ihre kommerzielle Logik zu bestehen. Doch
       > es gibt Auswege.
       
 (IMG) Bild: Keine guten Aussichten
       
       Ein Zufallsfund in der Encyclopædia Britannica: Am Ende eines langen
       Artikels [1][über das Wort Zensur] steht die Frage, „Wenn eine Gesellschaft
       glaubt, dass Fernsehen die Jugend verdirbt und ganz allgemein verheerende
       Auswirkungen auf Erziehung und Gemeinsinn hat: Ist diese Gesellschaft
       wirklich hilflos, hier etwas zu tun? Wäre es Zensur, solchen verderblichen
       Einfluss abzuschaffen? Und wenn die Abschaffung des Fernsehens Zensur wäre,
       wäre das nicht ein Hinweis darauf, dass Zensur nicht unter allen Umständen
       schlecht ist?“
       
       Kurz gesagt: Welche bürgerschaftlichen Eigenschaften sind für eine wirksame
       Selbstverwaltung erforderlich, und wie lassen sich diese Eigenschaften
       angemessen entwickeln und bewahren?
       
       In einer neueren Auflage ist „Fernsehen“ durch „Videogames“ ersetzt worden.
       Heute müsste es wohl heißen: „soziale Medien“, aber die Frage nach
       Abschaffung ist vorbei. Die Partie ist gelaufen. Die Politik hat
       flächendeckend resigniert, findet [2][bislang nicht einmal für
       kleinteilige, kinder-, kultur- und demokratiefreundliche Regulierungen die
       Kraft.]
       
       Und die öffentlich-rechtlichen Sender, die schwankenden Garanten relativer
       Zuverlässigkeit und Vernunft, tun sich schwer, gegen die Algorithmen der
       Plattformen zu bestehen. Kommerzpresse und Populismus haben sie im
       Zangengriff. Keine guten Aussichten.
       
       ## Das Publikum im kantianischen Sinne
       
       Vor einiger Zeit hat [3][die Rundfunkkommission der Länder] deshalb einen
       „Rat für die zukünftige Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“
       berufen. Dessen im Untergrund der grauen Papiere verschwundene Empfehlungen
       zielen auf Verbilligung und Zentralisierung, einiges davon ist plausibel.
       Bedenklicher ist die Anregung einer jährlichen Evaluierung der
       „Auftragserfüllung“ durch politische Gremien, verbunden mit finanziellen
       Sanktionen.
       
       Und neben den klassischen Aufgaben sollen die Anstalten angesichts „einer
       zunehmend fragmentierten Gesellschaft und verhärteter Konfliktlinien“ in
       einer „überfordernden“ Welt für sozialen „Zusammenhalt“ sorgen, einen
       common ground legen, auf dem sich „möglichst alle wiederfinden können“, des
       Weiteren „Angebote und Gelegenheiten bieten, die Menschen zusammenbringen“.
       
       Der Hessische Rundfunk hat das getan, unter dem Titel [4][„Was bewegt Dich,
       Hessen?“] vor zwei Jahren 39 repräsentativ ausgewählte Bürger ein ganzes
       Wochenende lang in einem Studio über Themen wie Migration, Pflegekrise,
       soziale Härten diskutieren lassen. Es war beeindruckend, mit welchem Ausmaß
       an Informiertheit und Reflektiertheit diese Zufallsbürger argumentierten,
       aber auch einen durchgehenden „Zweifel an der politischen Gestaltungskraft“
       der Eliten äußerten.
       
       Für zwei Tage waren sie ein Publikum – im kantianischen Sinne. Denn für den
       Philosophen Immanuel Kant ist Publikum nicht eine Menge von
       Konzertbesuchern und schon gar nicht von einzelnen Fernsehguckern oder
       Radiohörern. „Es ist (…) für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der
       ihm beinahe zu Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. (…) Dass
       aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja, es ist, wenn
       man ihm nur Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich. Denn da werden immer
       einige Selbstdenkende, […] welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit
       selbst abgeworfen haben, den Geist einer vernünftigen Schätzung des eigenen
       Wertes und des Berufs, jedes Menschen, selbst zu denken, um sich
       verbreiten.“
       
       ## Augenkontakt und Kontinuität
       
       Diese kantianische Aufklärung funktioniert durch Ansteckung, im Reden am
       Tisch oder an der Haustür. Sie ist ein analoger Vorgang. Einer, der auf
       Augenkontakt setzt und auf Kontinuität: Am Ende des Experiments tauschten
       die Teilnehmer Adressen aus, um das Gespräch fortzusetzen. Zunächst einmal
       das Gespräch, hoffentlich auch mehr. Wenn Menschen zusammen sind, kann
       immer etwas Unerwartetes dabei herauskommen.
       
