# taz.de -- Revolutionäre 1. Mai-Demo in Berlin: Revolte versinkt im Partykiez
       
       > Die 18-Uhr-Demonstration schafft es stundenlang kaum über ihren
       > Startpunkt hinaus. Grund ist dieses Jahr aber nicht die Polizei – sondern
       > die Partymeute.
       
 (IMG) Bild: Antifablock in der Oranienstraße
       
       Es dauert mehr als drei Stunden, bis die hinteren Blöcke der
       [1][Revolutionären 1. Mai Demonstration] endlich die Oranienstraße
       verlassen können. Um 22 Uhr erreicht der Antifablock den Rio-Reiser-Platz,
       kaum 600 Meter vom Startpunkt der Demonstration am Oranienplatz entfernt.
       Hier stößt plötzlich die Polizei über die Mariannenstraße dazu und
       begleitet die Antifas im engen Spalier. Doch der guten Laune tut das keinen
       Abbruch. „Wir werden heut' nicht müde“, lautet die vom Lautsprecherwagen
       ausgerufene Parole.
       
       Nach zwei Jahren, in denen Berlins berühmteste Demo in Neukölln verblieb,
       [2][lag der Startpunkt der 18-Uhr-Demonstration in diesem Jahr wieder am
       Kreuzberger Oranienplatz]. Man konnte darin eine Rückkehr zu den
       traditionellen autonomen Wurzeln der Demo lesen, die den Aufmarsch jedoch
       nur noch marginal prägen. Grund für den Ortswechsel war vielmehr wohl der
       Görlitzer Park, der nun entlang der Demoroute lag und gegen dessen
       nächtliche Schließung seit Monaten unaufhörlich protestiert wird.
       
       Doch die Rückkehr nach Kreuzberg erwies sich als fatal. Denn der Bezirk ist
       beim Demostart zum Bersten voll mit Partypublikum. Hunderttausende müssen
       es gewesen sein, die den Tag über im Viertel gesoffen und zu Techno getanzt
       haben. Zwischenzeitlich musste die BVG mehrere U-Bahnhöfe schließen, die
       überfüllten Züge transportierten das Partyvolk dann nach Friedrichshain.
       Schon bevor sich am Oranienplatz die 18-Uhr-Demo versammelt, war kaum ein
       Durchkommen durch den Bezirk.
       
       Als sich dann um kurz nach 19 Uhr der Block des Bunds der
       Kommunist:innen unter „Die Straße frei der roten Jugend“ in Bewegung
       setzt, prallen die Linken auf die Partymeute. Nur der Frontblock schaffte
       es, sich hier durchzudrängeln. Mit etwa 3.000 Menschen machen sich die
       organisierten Kommunist:innen auf dem Weg nach Neukölln – die Polizei
       100 Meter voraus. „Freiheit, Frieden, Solidarität“ steht auf ihrem
       Transparent, dass die rot vermummten Protestierenden weit hoch über ihre
       Köpfe halten, sodass dahinter nur ein rotes Fahnenmeer zu sehen ist.
       
       ## Partymeute wird angemotzt
       
       Die Demoblöcke dahinter bleiben zurück. Ab etwa 20:30 Uhr kann nicht mehr
       von einer geschlossenen Demonstration die Rede sein. Hinter den vorderen
       Blöcken der Kommunist:innen und Antiimperialist:innen hatten
       sich auf dem Oranienplatz unter anderem ein großer Antifablock und ein
       antiautoritärer Block formiert – der letztere ist ein weiteres Comeback des
       Tages, denn einen solchen Block hatte es in den letzten Jahren nicht mehr
       gegeben. Hier setzt man sich erst um kurz nach acht in Bewegung – mit
       wahnsinnig viel Rums und Geknall.
       
       „Banner hoch!“, ruft jemand, dann werden im Antifablock schwarze
       Regenschirme aufgespannt und auf einmal unzählige Bengalos gezündet. Es
       kracht laut, Feuerwerk schießt in die Höhe. Etwa hundert Meter spannt sich
       die schwarze Masse, in deren Mitte sich das rote Feuer der Bengalos mit
       blauem Rauch vermischt. Im Takt werden dazu antifaschistische Slogans
       skandiert. Zwischendurch ist von der Oranienstraße nur noch schwarzer Rauch
       zu sehen.
       
       Doch in der Folge bleibt die Demo komplett in der Partymenge stecken. Aus
       dem Haus Oranienstraße 9 sollte offenbar ein Konzert der Rap-Crew RAPK
       gespielt werden. Zum Kollaps beigetragen hat auch ein Konzert von Ikkimel
       beim Fest der Linken am Mariannenplatz, nur knapp hinter dem
       Rio-Reiser-Platz. Zum Start strömten Tausende dorthin – und sorgten damit
       ebenfalls dafür, dass die Demo nicht vorankam. Zwischenzeitlich steht die
       Menge so dicht, dass einige Tränen in den Augen haben. Viel hätte nicht
       gefehlt, und es wäre zu einer Massenpanik gekommen.
       
       Und so verbringen die Blöcke in der Oranienstraße ihre Zeit vor allem
       damit, massiv Pyro zu zünden, in Trippelschritten voranzugehen – und
       ununterbrochen Sprechchöre zu skandieren. Vom Lautsprecherwagen motzt eine
       Rednerin die umherstehende Partymeute an. „Das hier ist keine Eventpolitik,
       wir stehen hier und jeden Tag im Jahr dafür ein, dass ihr euch im
       Supermarkt endlich wieder den Einkauf leisten könnt! Schließt euch doch mal
       uns an und setzt ein Zeichen gegen die Gesamtscheiße“, ruft sie – mit
       mäßigem Erfolg.
       
       Erst, als sich die Partydichte abendbedingt um kurz nach 22 Uhr auflöst,
       kommt plötzlich auch Bewegung in die Demo. Und – man glaubt es kaum: In
       Form einer abgekürzten Route über den Hermannplatz schaffen es die
       Überreste der hinteren Blöcke tatsächlich noch zum Südstern, dem
       ursprünglich vorgesehenen Endpunkt. Beim Eintreffen gegen 23 Uhr kommt es
       noch zu vereinzelten Rangeleien mit der Polizei.
       
       1 May 2026
       
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