# taz.de -- 1.-Mai-Demo in Essen: „Nazis hatten wir schon – war Scheiße“
       
       > Tausende Menschen protestieren in Essen gegen Rechtsextremismus. Ebenso
       > fordern sie auch die Verteidigung des Sozialstaats und echte
       > Umverteilung.
       
 (IMG) Bild: Deutliches Stoppschild gegen den Aufmarsch der Rechtsextremen
       
       In der Ruhrgebietsmetropole Essen haben sich tausende Menschen einem
       Aufmarsch von wenigen hundert Neonazis entgegengestellt. Organisiert vom
       Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und dem breiten [1][Bündnis „Essen stellt
       sich quer“ (ESSQ)] zogen sie ab 11.45 Uhr vom Marktplatz des angesagten
       Stadtteils Rüttenscheid über den Hauptbahnhof zum Burgplatz und zum
       Hans-Toussaint-Platz in der Innenstadt.
       
       Bunt und vielfältig war der Protest: SPD, Grüne und Linke waren bei der
       Demo dabei ebenso wie die marxistische MLPD, Antifa- und LGBTQIA+ und die
       „Omas gegen rechts“. „Ob Ost, ob West – nieder mit der Nazipest“, „Ruhrpott
       nazifrei“ skandierten die Demonstrierenden. „Nazis hatten wir schon – war
       Scheiße“ und „Lieber Pommes Schranke als braune Soße“ oder schlicht „Nazis
       raus“ stand auf ihren Transparenten.
       
       Zu dem Neonazi-Aufmarsch aufgerufen hatte die faschistoide Kleinpartei „Die
       Heimat“, bis 2023 bekannt als NPD. [2][Laut NRW-Verfassungsschutz verfolgt
       sie „eine rechtsextremistische Ideologie,] die auf dem Prinzip der
       Volksgemeinschaft basiert und sich vor allem durch Fremdenfeindlichkeit,
       Rassismus und Antisemitismus hervortut“. Sie versucht, Essen und das
       Ruhrgebiet zu einem [3][neuen Neonazi-Brennpunkt im Westen] aufzubauen: Die
       NRW-Parteizentrale hat ihren Sitz in einer alten Tischlerei in der
       Marienstraße 66a im Arbeiterstadtteil Kray, den die Rechtsextremen bereits
       arrogant und vermessen „Nationale Zone“ nennen.
       
       ## Vernetzung national und international
       
       Dort versucht Parteichef Claus Cremer gezielt, bisher im Stil sogenannter
       „freier Kameradschaften“ organisierte junge Leute an die Partei zu binden.
       Geschaffen werden soll so ein Bündnis aus alten, in Parteistrukturen
       eingebundenen Rechtsextremen und teils noch jugendlichen, radikalisierten
       und extrem gewaltbereiten Neonazis.
       
       Auch international bemüht sich Cremer um Vernetzung: Der Rechtsextremist
       hat bestätigt, am 11. April in der ungarischen Stadt Győr an einem
       Gedenkmarsch der neofaschistischen „Légió Hungária“ teilgenommen zu haben.
       Die paramilitärische Gruppe organisiert [4][jedes Jahr in Budapest den
       sogenannten „Tag der Ehre,] der die non-binäre Antifaschist*in Maja T.
       aus Thüringen rechtswidrig in ungarische Haft gebracht hat.
       
       Gerade am Tag der Arbeit solle den Faschisten kein Platz gegeben werden,
       hatten ESSQ-Sprecher Christian Baumann und der Geschäftsführer der
       DGB-Region Essen-Mülheim-Oberhausen, Jan Mrosek, schon im Vorfeld der
       Proteste erklärt. „Die ‚Heimat‘ ist eine gesichert rechtsradikale Partei,
       will die Demokratie vernichten“, sagte Mrosek der taz. „Das sind direkte
       Nachfolger der Hitler-Nazis“, warnte der DGB-Mann. Am 2. Mai 1933 hätten
       die Nationalsozialisten Gewerkschafter „inhaftiert, misshandelt und in den
       Kellern der Gewerkschaftshäuser zu Tode geprügelt“.
       
       Eine „Provokation“ sei der Aufmarsch der Faschisten gerade am 1. Mai,
       findet nicht nur Mrosek. „Der 1. ist der Tag der Arbeiter:innen, der
       Gewerkschaften, des sozialen Fortschritts – und nicht der Neonazis“,
       betonte auch ESSQ-Sprecher Baumann. „Wir lassen uns den 1. Mai nicht
       nehmen, er gehört all denen, die für Solidarität, soziale Gerechtigkeit und
       Demokratie einstehen. Es ist unser Tag, unsere Straße, unsere Stadt“, sagte
       DGB-Geschäftsführer Mrosek.
       
