# taz.de -- Wiederwahl von Jens Spahn: Kein Erdbeben, aber ein sanftes Grummeln
> Der Fraktionschef der Union Jens Spahn ist mit 86 Prozent der Stimmen
> wiedergewählt worden, einen Gegenkandidaten hatte er nicht.
(IMG) Bild: Neuer alter Fraktionschef der Union: Jens Spahn
Warum sollte irgendjemanden das Wahlergebnis eines Fraktionsvorsitzenden
interessieren? [1][Dass Jens Spahn mit 86,5 Prozent erneut zum Chef der
Unionsfraktion gewählt wurde], merken sich doch eh nur Nerds oder
Hauptstadtjournalist:innen. Stimmt einerseits. Andererseits ist dieses
Wahlergebnis auch Seismograf für den Zustand der Union, der tragenden
Regierungsfraktion und damit für die Stabilität dieser Regierung. Die Nadel
zeigt kein Erdbeben, was gut ist. Aber ein sanftes Grummeln in den Reihen
der Union registriert sie schon.
Von 196 abgegebenen Stimmen entfielen 167 Ja-Stimmen auf Spahn. 26
Abgeordnete haben mit Nein gestimmt und 3 haben sich enthalten. Bezogen auf
die Gesamtzahl der 208 Unionsabgeordneten haben also ganze 80 Prozent Spahn
bestätigt, obwohl es keine Alternative zu ihm gab. Immer noch ein fast
sozialistisches Ergebnis. Aber es heißt umgekehrt: Jede/r Fünfte hat Spahn
nicht gewählt.
Gründe gäbe es zuhauf: vom missglückten ersten Anlauf der Kanzlerwahl vor
einem Jahr über [2][die hastig abgesagte Richter:innenwahl] kurz vor
der Sommerpause bis zum drohenden Sturz der Regierung Merz durch [3][die
Rentenrebellen im Dezember] vergangenen Jahres. Pannen, die einem
Fraktionschef nicht passieren dürfen, der den Laden im Griff hat. War bei
Spahn erkennbar nicht so.
Aber der war ja in den ersten Monaten auch eher Teilzeit-Fraktionschef und
musste sich parallel gegen den Vorwurf der [4][selbstherrlichen und
maßlosen Überbeschaffung von Masken] für fast 6 Milliarden Euro als
Gesundheitsminister zu Beginn der Coronapandemie verteidigen. Bis heute
klagen Händler, die noch viel mehr liefern wollten, auf Schadenersatz.
Aber dass Spahn mehrere Milliarden Euro an Steuergeldern verpulvert hat und
gleichzeitig harte Kürzungen für Bürgergeldempfänger:innen fordert
(„An Miete und Heizzuschüsse müssen wir ran“), ist für viele
Unionsabgeordnete vermutlich kein Widerspruch. Und auch kein Grund, ihn
nicht zu wählen. Ohnehin ist [5][das Verfahren gegen Spahn eingestellt],
für den Schaden haften die Steuerzahler:innen, also Schwamm drüber.
Es liegt auch nicht an Spahns Arbeit. Der hat sich, so ist zu lesen, nach
den Wirren des Anfangs reingekniet, den Rebellen Pizza kredenzt, mit den
Neu-Abgeordneten, den „25ern“, Bootcamps veranstaltet und sei überhaupt
stets erreichbar. Nein, das Wahlergebnis ist eher Ausdruck eines generellen
Unwohlseins in der Union.
Als Spahn vor einem Jahr zum ersten Mal gewählt wurde, stimmten noch 91,3
Prozent der Fraktion für ihn, Aufbruchstimmung lag in der Luft. Nun liegt
man in Umfragen hinter der AfD und der Unmut über den Kanzler und die
ausbleibenden Rundumreformen geht auch am Fraktionschef nicht vorüber.
Das Ergebnis ist noch kein Warnschuss, aber ein Anstupser über Bande. Spahn
ist erst mal gewählt, den nächsten Nasenstüber dürfte Kanzler und
CDU-Parteichef Friedrich Merz persönlich abbekommen. Und der kann dann auch
schnell zu einer Frage des Vertrauens werden.
6 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Anna Lehmann
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