       Solche analogen Situationen auch außerhalb der experimentellen Situation,
       nicht nur punktuell und als Ausnahme, darin läge vielleicht eine Zukunft
       öffentlich-rechtlicher Anstalten, die sich als „Institution zur Stärkung
       der Volkssouveränität“ verstünden. Es erforderte allerdings ein erweitertes
       Berufsbild des Journalisten: Er müsste sich als Öffentlichkeitsarbeiter
       verstehen und einen partiellen Exodus aus den vielleicht zu groß
       gewachsenen Funkhäusern, in Pop-up-Redaktionen in einem Landkreis etwa, in
       der Kuration von „dritten Orten“. Vielleicht auch in spektakulären
       Begegnungen der Bürger mit sich selbst.
       
       In den frühen Jahre von „Wetten, dass..?“ wurden ja nicht nur aberwitzige
       Höchstleistungen prämiert, sondern Stadtgesellschaften traten zu
       Wettbewerben an. Das konnte schon in seiner harmlosen Form
       gemeinschaftsbildend sein, umso mehr könnte es das, wenn man etwa Freiburg
       gegen Göttingen im Stromsparen kämpfen ließe. Es lässt sich da vieles
       denken.
       
       Aber solche soziotechnischen Versuche, „Menschen zusammenzubringen“, also –
       gegen das Dogma there is no such thing as society – Gesellschaft (wieder)
       herzustellen, haben auch etwas Gruseliges. Präventive Paranoia ist geboten,
       angesichts von Formulierungen, in den öffentlichen Medien sollten „sich
       alle wiederfinden können (…) Hauptadressat bleibt die Mitte der
       Gesellschaft“.
       
       ## Generalüberholung auf die Tagesordnung
       
       Denn es gibt genug Gründe, genau diese wachstumsgläubige „Mitte der
       Gesellschaft“ für das Problem zu halten und den fehlenden „Zusammenhalt“
       nicht für ein Resultat verzerrter Kommunikation, sondern für die Folge
       einer umfassenden Systemkrise. Nicht die Begradigung der Systemränder,
       sondern Generalrevision und Umbau auf die Tagesordnung zu setzen. Auch
       dafür brauchte es freilich eine gemeinsame Basis und „bürgerschaftliche
       Eigenschaften“. Wo sollen die herkommen?
       
       In den sechziger Jahren, als sich nichts bewegte und CDU und SPD den Status
       quo zementiert hatten, gründeten sich, als der Überdruss zu groß wurde, an
       einigen Orten der Bundesrepublik spontan Republikanische Clubs. Das blieb
       nicht ganz ohne Folgen. Wenn Menschen ins analoge Reden und kollektive
       Denken kommen, kann das überraschende Konsequenzen haben. So oder so. Wenn
       es links still bleibt, muss man sich nicht wundern, wenn demnächst in den
       Rundfunkräten und der Rundfunkkommission der Länder die blaue Partei
       Rederecht und mehr bekommt.
       
       27 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.britannica.com/topic/censorship
 (DIR) [2] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://taz.de/Social-Media-Verbot/!6169913/&ved=2ahUKEwj75aTO2NaUAxUvcfEDHQnbAVsQFnoECBkQAQ&usg=AOvVaw2b1SBRkECIaLsKHEImL2YS
 (DIR) [3] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://taz.de/Reformstaatsvertrag-in-Kraft/!6134232/&ved=2ahUKEwjE2vbr2NaUAxWKVfEDHf28D1YQFnoECCUQAQ&usg=AOvVaw0UhXBRe0sj1i2PR9TQyQ1A
 (DIR) [4] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.ardmediathek.de/video/weil-hessen-mehr-verbindet/was-bewegt-euch-hessen/hr/ZTYyNjdjZGItM2Q2My00NWVkLWI1YzAtZTIzMjMyMDI1MjZk&ved=2ahUKEwiK8cj82NaUAxU1avEDHS34NvYQwqsBegQIGRAB&usg=AOvVaw0dc76SjEfObZZRSgij0a40
       
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