       ## Nazis fast eingekesselt
       
       Mehr als tausend ESSQ-Unterstützer:innen protestierten deshalb am Freitag
       auf dem Essener Hans-Toussaint-Platz lautstark in Sichtweite der geschätzt
       maximal 200 Neonazis, die sich ab 13 Uhr auf dem Hirschlandplatz versammelt
       hatten. „Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda“, riefen ihnen die
       Gegendemonstrant:innen dabei zu. Auch der Theaterplatz vor dem
       Grillo-Theater war voll mit Antifaschist:innen.
       
       Die Rechtsextremen waren damit fast eingekesselt und konnten sich nur unter
       Polizeischutz auf dem Hirschlandplatz bewegen. Zuvor hatten Beamt:innen
       rund 50 Neonazis schon am Bahnhof des etwa fünf Kilometer entfernten
       Vororts Altenessen aufgehalten. Die Gruppe soll vor ihrer Fahrt nach Essen
       im ehemaligen Neonazi-Brennpunkt Dortmund-Dorstfeld eine Reichskriegsflagge
       gezeigt und Polizist:innen mit einem Gegenstand beworfen haben.
       
       Nur wenige hundert Meter von den Neonazis entfernt forderten tausende
       Demonstrierende unter dem Motto „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“
       außerdem eine Verteidigung des Sozialstaats. „Wir erleben derzeit Angriffe
       auf zentrale Arbeitnehmerrechte wie den 8-Stunden-Tag, die Lohnfortzahlung
       im Krankheitsfall und unsere soziale Sicherung“, erklärte der Essener
       DGB-Vorsitzende Lucas Rose.
       
       Ausgerechnet in einer Situation, in der viele Beschäftigte unter steigenden
       Preisen und Unsicherheit im Job litten, werde „der Sozialstaat infrage
       gestellt“, kritisierte Rose auch mit Blick auf die [5][anstehenden Reformen
       der gesetzlichen Krankenversicherung] sowie der Altersversorgung [6][und
       drohenden Rentenkürzungen]. Die Politik und damit die von CDU/CSU und
       Sozialdemokrat:innen gestellte Bundesregierung müsse soziale
       Sicherheit ausbauen, „statt sie Stück für Stück abzubauen“.
       
       ## SPD soll mutiger werden
       
       Gerade die SPD müsse „die Verteilungsfrage stellen“ – und zwar „nicht
       zaghaft, sondern zusammen mit Linkspartei, Grünen und Gewerkschaften“,
       glaubt DGB-Geschäftsführer Mrosek. Alles andere spiele nur der AfD in die
       Hände, die gerade in den finanziell schwachen Stadtteilen des nördlichen
       Ruhrgebiets erschreckend stark erscheint. Als „Nazis in Nadelstreifen“
       verfüge die AfD über keinerlei Lösungen, sagte Mrosek: „Auch die AfD bietet
       eine im Kern faschistische Ideologie“, wolle Zugewanderte zur „Remigration“
       zwingen.
       
       „Unser Protest richtet sich deshalb auch ganz klar gegen die AfD“, so
       Mrosek. Die [7][rechtsextreme Partei stehe nicht nur für Umverteilung von
       unten nach oben], sondern gegen alles, was das multikulturelle, seit mehr
       als 150 Jahren von Zuwanderung geprägte Ruhrgebiet ausmache. Außerdem: Ohne
       die Arbeitsleistung von Migrant:innen breche die Wirtschaft nicht nur im
       Ruhrgebiet, sondern deutschlandweit zusammen, warnt der Gewerkschafter:
       „Wenn die Zugewanderten weg wären, bricht uns die Bude nicht nur hier in
       Essen zusammen.“
       
       1 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://essq.de/
 (DIR) [2] https://www.im.nrw/system/files/media/document/file/vsb2025_online_0.pdf
 (DIR) [3] /Drohender-Neonaziaufmarsch/!6173424
 (DIR) [4] /Rechte-Gedenkveranstaltung-in-Budapest/!6154804
 (DIR) [5] /Was-bedeutet-das-Gesetz-zur-Krankenkassen-Finanzierung-fuer-Versicherte-Ein-FAQ/!6175004
 (DIR) [6] /Debatte-ueber-Rentenreform/!6136407
 (DIR) [7] /Politologe-ueber-AfD-Waehler/!6171764
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Wyputta
       
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