# taz.de -- Deutsche Bundesregierung: Schuld sind immer die anderen
> Ja, für Regierungen der Mitte ist die Situation in Europa zurzeit
> schwierig. Aber Merz macht die Lage unnötig fragil.
(IMG) Bild: Er hat außer Kleinkindern alle gesellschaftlichen Gruppen beleidigt
Als Schwarz-Rot kürzlich ein Jahr alt wurde, hielt Friedrich Merz es für
angebracht, der SPD mal so richtig zu drohen. Der Sinn dieses Manöver war
eher rätselhaft, denn Zoff in der Regierung kommt beim Publikum nie gut an.
Kürzlich war der Kanzler in der SPD-Fraktion, um den selbst angerichteten
Schaden zu reparieren. Das schien sogar erfolgreich zu sein. Anders als auf
dem Katholikentag [1][und beim DGB wurde Merz immerhin nicht ausgepfiffen].
Und er verkündete danach forsch eine neue Linie. Union und SPD würden ab
jetzt die Gemeinsamkeiten betonen und aufhören, sich „gegenseitig rote
Linien aufzuzeigen“.
Keine 24 Stunden später zog der Wirtschaftsflügel in der Unionsfraktion
dicke rote Linien. Auf keinen Fall werde die Unionsfraktion mit der SPD
über Steuererhöhungen oder die Schuldenbremse diskutieren. Manchmal kann
man fast Mitleid mit Merz haben. Selbst wenn er etwas richtig macht, geht
es schief. Seine Macht zerfällt. Kürzlich ließen CDU-Ministerpräsidenten
die von Schwarz-Rot beschlossene Entlastungsprämie im Bundesrat scheitern.
Wenn das Kanzleramt schon an der Koordinierung des eigenen Ladens scheitert
– wie sollen dann großformatige Reformen gelingen? Die
Merz-Klingbeil-Regierung ist unbeliebt. Das ist unschön, aber eher der
Normalfall als die Ausnahme. In Großbritannien, Frankreich und Österreich
sieht es nicht anders aus. Das Krisenszenario ist überall ähnlich. Die
Wirtschaft stagniert. Nur die Umfragewerte der Rechtspopulisten und der
Benzinpreis scheinen zu steigen.
Regieren ist da nicht leicht. Kluge Köpfe haben schon vor 15 Jahren ein
generelles Demokratieparadox beobachtet. Die Wähler trauen der Demokratie
weniger als früher zu, fordern aber mehr. Das Wahlvolk wird
anspruchsvoller, die Erregungskurven werden steiler. Die Wähler verhalten
sich wie übellaunige Kunden, die, wenn die Regierung nicht liefert, einfach
ins nächste Geschäft gehen.
## Merz' Talent
Merz hat das Talent, diese angespannte Lage zu verschlimmern. Schuld sind
bei ihm immer die anderen: Rentner, Arbeitnehmer, Migranten. Er hat, so
[2][der Parteienforscher Karl-Rudolf Korte], außer Kleinkindern alle
gesellschaftlichen Gruppen beleidigt; und außer Millionären, wäre zu
ergänzen. Viel anzukündigen und wenig hinzubekommen, wirkt in dieser
verdrießlichen Stimmung auch ungut.
Der Job der Koalition der Mitte ist eigentlich solide Kompromissfindung
ohne viel Theaterdonner. Ihr Versprechen ist es, das Sowohl-als-auch zu
organisieren und nicht dauernd zackige Entweder-oder-Ansagen zu machen. Die
deutsche Konsensrepublik funktioniert nur, wenn der Kanzler diesen Konsens
vertritt, und zwar unabhängig von Laune und Tagesform.
Die Union war immer eine verlässliche Staatspartei. Unter Merz lässt sie
sich flatterhaft von rechten Stimmungen treiben. Wenn Schwarz-Rot überlebt,
dann deshalb, weil im Maschinenraum der Macht noch genug Profis am Werk
sind. Wenn Schwarz-Rot überlebt, dann nicht wegen, sondern trotz Merz.
24 May 2026
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(DIR) [2] https://karl-rudolf-korte.de/
## AUTOREN
(DIR) Stefan Reinecke
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