# taz.de -- Revolutionärer 1. Mai in Kreuzberg: Die Party ist nicht der Gegner
> Man muss nicht klagen über besoffene Partykids, die der Revolutionären
> Demo im Weg standen. Die Fans von Ikkimel und RAPK sind für Linke die
> Verbündeten.
(IMG) Bild: Ikkimel-Fans am Mariannenplatz
Aus Sicht der [1][Revolutionären 1. Mai-Demonstration] muss von einem
Reinfall gesprochen werden. Über Stunden hat es der große Teil des Aufzugs
nicht durch die rappelvolle Partyzone in der Oranienstraße geschafft.
Zwischen der Spitze der Demo und ihrem nachfolgenden Teil lagen anderthalb
Kilometer, und hätte man vorne nicht eine Stunde Pause eingelegt, wäre die
Demo für einige beendet gewesen, bevor sie für andere überhaupt begann.
Es ließe sich leicht konstatieren, dass die politische Aktion an der
Kreuzberger Mega-Party gescheitert ist. In dieser Lesart, und sie hat ihre
Berechtigung, hat [2][die Party den Protest endgültig besiegt] und ist
Kreuzberg als Ort des politischen Widerstands am 1. Mai Geschichte. Und
sicher werden sich die Organisator:innen fragen müssen, ob die
Rückkehr in den angestammten Kiez nach zwei Jahren, in denen man in
Neukölln verblieben war, nicht ein Fehler war, der zukünftig nicht mehr
wiederholt werden sollte.
Doch diese Perspektive ist nur ein Teil der Wahrheit. Richtig ist auch: Die
linksradikale Demo hat wieder Massen angezogen, auch wenn eine seriöse
Schätzung angesichts der Umstände nahezu unmöglich ist; kursierende Zahlen
reichen von 10.000 bis 35.000. Vor allem aber haben ihre
Teilnehmer:innen Standhaftigkeit bewiesen. Wer um 18 Uhr am
Oranienplatz angekommen und um 22 Uhr noch nicht über den Rio-Reiser-Platz
600 Meter weiter hinausgekommen war, aber dennoch lautstark in den Blöcken
verblieb, meinte es ernst. Diese Demo bleibt für viele wichtig und ist mehr
als ein Event.
Zur Wahrheit gehört zudem: Die zehntausenden überwiegend jungen Menschen,
die in Kreuzberg feierten, sind nicht das Ende der Revolte, sondern
relevanter Bestandteil einer alternativen Stadt, die sich gegen einen
CDU-geführten Senat und den Vormarsch der AfD behauptet. Wer sich im Kiez
umgesehen hat, auch den Jubel vom Seitenrand für die Demonstrant:innen
und das Einstimmen in ihre Sprechchöre, muss eigentlich zu dem Schluss
kommen: The kids are alright.
## Alle wollen dasselbe
Zum Infarkt auf der Oranienstraße hat ausgerechnet ein Konzert der
[3][Kreuzberger Rap-Crew RAPK] beigetragen, die in ihren Tracks gegen
Racial Profiling im Görlitzer Park, die Polizeiwache am Kottbusser Tor und
Gentrifizierung ansingen. Zeitpunkt und Ort des Gigs mögen ungünstig
gewählt worden sein. Aber den organisierten Linksradikalen sollte die
Popularität solcher Künstler:innen mehr Hoffnung als Frust bereiten.
Dasselbe gilt für den Auftritt der Rapper von Teuterekordz als Headliner
der Party im Görli, die mit ihrer Musik Partykids abholen und dabei stabile
Antifa-Inhalte vermitteln. Und es gibt wahrlich schlimmere Entwicklungen
als zehntausend Jugendliche, die [4][„Merz leck Eier“] rufen und damit
nicht mit einstimmen in den allgemeinen Tenor von Aufrüstung und
Militarismus.
Wäre noch die Frage zu klären, ob die Linke der Demonstration in den Rücken
gefallen ist, indem sie zur Demo-Prime-Time die [5][Rapperin Ikkimel] auf
ihrem Fest am Mariannenplatz auftreten ließ und damit ebenfalls zur
Überfüllung des Kiezes beitrug. Aus Organisationssicht lässt sich dagegen
wenig sagen: Die Linke kämpft nicht um die Linksradikalen, die sie je nach
Standpunkt sowieso oder gar nicht wählen, sondern um Mehrheiten im nächsten
Senat.
Es wäre weltfremd zu fordern, dass die noch wenig bekannte
[6][Bürgermeisterkandidatin Elif Eralp] sich die Gelegenheit entgehen
lässt, ein bisschen vom Ikki-Ruhm abzugreifen. Schließlich ist der
selbstbewusste Feminismus, den die neue Pop-Rap-Ikone ihren Fans
vermittelt, eben auch ein nicht zu unterschätzender politischer
Meinungsbeitrag. Wer Ikkimel versteht, kann das Patriarchat und die AfD nur
überwinden wollen. Und da sind sich dann eben doch alle in Kreuzberg einig.
2 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Erik Peter
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